DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL


Konrad-Adenauer-Stiftung - Bildungswerk Mainz

7. September 2013

Politischer Salon „Beschleunigung“

Wider den Gott Velozifer in der Bildung

- Von Josef Kraus -

Bildung hat einen vierfachen Auftrag:

-       Sie hat Nützliches und Verwendbares zu vermitteln, das heißt, wetterfest zu machen für Beruf und Arbeitswelt.

-       Sie hat die Heranreifung einer  persönlichen Identität zu unterstützen.

-       Sie hat einen Wertekosmos („Leitkultur“) und dadurch kulturelle Identität zu vermitteln.

-       Und sie hat zu vermitteln, dass der Mensch nicht nur eine funktionierende Maschine sein kann, sondern sie hat zu vermitteln, welche Chancen in Muse und Muße stecken.

 

Diese vier Zielsetzungen sollten sich die Waage halten. Das tun sie aber nicht. Denn das Gleichgewicht

-       zwischen Bilanzierung und Freiraum,

-       zwischen Verwertungsdenken und Bildungsauftrag,

-       zwischen Ökonomie und Kultur,

-       zwischen Zielstrebigkeit und Entschleunigung

ist weg in dem Bereich, den manche für Bildung halten.

 

Das Volk der Dichter, Denker und Pädagogen droht bildungspolitisch

-       in die Falle des blanken Verwertungsdenkens zu tappen (getreu der uralten Schülerfrage: „Für was brauch‘ ich das später in meinem Leben?“).

-       Dieses Volk droht aber auch in die Falle eines irrsinnigen Beschleunigs- und Frühförderwahns zu tappen, eines Wahns also, alle sog. Bildung in kürzester Zeit vermitteln und damit möglichst schon im Mutterleib starten zu können. „Fötagogik“ qua „Mozart schon im Mutterleib“ scheint angesagt, um kurz danach in FasTrackKids-Kindergärten einzumünden (Fast-Track = Überholspur.)

 

Wäre ich heute für die Abteilung Kabarett zuständig, würde ich sagen: Verkürzt doch endlich die Schwangerschaft von S9 auf S6; die Pränatalmedizin ist längst so weit. Dann kommen die Kinder schneller auf die Karriereleiter und die Mütter schneller auf diese zurück.

 

Der Furor, alles immer messen zu müssen, kommt hinzu: Bildung scheint für manche Leute das zu sein, was irgendein seichter Multiple-Choice-Test an Ankreuz-Kompetenz misst oder was die OECD an sog. Akademikerquoten vorgibt.

 

Apropos „Kompetenz“: Seit ein paar Jahren berauschen sich Bildungspolitik und sog. Bildungswissenschaften an „Kompetenzen“, weil man meint, für Inhalte keine Zeit mehr haben zu dürfen. Just-in-time- und Download-Knowledge sind angesagt, Schnellbleiche und Last-Minute-Qualification eben!

Schier inflationär sollen sich diese Kompetenzen über unsere Schüler ergießen: (Alle nachfolgend genannten Kompetenzen kann man in deutschen Lehrplänen finden). Als das sind: ….. Methoden-Kompetenz, Medien-Kompetenz, Handlungs-Kompetenz, Sozial-Kompetenz, Human-Kompetenz, Kritik-Kompetenz, mentale Kompetenz, Frage-Kompetenz, Orientierungs-Kompetenz, Strukturierungs-Kompetenz, Analyse-Kompetenz, Urteils-Kompetenz, De-Konstruktions-Kompetenz, Re-Konstruktions-Kompetenz, Narrative Kompetenz, Personal- und Selbst-Kompetenz … Und wiederkehrend: Handlungskompetenz – Dübeln statt Grübeln offenbar!

Deutsche Lehrpläne !!!! Hohl !!!! Erschreckend !!! Aus Lehrplänen werden Leerpläne!

Alles Quatsch! Solche vollgaspädagogische Verbalerotik ist zum Problem geworden, als dessen Lösung sie sich großspurig ausgibt!

Ein psychiatrisch Geschulter würde hier womöglich Logorrhoe oder Graphorrhoe diagnostizieren. (Sprech- und Schreibdurchfall)

 

Mit Blick auf eine solchermaßen hyperaktive Bildungspolitik, die Deutschland erfasst hat, fällt mir eigentlich nur noch mein Namensvetter Karl Kraus ein: „Es genügt nicht, keine Gedanken zu haben; man muss auch unfähig sein, sie auszudrücken.“

Zwischenbilanz

Der seit Jahren beschleunigungspädagogisch begründete Paradigmenwechsel der Bildungspolitik hin zur Kompetenzorientierung stellt sich zunehmend als Trojanisches Pferd für die Schulen heraus.

Denn das Ergebnis ist eine Schule ohne konkrete Wissensinhalte. Zum Beispiel ein Geschichtsunterricht ohne Geschichte.

Das ist der Einstieg in eine Erziehung zur Unmündigkeit!

