DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL

aus "Donaukurier" vom 18.02.2013


"Es gibt keine pädagogischen Gründe für die Abschaffung"


Gabriele Ingenthron sprach mit dem Vorsitzenden des Deutschen Lehrerverbandes.




Sie befürworten das Sitzenbleiben. Was bringt es dem Kind?

Josef Kraus: Ich befürworte, dass die jungen Leute den Ernst der Lage erkennen. Wir haben in Deutschland schon eine Liberalisierung der Sitzenbleiberquote, deutschlandweit liegt sie bei 1,5 Prozent. Das ist eine Zahl, die keinen Anlass gibt, das Ganze so erhitzt zu diskutieren.

 

Das haben nicht Eltern hochgekocht, sondern die Politik.

Kraus: Man muss sich wirklich fragen, ist es sinnvoll, den jungen Leuten alle Hindernisse, alle Probleme aus dem Weg zu räumen. Oder erschlagen wir auf die Art und Weise nicht auch das Aufkeimen von Eigenverantwortung und von Durchhaltevermögen?

 

In welchen Klassen wird am häufigsten sitzen geblieben?

Kraus: Das ist im wesentlichen die Pubertätsphase, wobei wir eine deutliche Differenz zwischen Mädchen und Buben haben. Die Durchfallerquote bei Buben ist etwa zweieinhalb Mal so hoch wie bei Mädchen.

 

Buben sind ja nicht weniger intelligent. Bedeutet das, dass Buben sitzen bleiben, weil im Schulsystem zu wenig auf ihre Bedürfnisse eingegangen wird?

Kraus: Diese Diskussion muss man führen. Wir haben einen Nachteil bei den heranwachsenden Männern, ob wir daraus den Schluss ziehen sollten, Buben und Mädchen getrennt zu unterrichten, glaube ich nicht. Das wäre zu langweilig.

 

Was läuft dann für Sitzenbleiber schief in der Schule?

Kraus: Das Wiederholen eines Schuljahres ist die große Chance, sich zu stabilisieren, sich zu konsolidieren und Anlauf zu nehmen, dass es im nächsten Jahr besser läuft.

 

Behindert es den Lernerfolg nicht, wenn das Selbstvertrauen geschwächt wird und sie aus der Klassengemeinschaft gerissen werden?

Kraus: Ich sehe die Probleme mit der Integration in eine neue Klasse nicht. Was bringt es einem jungen Menschen, der in drei oder vier Kernfächern eine Fünf hat, ansonsten nur wackelige Vierer? Wenn man den in die nächsthöhere Jahrgangsstufe schiebt, läuft der doch einer Frustration hinterher.

 

Finanzkräftige Eltern schalten rechtzeitig den Nachhilfelehrer ein. Wo bleibt beim Sitzenbleiben die Bildungsgerechtigkeit?

Kraus: Ein Kind bringt man nicht mit Nachhilfe zum Abitur. Irgendwann muss das selber laufen. Viele Eltern kaufen sich mit Nachhilfe ein gutes Gewissen, tatsächlich bringt es nichts.

 

Da würden Ihnen aber viele Eltern widersprechen. Das ist doch ein riesiger Markt.

Kraus: Das ist zu 70 Prozent rausgeworfenes Geld. Die Eltern sollten sich mit den Lehrern besprechen, ob die Schullaufbahn die richtige ist. Der Markt ist kein Argument, um am Schulsystem etwas zu ändern. Nachhilfe ist sinnvoll, wenn ein Kind längere Zeit krank war oder wenn es familiäre Probleme gab.

 

Dann sähen unsere Gymnasien aber leerer aus, damit wäre der Arbeitsmarkt wohl nicht zufrieden.

Kraus: Der schreit nach qualifizierten Arbeitskräften, die auch Befähigungen haben und nicht nur Berechtigungen. Ich unterscheide längst bei den Abiturzeugnissen zwischen Befähigungen und Berechtigungen. Wir machen den Kindern etwas vor: Zum Leben gehört auch das Risiko des Scheiterns. Was bringt es, wenn man die Schüler durchschiebt und später findet die knallharte Selektion statt?

 

Ein teurer Warnschuss: Sitzenbleiben soll die deutsche Volkswirtschaft jährlich knapp eine Milliarde Euro kosten.

Kraus: Das ist eine völlig unpädagogische Argumentation. Wenn es sinnvoll ist, dass ein Kind ein Jahr wiederholt, dann muss es auch dieses Geld Wert sein. Im Übrigen ist es eine Milchmädchenrechnung, zu glauben, dass Wiederholer mehr Personalkosten bedeuten. Zwei Wiederholer bedeuten ja nicht, dass eine zusätzliche Klasse gebildet wird. Dieser Schüler ist dann der 30. oder 31. Schüler in der Klasse.

 

Könnte man sich Sitzenbleiben nicht sparen, wenn die längst propagierte Differenzierung eingeführt wäre?

Kraus: Ich plädiere seit Jahr und Tag dafür, dass man den Schulen 105 Prozent Lehrerstundenversorgung gibt, damit Unterrichtsausfall vermieden, anderseits aber auch Förderkurse eingerichtet werden können. Leider haben wir das noch nicht.



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