DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL

Hanns-Seidel-Stiftung HSS
Deutscher Lehrerverband DL
Arbeitsgemeinschaft Bayerischer Lehrerverbände abl
Bund Freiheit der Wissenschaft bfw

München 30. April 2014

  

Expertentagung

Talente finden – Begabungen fördern – Eliten bilden

Einführung

Josef Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL)


Eigentlich müsste man in Deutschland unverkrampft über Elite diskutieren können. Man kann es aber nicht, denn viele in Deutschland packen dieses Thema nach wie vor mit spitzen Fingern an.

Während Franzosen oder US-Amerikaner mit „Elite“ sowie mit Eliten keinerlei Probleme haben, ist „Elite“ in Deutschland immer noch ein Reizwort – ganz in der Nähe von „Privileg“, „Arroganz“, gerne assoziiert mit reaktionär-repressiver, gar kryptofaschistischer Haltung.

Was nicht alle sind, darf keiner sein.
Was nicht alle haben, darf keiner haben.
Was nicht alle können, darf keiner können.

Das scheint öffentlich zu gelten. Also soll es offenbar - außer im Sport und in der Musik - keine Elite geben. Und große Teile der Medien-Elite sonnen sich in ihrem Anti-Elite-Affekt:

-      Ein sonntägliches TV-Talk-Ersatzparlament titelt: „Gierig, maßlos, arrogant – Elite am Pranger“.

-      Ein Elite-„Forscher“ gibt Definitionen wie folgende zum besten: Elite sind die, die eine Jacht kaufen, am Starnberger See wohnen, Golfen und Segeln gehen und deren Kinder in Nobelbars mehrere hundert Euro für eine Flasche Champagner auf den Tisch legen. Überhaupt, so der Elite-Forscher: Elite sei undemokratisch und anachronistisch.

-      Für einen anderen „Wissenschaftler“ ist der Ruf nach Elite die vornehme Variante der Forderung nach dem „starken Mann“.

Viel Zerrbild also! Dass wir manchmal nicht nur ein Unterschichten-, sondern auch ein Oberschichtenproblem haben, wissen wir. Natürlich gibt es Problem-Eliten, Abzocker und Nieten in Nadelstreifen. Gewiss gibt es die Steuerflüchtigen und die Yellow-Press-„Celebrities“, die nur strahlen, weil sie angestrahlt werden.

Aber weder pseudoelitäres Gehabe noch der Missbrauch von Elite durch Faschismus und Kommunismus machen Eliten überflüssig.

Vielmehr gilt: Der Dualismus Masse versus Minderheit besteht seit Urzeiten. Schon in der Bibel (Matth. 20,16 / 22,14) heißt es: Multi vocati, pauci electi – Viele sind gerufen, wenige aber auserwählt. Die Geschichte der Völker und Staaten ist vor allem eine Geschichte ihrer Eliten.

Heute gilt zudem: Je komplexer Gesellschaft, Wirtschaft und Wissenschaft, umso mehr sind wir auf Eliten (Plural!) angewiesen: auf wissenschaftliche, technologische, wirtschaftliche, künstlerische, intellektuelle, religiöse, pädagogische, gewerbliche, handwerkliche, soziale …

Nur Häuptlinge und keine Indianer – das funktioniert nirgends.

Deshalb geht es nicht ohne Eliten – nicht ohne Auswahl der Fähigsten, wie sie ja im lateinischen Wort „eligere“ (= „auswählen“) zum Ausdruck gebracht wird.

Vor diesem Hintergrund haben wir denn doch lieber demokratisch legitimierte Eliten, dann ist noch am ehesten garantiert, dass es sich hier um Eliten der zumindest näherungsweise Besten handelt.

Demokratie und Eliten – das ist kein unversöhnlicher Gegensatz, sondern wechselseitige Bedingung.

Aus Demokratie darf freilich auch keine Versammlung gleich Mittelmäßiger oder gar ein „Konvent von ungefähr gleich Unwissenden“ werden (Peter Sloterdijk 1999).

