DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL

Berlin, 20.06.2014

DL-Präsident Josef Kraus zur aktuellen Abitur-Debatte


(Josef Kraus hat sich in den letzten Tagen in Vorträgen, ferner in mehreren Interviews zur aktuellen Abitur-Debatte geäußert. Die hier wiedergegebenen Thesen und Informationen geben im wesentlichen seine Aussagen wieder.)

Das Abitur verliert mehr und mehr an Bedeutung und Ansehen. Erneut sonnt sich die Politik in Quoten, statt auf Qualität zu achten. Dass mittlerweile 57 Prozent eines Jahrganges eine Studierberechtigung erwerben, ist kein Qualitätsausweis. Mehr als je zuvor muss man zwischen Studierberechtigung und Studierbefähigung unterscheiden.

Sorge macht vor allem die Inflation an guten und sehr guten Noten. So gibt es immer mehr 1,0-Abiturzeugnisse: In Nordrhein-Westfalen hat sich die Zahl der Abiturienten mit der Note 1,0 von 455 im Jahr 2007 auf exakt 1.000 im Jahr 2011 mehr als verdoppelt. In Berlin hat sich die Zahl der 1,0-Abiturienten von 2002 bis 2012 vervierzehnfacht (von 17 auf 234). In Hamburg weiß man zudem immer häufiger bereits ein Jahr vorher, was bei den Prüfungen etwa in Deutsch zum Abitur oder zum Mittleren Schulabschluss als Lektüre drankommt.

Die Folge wird sein, dass das Abitur-Prinzip über kurz oder lang durch ein Aditur-Prinzip ersetzt wird. Das heißt, dass die Hochschulen Zugangsprüfungen einführen werden. Denn die Hochschulen werden erkennen, dass selbst beste Abiturzeugnisse ungedeckte Checks sind.

Schaufensterpolitik ist das Anlegen eines länderübergreifenden Aufgaben-Pools für das Abitur. Dieser Aufgaben-Pool berührt aber nur wenige Prozent-Anteile einer Abiturleistung, die sich bekanntermaßen zu rund zwei Dritteln aus den Fortgangsnoten von zwei Schuljahren sowie zu einem erheblichen Teil des dritten Drittels aus den Ergebnissen mündlicher Prüfungen und landeseigener Aufgaben zusammensetzt.

Allerdings setzen die Hochschulen die Politik der Inflation an Bestnoten fort. Ende 2012 sah sich der Wissenschaftsrat zu Recht genötigt, den warnenden Zeigefinger zu erheben. Immerhin war der Anteil der Hochschulabschlüsse (ohne Lehramt) mit den Noten 1 und 2 vom Jahr 2000 bis zum Jahr 2011 von 67.8 Prozent auf 76.7 Prozent gestiegen. In den Fächern Biologie und Psychologie hatte sich der entsprechende Anteil auf 98 bzw. 97 Prozent gesteigert.

Die Inflation an besten Abiturnoten birgt auch eine sozialpolitische Problematik in sich. Wenn die Maßstäbe heruntergenommen werden und der Hochschulzugang von Eingangstests abhängig gemacht wird, haben Heranwachsende mit sozial schwächerem Familienhintergrund eher das Nachsehen.

Leider zeigt die aktuelle Entwicklung, dass ein zentrales Abitur kein Garant für hohen Anspruch ist, sondern dass man mit einem zentralen Abitur auch unteres Niveau festklopfen kann.

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