DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL

11.04.2016

Kleine Zeitung, Sonntag, 10. April 2016 - Frage der Woche

Sind Eltern zu ehrgeizig?

 von Josef Kraus

Die Bilder von Eltern, die in Linz ihre Kinder über eine Ziellinie schleiften, schockieren. 
Kinder werden für das elterliche Ego instrumentalisiert, 
so der Autor von "Helikoptereltern" Josef Kraus
in seinem Artikel für die österreichische Kleine Zeitung.

Erzieherinnen, Lehrer, Verkäuferinnen in Spielwarengeschäften, Pfarrer, Kinderärzte, Übungsleiter in Sportvereinen: Immer mehr Berufsgruppen machen sich Sorgen um Kinder, deren Eltern nur noch das Beste für ihren Nachwuchs als gut genug erachten. Das Beste heißt dann: die besten Schulnoten, die teuersten iPhones, die coolsten Mountainbikes, die besten Plätze bei Wettbewerben.

Welche Auswüchse das annehmen kann, das hat ein Sportfotograf soeben bei einem „Kindermarathonlauf“ in Linz eingefangen. Was war geschehen? Wie schon seit 2002 war dort der „Junior-Marathon“ für drei- bis vierjährige Kinder ausgerichtet worden. Dass womöglich der Titel „Marathon“ es war, der elterlichen Ehrgeiz angestachelt haben könnte, lassen wir mal beiseite. Dabei ging es gar nicht um die klassische Distanz von 41,192 Kilometern, nicht einmal um ein Hundertstel davon, sondern um ein Tausendstel – exakt um 40 Meter auf einer Stadionlaufbahn.

So weit, so gut. Dann nimmt man das Foto, das sich medial in Windeseile verbreitete, näher in Augenschein. Und was sieht man? Zunächst mit einem Schmunzeln, dann mit fassungslosem Kopfschütteln: vorneweg vor einem Pulk an mitrennenden Papas, Mamas und Opas laufen zwei Väter und eine Mutter mit jeweils einem Kind an der Hand. Was heißt da laufen? Die beiden Väter und die Mutter rennen, die Kinder werden wie widerborstige Welpen an einer Leine, in diesem Fall an einer Hand, über die Ziellinie gezerrt, geschleift, geschleudert. Verzerrte Kindergesichter sind zu sehen. Siegerposen und Gewinnermienen sehen anders aus. Was zufrieden strahlt, sind allenfalls die Gesichter der Alten.

Was sich da abspielt, ist nicht ganz neu. In den USA kennt man, längst über den großen Teich gewandert, die Soccer-Moms. Das sind Mütter (und natürlich Väter), die mit dem Fußballtrainer streiten, weil letzterer ihren Sohn nicht aufgestellt hat. Und natürlich habe die Mannschaft deswegen verloren, so meinen die Soccer-Moms und Dads. Die Rechthaberei solcher Eltern geht manchmal so weit, dass sie den Schiedsrichter attackieren. Alljährlich werden Hunderte solcher Fälle etwa in Deutschland bei den regionalen Fußballverbänden gemeldet.

So richtig austoben können sich solche elterlichen Attitüden in der Schule. Auch hier geht es oft um seine Majestät, das Kind. Zum Beispiel haben wir immer häufiger Eltern, die ihrem Kind ohne genauere Kenntnis der Umstände die Diagnose «Mobbingopfer» ausstellen, um schlechte Noten oder eigenwilliges Verhalten ihres Kindes zu rechtfertigen. Außerdem haben wir so manche trickreichen Eltern, die ständig auf der Jagd nach Gutachten sind, in denen ihrem Kind ADHS, Legasthenie, Dyskalkulie oder – besonders trendy - unentdeckte Hochbegabung attestiert wird.