Deshalb muss jede Gesellschaft - zumal eine demokratische - offen sein für neue Eliten, die hinsichtlich Mechanismen der Allokation transparent sind und die zugleich auswechselbar bleiben.

Joseph Alois Schumpeter nennt gerade die Auswechselbarkeit in seinem 1942 in den USA erschienenen Klassiker „Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie“ die „lebenswichtige Tatsache der Führung“. Der Vorteil der Demokratie dabei sei, dass sie den Austausch von Eliten ohne Blutvergießen ermögliche.

Wer legitimerweise die herrschende Minderheit ist, darüber gilt es zu streiten. Bloße Macht-Elite oder blanker Geldadel kann es nicht sein; bloße Funktionselite darf es auch nicht sein, denn wertfreie Eliten sind keine Eliten.

Eine Leistungs- und Verantwortungselite muss es sein, die in  Personalunion zugleich Reflexions-, Verantwortungs-, Werte-Elite ist.

Vor dem Hintergrund einer Verpflichtung von Eliten auf eine Ethik der Verantwortung ist selbst Ungleichheit gerecht – nämlich dann, wenn Elite allen, gerade Schwächeren, nützt, wenn das Handeln von Eliten quasi zu einem „inequality surplus“, zu einem Mehrwert führt.

Ein diffuser Anti-Elitismus bzw. Anti-Intellektualismus hilft keiner Demokratie weiter. Und umgekehrt ist eine Demokratie dann in größter Gefahr, wenn ihr die intellektuelle Elite die Loyalität entzieht.

Nehmen wir die nur 14 Jahre währende Weimarer Republik. Dort hatte es der Idee Demokratie und der real praktizierten Demokratie an der Loyalität der Eliten und Intellektuellen gefehlt: vonseiten der Konservativen ebenso wie vonseiten der Linksintellektuellen.

Nein, Demokratie braucht die (kritische) Sympathie Intellektueller, nicht deren klammheimliche Genugtuung ob gesellschaftlicher Missstände.

Wir brauchen umfassend gebildete Eliten – Eliten, die Ausnahmezustände sehr schnell begreifen und die aus ihrer historisch-kulturellen Unterkellerung heraus die Legitimität vorhandener oder zukünftiger Umstände reflektieren (vgl. Heike Schmoll: Lob der Elite)

Wir brauchen zudem ein Verständnis von Elite, bei dem die Gedanken des Dienens und des Respekts eine maßgebliche Rolle spielen. Das gilt zumal für Macht-Eliten, deren Spitzen nicht umsonst „Minister“ (von lateinisch „ministrare“ = dienen) heißen. Plakativ könnte man sagen: Elite

-      heißt Verdient-Machen durch „öffentlichen Dienst“, durch ein „Ethos des Dienstes am Gemeinwohl“ (Max Weber);

-      heißt, „Treuhänder“ der Allgemeinheit (Kaltenbrunner) zu sein;

-      heißt, taktvoll umzugehen mit denen, die bestimmte Leistungen nicht erbringen können.

So gesehen, verbindet sich Elite mit charakterlicher Integrität.

Wie aber Eliten gewinnen?

Elite-Rekrutierung durch Protektion wäre der falsche Weg, denn eine Elite, die damit unter sich bliebe, bringt nichts.

Vielmehr spielen hier Erziehung und Bildung hinein, selbst wenn man Eliten nicht bis ins letzte planen kann. Man kann sie aber fördern.

Die Förderung besonders Leistungsfähiger stellt auch keinen Ersatz, sondern eine Ergänzung einer breiten Bildung aller sowie einer besonderen Förderung Lernschwacher und Benachteiligter dar.

Wie wir in Deutschland hier quer durch alle Bildungsbereiche und Schulformen weiterkommen können, das zu untersuchen, ist Anliegen dieser Tagung!

Über allem gilt als Motto, was Karl Jaspers 1960 schrieb: „Die Demokratie schaufelt sich selbst das Grab, wenn sie die Stärke des Ganzen dadurch mindert, dass sie nicht die Besten zur Geltung kommen lässt.“

 

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