DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - Aktuell


Bildung darf kein Spielball sein

Rezension von Rebecca Bellano, Preussische Allgemeine Zeitung, 31.1.2012

Man möchte dem Autor fast ständig ein zustimmendes „Ja“ zurufen, so klar, deutlich und punktgenau beschreibt er in seinem dünnen Buch „Bildung geht nur mit Anstrengung. Wie wir wieder eine Bildungsnation werden können“ die Missstände im deutschen Bildungssystem. Josef Kraus, Vorsitzender des Deutschen Lehrerverbandes und Gymnasialdirektor in Bayern, kennt die Materie, über die er schreibt, aus seinem Berufsalltag. Er ist kein Theoretiker, sondern Praktiker und weiß daher, dass viele der vor allem politisch motivierten Theorien zum Thema Bildung sich spätestens bei der Umsetzung in die Praxis als wirklichkeitsfremd erweisen.

Kraus betont gleich zu Beginn seiner Ausführungen, warum das Leistungsprinzip so wichtig sei, denn wer es „bereits in der Schule untergräbt, setzt eines der revolutionären demokratischen Prinzipien außer Kraft. In unfreien Gesellschaften sind Geldbeutel, Geburtsadel, Gesinnung, Geschlecht Kriterien zur Positionierung eines Menschen in der Gesellschaft.“ Zudem sei die Leistungsbereitschaft von Millionen von Menschen die Basis eines funktionierenden Sozialstaates.

Bereits im zweiten seiner 33 knappen Punkte erklärt er, warum Schule keine Institution zur Herstellung von Gleichheit sei, wie es vor allem linke Politiker wünschen, sondern zur Förderung von Verschiedenheit und Individualität. „Verschiedenheit ist keine Ungerechtigkeit. Vielmehr ist nichts so ungerecht wie die gleiche Behandlung Ungleicher“, so Kraus. „Menschen kommen nun einmal unterschiedlich auf die Welt. Wer völlige Chancengleichheit will, müsste die Menschen entmündigen. Er dürfte beispielsweise ausschließlich die Schwächeren und Langsameren fördern. Die Stärkeren und Schnelleren müsste er den Eltern wegnehmen, sie aus der Schule verbannen …“ Auch erklärt der Autor, warum aus seiner Sicht die Noten vieler Schüler immer besser würden: Nicht, weil die Schüler besser würden, sondern weil sich die Lehrer klagewütige Eltern vom Hals halten wollten.

Desweiteren geht der Autor auf die Vorteile des Sitzenbleibens ein, erklärt, wieso man Pisa-Bildungsstudien genauer betrachten sollte, und weist darauf hin, dass Gesamtschulen, deren Mehrwert er nicht erkennen kann, den Steuerzahler 25 bis 30 Prozent mehr kosten als andere Schulen. Auch das Märchen, dass eine um zwei Jahre verlängerte Grundschulzeit mehr Chancengleichheit schaffe, widerlegt er anhand von Studien.

Der Autor schwimmt mit vielen seiner Forderungen gegen den Strom und so begründet er mit guten Argumenten, warum in Zeiten, in denen selbst die CDU die Hauptschule abschaffen will, diese gefragter sein müsste als je zuvor. Nur eine Hauptschule könne sich den Bedürfnissen ihrer Zielgruppe annehmen. Die internationalen Forderungen nach einer Akademisierung der Gesellschaft passe nicht zu Deutschland mit seiner dualen Berufsausbildung. Überhaupt seien die Wirtschaftsdaten in jenen Regionen am besten, in denen es die wenigstens Abiturienten gebe. Dort finde man auch die geringste Jugendarbeitslosigkeit.

Auch erklärt der ehemalige CDU-Kandidat für das Kultusministerium in Hessen, warum er gegen den Zwang zur Ganztagsschule sei. „Ganztagsschule und Ganztagsbetreuung schränken das Spektrum kindlicher Erfahrungen ein. Damit geraten die sehr vielfältigen Möglichkeiten der Jugendarbeit an den Rand, nämlich die Angebote etwa der Sportvereine, der kirchlichen Jugendgruppen, der Musikschulen.“ Nur Schule wäre eine drastische Verarmung der Entwicklungschancen der Kinder, meint der Autor.

Gegen Ende äußert sich der Autor noch zum Thema Integration von Migrantenkindern und verweist in diesem Zusammenhang darauf, wie schädlich der jetzige Trend zu Privatschulen sei. Seine Argumente und Belege sind auch in diesem Fall schlüssig und faktenbezogen, was seine Ausführungen zu einer erfrischenden, bereichernden Lektüre macht. 

Rebecca Bellano

 

Josef Kraus: „Bildung geht nur mit Anstrengung. Wie wir wieder eine Bildungsnation werden können“, Classicus Verlag, Hamburg 2011, broschiert, 101 Seiten, 9,90 Euro





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