DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL


Vom Triumph der Ideologie über das Urteilsvermögen

Bildung geht nur mit Anstrengung: Eine neue Streitschrift von Josef Kraus

von Karlheinz Kaden 

aus: Realschule in Deutschland 1/2012

In früheren Veröffentlichungen hat der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Josef Kraus, keinen Hehl daraus gemacht, was er von manchen Entwicklungen im deutschen Bildungswesen hält. 1998 nahm er mit seiner „Spaßpädagogik“ die Abkehr vom Begabungs- und Leistungsprinzip sowie die „Educational Correctness“ einer Gutmenschen-Pädagogik aufs Korn, 2009 rieb er sich in seinem Werk „Ist die Bildung noch zu retten?“ an den Auswüchsen einer standardisierten Pädagogik, in der Eliten diskreditiert werden und Bildungsgerechtigkeit zu einer „Zivilreligion der Gleichmacherei“ verkommen sei.

Kraus ist ein Vielschreiber und omnipräsenter Gast in zahlreichen Talkshows, der alle wichtigen bildungspolitischen Entwicklungen sorgfältig verfolgt und sie auf deren Bedeutung für den schulischen Alltag hin abklopft. Vieles stellt sich danach als Schaumschlägerei, ja Scharlatanerie heraus. Oft hat sich Kraus gegen Alarmismus und Katastrophengerede gewendet, wie sie die Boulevard-Blätter gelegentlich verbreiten. Als die Bildzeitung vor einigen Monaten mit der Behauptung aufmachte, zwanzig Prozent aller Fünfzehnjährigen könnten nicht lesen und dazu Tricks der Kids veröffentlichte, wie Schüler ihre Lehrkräfte hinters Licht führen, um diesen Mangel zu verbergen, wurde es sogar der Süddeutschen Zeitung zu bunt. „Zwanzig Prozent?“ fragte das Blatt. „Und wie schreiben die ihre SMS-Briefchen und Kommentare bei Facebook?“ Die SZ kam zu dem Ergebnis, dass die Schlagzeile wohl besser geheißen hätte, dass zwanzig Prozent schlecht lesen können.

Mit seinem jüngsten Band „Bildung geht nur mit Anstrengung“ wendet sich der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes ein weiteres Mal an die Öffentlichkeit und bleibt dabei seiner kritischen Sichtweise gegenüber ideologiegeprägten pädagogischen Theorien treu. In 33 kurzen Kapiteln greift der Autor zum einen Themen auf, über die er sich schon früher geäußert und sein Urteil durch die Einbeziehung neuerer Forschungsstände lediglich aktualisiert hat. Vieles ist aber auch neu und wird in dieser Prägnanz und Schärfe erstmalig vorgetragen. So greift Kraus massiv den Anspruch der Neurobiologie an, diese sei inzwischen zu einer pädagogischen Leitwissenschaft geworden, und entlarvt diese Selbstwahrnehmung als unangemessene Überheblichkeit. Ausgerechnet ein Zitat Gerhard Roths, des Nestors der deutschen Hirnforschung, gibt Kraus recht: „Keine der von den Neurobiologen vorgeschlagenen pädagogischen Maßnahmen ist wirklich neu“, heißt es in Roths Buch „Bildung braucht Persönlichkeit“.

Kraus selber kommt zu dem Schluss: „Die blanke Beschreibung einfachster Lernvorgänge, wie sie die Neurobiologie unter Einsatz hochkomplizierter Technik liefert, hilft zwar, dieses oder jenes pädagogisch besser zu verstehen, konkrete Lernrezepte lassen sich daraus aber nicht ableiten. Der Glaube aber gerade der Bildungspolitik, mit Hilfe der Hirnforschung ein Bildungssystem zu ungeahnten Höhen führen zu können, ist Aber- und Wunderglaube zugleich. In den allermeisten Fällen ist das, was die Neurobiologie liefert, nicht mehr und nicht weniger als die Bestätigung von Erfahrungen von Millionen Pädagogen, die diese ohne Elektroencephalographie (EEC), funktionelle Magnetresonanztomographie (fMRT), Magnetic Resonace Imagin (IMG) oder Positronen-Emissions-Tomographie (PET) gewonnen hatten“, verulkt er den Jargon der Zunft. „Ansonsten wird die Neurobiologie auch in Zukunft keinen neuropädagogisch konstruierten Nürnberger Trichter nach dem Vorbild des Poetischen Nürnberger Trichters der Barockliteratur zuwege bringen, sondern vermutlich immer wieder…uralte pädagogische Grunderkenntnisse bestätigen.“

Im Schlusskapitel seines Buches beschäftigt sich Kraus mit der Zuständigkeit von Bund und Ländern im Hinblick auf die Verantwortlichkeit gegenüber dem Schulwesen. Ohne Wenn und Aber favorisiert er dabei – wohlbegründet – einen föderalen Zuschnitt: „Hätte der Bund etwa mit dem Regierungswechsel 1969 die Bildungskompetenz gehabt, dann stünde Deutschland heute schlechter da, als von PISA attestiert. Dann hätten wohl alle damals elf und später 16 deutschen Länder ein einheitliches Schulwesen verpasst bekommen und am Ende Ergebnisse vorzuweisen wie die Schlusslichter Bremen und Berlin. So aber hat der Bildungsföderalismus wenigstens ein Minimum an Wettbewerb garantiert. Dass die süddeutschen Länder in Leistungsstudien gut, so manch andere schlecht abschneiden, ist immerhin ein konstruktiver Stachel. Was noch fehlt, das ist eine Kultusministerkonferenz, die endlich vom Einstimmigkeitsprinzip befreit wird und dann aufhören kann, sich am langsamsten der 16 Bundesländer zu orientieren.“

Kraus’ Buch bietet eine rasche und übersichtliche Orientierung über die Schlachtfelder der aktuellen deutschen Bildungs- und Schulpolitik. In sparsamem Umfang nennt es Zahlen und zitiert neuere und neueste Literatur. Eine Reihe von Thesen hat der Autor provokant zugespitzt. An keiner einzigen Stelle ist es langweilig.

 



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