DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL
       
                         Zum Streit um die bessere Schulform
         
        Zentrale Studien des Max-Planck-Institutes für Bildungsforschung haben gezeigt:

        In Deutschland hat das mit dem 5. Jahrgang einsetzende, gegliederte Schulwesen
        einen sehr viel höheren Fördereffekt als jene Schulsysteme, in denen die Schüler erst
        ab dem 7. Jahrgang nach Fähigkeiten differenziert unterrichtet werden.
        Ab dem 5. Jahrgang sind homogenere Lerngruppen – unabhängig von den Qualitäten
        der Lehrerschaft – eine unverzichtbare Vorbedingung effizienten Unterrichtens.

So erreichen Realschüler und Gymnasiasten gegenüber vergleichbaren Gesamtschülern bis zum

Ende des 10. Jahrgangs in den Kernfächern Mathematik und Englisch einen Wissensvorsprung
von mehr als zwei Schuljahren (Baumert und Köller 1998). Am Anfang des 7. Jahrgangs hatten
sie bereits einen Vorsprung von etwa einem Schuljahr. „Frühe Differenzierung fördert leistungs-
starke Schüler.“ (Köller und Baumert 2008) – Es kommt also nicht nur auf die Lehrer an, sondern
auch auf die Zusammensetzung der Klassen.

Für leistungsschwächere Schüler hat die Gesamtschule keinen höheren Fördereffekt als die
Hauptschule. „Bei gleichen Eingangsbedingungen wird am Ende des 10. Jahrgangs ein identischer
Wissensstand erreicht.“ (Baumert und Köller 1998)

An Gesamtschulen, Sekundarschulen und anderen ähnlich organisierten Schulen ist die große
Spannbreite der Lernvoraussetzungen durch „individuelle Förderung“ nicht zu bewältigen. „Die
Binnendifferenzierung taugt nicht als eine erfolgversprechende Alternative zur Gruppierung der
Schüler nach Leistung.“ (Roeder 1997) Und jetzt soll durch „Inklusion“ die Heterogenität vieler
Schulklassen sogar noch gesteigert werden.

Dass die leistungsschwächeren Schüler in leistungsgemischten Lerngruppen durch den Umgang
mit erfolgreicheren Altersgenossen Tag für Tag hohen psychischen Belastungen ausgesetzt sind,
ist schon sehr früh bemerkt werden. „Die Hauptschule hat eine selbstwertschützende Funktion.“
(Baumert, Lehmann u. a. 1997)

                                     Diese Erkenntnisse der Bildungsforschung
                          zu den Nachteilen des „längeren gemeinsamen Lernens“
                                   sind in der Bildungspolitik nicht angekommen.

Sie könnten jedoch mit Daten der PISA-Studien bestätigt und aktualisiert werden, ebenfalls durch
Vergleiche vergleichbarer Schüler. Denn auch aus den PISA-Studien gibt es neben Daten zu den
familiären Verhältnissen der Schüler wiederum Daten zu ihren intellektuellen Grundfähigkeiten
(und zur unterschiedlichen Entwicklung ihres Selbstwertgefühls).

Erst durch Vergleiche von Schülern, die „vergleichbare soziale und intellektuelle Eingangsbedingungen“
 haben, kann der unterschiedliche Fördereffekt von Schulformen und Schulsystemen wirklichkeitsnah
dargestellt werden.

Es hätte zum Beispiel anhand der Klassenlängsschnitt-Analyse „PISA-KLL 2003“ mit den Daten
von mehr als 4.000 Schülern wiederum nachgewiesen werden können, dass leistungsstärkere
Schüler in homogeneren Lerngruppen ein deutlich höheres Lerntempo erreichen.

Und es hätte anhand der Daten von etwa 30.000 Neuntklässlern aus „PISA-E 2006“ für die
einzelnen Bundesländer der unterschiedliche Fördereffekt ihrer Schulsysteme durch Vergleiche
„vergleichbarer“ Schüler erheblich genauer – und daher sehr viel gerechter – beschrieben werden
können, als das bisher geschehen ist.

Aber solche Vergleiche wurden von der Kultusminister-Konferenz nicht zugelassen. (Die „Süddeutsche
Zeitung“ berichtete darüber am 30. Januar 2012: „Forscher erzürnt Zensur von PISADaten.“) Dass hier
die Freiheit des Forschens eingeschränkt wird, behindert einen wirklichkeitsgerechten, aufgeklärten
Umgang mit den derzeit betriebenen Änderungen der Schulstruktur.


                    Wissenschaft und Öffentlichkeit müssten auf diese Blockade reagieren,
                    im Interesse der Effizienz des deutschen Schulwesens.

Weitere Informationen auf www.schulformdebatte.de unter „MPIB-Projekte“ und „PISA-Befunde“
Ulrich Sprenger, Arbeitskreis Schulformdebatte e.V. Recklinghausen



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