Dabei wäre konkretes Wissen so unendlich notwendig, weil es ein großes Stück Freiheit ist. Wer nämlich zu wenig weiß, muss zu viel glauben. Ein solcher Mensch wäre nicht mündig, weil er verführbar wäre für jede Lüge und Halbwahrheit.

Außerdem gilt: Wissende, urteilsfähige Menschen zu erziehen kostet eben mehr Zeit als politisch Gläubige.

Fehlt solides Wissen, wird aus Urteilen außerdem zu leicht pure Meinung, und die Gesinnung triumphiert über die Urteilskraft.

Deshalb gilt: Wissen - zumal historisches und vermeintlich unnützes - ist die Chance des Widerstands und der befreienden Kraft gegen Indoktrination.

 

Nach den kritischen Worten über inhaltsleere Kompetenzenpädagogik ein Wort zur Vergötzung von Beschleunigung - zu Gott Velozifer !!!

Velozifer - es war Goethe, der dieses Kunstwort prägte: „veloziferisch“ – das ist „velocitas“ für Eile und „lucifer“ für den Gott des Lichts bzw. den gefallen Erzengel.

Gewiss soll der Mensch etwas machen aus seiner Zeit und sie keineswegs vergeuden. Wahrscheinlich hätte es den Aufstieg Europas nicht gegeben ohne diese Haltung, dessen besonders markantes Ergebnis der fleißige Michel ist.

Aber zurück zum Verhältnis von Bildung und Zeit: Wer über Bildung nachdenkt, muss über Zeit nachdenken. Er wird dabei verwundert feststellen: Die Menschen haben immer mehr Zeit, und deshalb hätten sie eigentlich immer mehr Zeit für Kulturelles und Bildung:

-       Die Lebenserwartung steigt in der westlichen Welt unvermindert an.

-       Die verbindliche Arbeitszeit hat sich in einem Jahrhundert zugunsten der „Frei“-Zeit fast halbiert.

-       Die für einen Produktionsvorgang notwendige Zeit hat sich aufgrund neuer Werkzeuge und Technologien immer mehr verkürzt.

-       Die Informationsbeschaffung hat sich dramatisch beschleunigt.

-       Wir haben pro Familie immer weniger Kinder, um die man sich kümmern muss.

-       Reisen und Transporte dauern nur noch einen Bruchteil der früheren Reisezeit.

Wir haben damit einen Gewinn an Zeit.

Aber jetzt das Paradoxe: Wir haben immer mehr Zeit, aber die Zeit wird uns immer knapper. Diese Knappheit an Zeit ist freilich hausgemacht: Wir sind, ob jung oder alt, zu Simultanten geworden (nicht zu verwechseln mit Simulanten) - Simultanten, die alles Mögliche simultan tun wollen, um Zeit zu gewinnen – und um ja nichts zu versäumen.

Die Folge ist eine hochgradige Zeitneurose in Form eines „multi-tasking“.

Wir haben uns einem rasenden Stillstand ausgeliefert und damit den Zustand einer Stagnation durch tatsächliche oder vermeintliche Innovation erreicht. (Joseph Weizenbaum spricht von „Stagnovation“.) Damit sind wir bei einem Zustand angekommen, in dem - wie beim tödlichen Herzflimmern - das hektische Oszillieren von einem totalen Stillstand nicht mehr zu unterscheiden ist. Die Folge ist: Die Gegenwart schrumpft. Das Nächste, das Zukünftige ist schneller da, und wenn es da ist, dann ist es sofort schon Vergangenheit.

Es ist auch falsch, Zeit nur physikalisch als „Leistung ist gleich Arbeit je Zeiteinheit“ zu betrachten. Ebenso falsch ist es, Zeit nur ökonomisch nach dem Grundsatz „time is money“ zu betrachten.

Vielmehr sollten wir Zeit gleichberechtigt philosophisch betrachten. Jeder Mensch verfügt dementsprechend nur (!) über ein gewisses Maß an Zeit. Seneca spricht von dem „tempus suum“ eines jeden Menschen. Diese je eigene Zeit – so Seneca – sei des Menschen wichtigstes Eigentum. Wird sie gestohlen, ist sie unwiederbringlich. Sie ist das Einzige, was man nicht verschenken kann (außer indem man andere in Ruhe lässt).

Nichts macht zum Beispiel einen Menschen wütender, als wenn Wichtigtuer und Querulanten ihm Zeit rauben.

Zeit haben heißt Weile haben. Eine solche Weile

-       kann kurz sein, als Weilchen ist sie etwas durchaus Nettes,

-       und sie kann lang sein.

Als lange Weile (Langeweile) kennen wir sie in zwei Ausprägungen:

-       als niedere und

-       als hohe Langeweile.

Niedere Langeweile: Sie

-       ist oft ätzend:

-       macht aggressiv,

-       vermittelt das Gefühl der Verlorenheit,

-       „vermittelt“ nicht selten ein Sinnvakuum.

-       In der Folge kann sich eine schmerzliche Selbstaufmerksamkeit bis hin zur Hypochondrie einstellen.

-       Es kann sich daraus unter anderem ein zielloser Konsumismus ergeben. Folge: „Wir amüsieren uns zu Tode“, wie Neil Postman in seinem Buch gleichen Titels nachwies.

Es gibt daneben die „hohe“ Langeweile, die den Menschen erst zum Menschen macht. Voltaire wusste: Wenn sich Affen langweilen würden, wären sie Menschen.

Hohe Langeweile kann eine kreative Kraft sein, weil das Neue und das Wesentliche damit eine Chance erhalten. Deswegen braucht der Mensch neben der „vita activa“ die „vita contemplativa“, das Zurücklehnen, die Faulheit; das hat etwas enorm Konstruktives.

Viele Erfindungen der Menschheit gäbe es nicht, wenn die Menschen aus Faulheit nicht Erfindungen gemacht hätten, die ihnen die Arbeit erleichtern und die das Faulsein ermöglichen; man denke an Roboter oder Haushaltsautomaten.

Nennen wir das Ausleben einer höheren Langeweile Muße. Solche Muße ist schöpferische Gestaltung freier Zeit.

Solche „hohe“ lange Weile stand womöglich an der Wiege der Menschheit. Laut Kierkegaard schufen die Götter den Menschen, weil sie sich langweilten und weil sie sich belustigen wollten. Und Adam bekam aus seiner Rippe Eva geschaffen, weil er sich sonst gelangweilt hätte.

Noch einen Schritt weiter: Ja, es gibt ein Recht auf Faulheit!

Paul Lafargue kennt heute kaum noch jemand. Entreißen wir diesen französischen Arbeiterführer (1841 - 1911) trotzdem kurz dem Vergessen. Lafargue schrieb nämlich 1883 ein Pamphlet mit dem Titel „Recht auf Faulheit“. Darin finden sich so poetische Sätze wie: „O Faulheit, Mutter der Künste und der edlen Tugenden, du Balsam für die Schmerzen der Menschheit.“ (Lafargue war der Schwiegersohn von Karl Marx.)

Natürlich ist bekannt,

-       dass die Trägheit des Herzens eine der sieben Todsünden ist,

-       dass laut Volksmund Müßiggang ist aller Laster Anfang ist.

Dennoch sei eine Lanze gebrochen für die Faulheit.

Also Finger weg von der Faulheit! Sie ist oft ein letztes Ich-Fenster, aus dem wir - noch unbeeindruckt vom „chillen“ und „entertainment“ - in die Welt schauen können. Deshalb sollten die Menschen gelegentlich zur Notbremse greifen und ihr Da-Sein ent-schleunigen, damit es kein bloßes Bis-Sein, kein bloßes Schielen auf Fristen und Termine wird.

Die Menschen sollten sich Entschleunigungsinseln schaffen: nicht mit Rumhängen, Rumlungern – sondern mit Nachdenken, mit Meditieren, mit Lesen, mit Erzählen, Erzählen lassen und Zuhören. Damit streckt man die Zeit, schafft Raum für die Zeit.

Und wer es denn als Nihilist oder Existentialist so will, dem sei gesagt: Erst auf dem Gipfel der Langeweile erfährt man den Sinn des Nichts.

Für die These, dass Bildung lange Weilen braucht, gibt es ansonsten hochkarätige Begründungen:

-       Die gehirnphysiologische Begründung lautet: Der Mensch braucht den Schlaf, und die Geschwindigkeit der Abläufe im Gehirn ist nicht manipulierbar – allenfalls in Grenzen mit Drogen. Das heißt: Das Denken lässt sich nicht maßgeblich beschleunigen.

-       Sodann die lernpsychologische Begründung: Das Neue braucht seine Zeit, damit es aus der Flüchtigkeit des Kurzzeitgedächtnisses in die Dauerhaftigkeit des Langzeitgedächtnisses hinübergelangt. Solches Lernen ist ein Schaffen von Redundanz, denn bislang Neues wird durch Lernen zum Überflüssigen – deshalb zum Überflüssigen, weil ich es dann ja weiß.

Das ist kein Plädoyer, faul zu sein und sich zu langweilen. Nein, das ist ein Plädoyer für ein Recht auf lange Weile – allerdings   n u r   für den, der vorher fleißig war.  Dann ist Müßiggang Trägheit mit Sinn.

Kurz: Faulheit ist das Privileg der Fleißigen.

Auf Maß und Mitte kommt es also an:

-       Nur zu „powern“ geht nicht, sonst ist man bald ausgebrannt.

-       Nur zu „relaxen“ geht ebenfalls nicht, sonst verblödet man.

Zum Abschluss ein anderes nachdenkenswertes Nietzsche-Zitat: „Unsere größten Stunden, das sind oft nicht unsere lautesten, sondern unsere stillsten.“

Dies sei allen Vorlauten hinter die Ohren geschrieben – gerade denjenigen, die „Bildung“ nur noch als ein Trimmen auf PISA-Werte und Akademikerquoten sowie als ein Trimmen auf Markt und Gelderwerb verstehen wollen.





 

 


 






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