Gottlob sind nicht alle Eltern so. Aber es sind doch zwei Typen von Eltern, die Sorgen machen – nicht nur schulisch, sondern gesamtgesellschaftlich: Die einen sind diejenigen Eltern, die sich null-komma-nix um ihre Kinder kümmern und sie verwahrlosen lassen. Die anderen sind diejenigen, die sich um alles und um noch mehr kümmern. Es sei die Einschätzung gewagt, dass beide Gruppen jeweils rund ein Sechstel der Eltern ausmachen - bei erheblichen regionalen Unterschieden zwischen dem flachen Land, sozialen Brennpunktvierteln und Wohlstandsgegenden. Zweimal ein Sechstel problematische Eltern - im Umkehrschluss heißt das: Zwei Drittel der Eltern sind bodenständig, unkompliziert, verantwortungsbewusst.

Was aber läuft bei Eltern der besonders ehrgeizigen Art ab? Die Betütelung und die Idealisierung des Kindes haben wohl mit elterlichem Narzissmus zu tun. Das Kind wird zum Statussymbol, zum Portfolio der Eltern, ja zur Trophäe. Der US-Kolumnist Rop Alsop hat dazu 2008 ein Buch geschrieben: „The Trophy Kids Grow Up“.

Im Grunde wird das Kind damit für das elterliche Ego instrumentalisiert. Es kommt ein Förderwahn hinzu, der bei manchen Eltern der Angst entspringt, das eigene Kind könnte mit der Masse identifiziert werden. Dabei muss man mitbedenken, dass so manche Politik nicht unschuldig ist an einer solchen Psychodynamik. Sie stößt dieses Förderwettrüsten regelrecht an, indem sie die Bildungsdebatte in weiten Teilen zu einer hysterischen PISA- und Ranking-Debatte sowie zu einer Maturavollkasko-Propaganda hat verkommen lassen und suggeriert, unterhalb eines Masterabschlusses sei das Kind später nicht fit für das globale Haifischbecken.

Zurück zur Psychodynamik: Eigene Wünsche und Zukunftsängste werden in das in vielen Fällen einzige Kind hineinprojiziert. Werden diese Wünsche vom Kind nicht erfüllt, wird daraus für Eltern schnell eine narzisstische Kränkung. „Es kann doch nicht sein, dass wir in Mathe wieder eine Fünf kassiert haben, wir haben doch so viel miteinander geübt.“ Solche Sätze kommen gar nicht selten aus Elternmund. Sie signalisieren eine totale Symbiose.

Was aber sind die Folgen solcher Erziehung, die jedes Maß und die jeden Begriff von Kindeswohl vergessen hat? Nun, wir machen damit aus Kindern unmündige, lasche und zugleich anspruchsvolle Selbstlinge. Solche Kinder können keine Eigeninitiative entwickeln, weil es immer jemanden gibt, der für sie alles regelt. Solche Kinder lernen nie, Verantwortung zu übernehmen.

Solche Kinder werden wegen eines jeden kleinen Kratzerchens, wegen jeder kleinen - vermeintlichen - Niederlage aggressiv ausflippen oder sich deprimiert, also autoaggressiv, zurückziehen. Dabei gehört es doch zum Heranwachsen, dass man nicht immer erster wird oder dass man mal vom Regen nass wird. Und es kann auch mal eine kleine Verletzung vorkommen. Das gehört mit zum Leben. Wendy Mogel hat dies in ihrem Buch „The Blessing of a Skinned Knee“ (2008) treffend dargestellt. „Die Segnung eines aufgeschürften Knies“, so sieht es Mogel und kritisiert damit, dass viele Eltern ihren Sprösslingen einimpfen, jedes Missgeschick rangiere nahe an der Katastrophe.

Das Risiko des Scheiterns, Enttäuschungen und Niederlagen – all das gehört aber zum Leben. In altersgemäßer Dosis muss ein Kind solches erfahren dürfen. Viele Eltern – übrigens auch manche Lehrer - machen es den Kindern freilich zu einfach, sie muten den Kindern zu wenig zu, und sie trauen ihnen zu wenig zu. Nur wenn man Kindern aber etwas zumutet und zutraut, können sie selbstbewusst werden und etwas sehr Wichtiges erfahren: stolz auf sich selbst sein zu können. In den Bildern aus Linz ist dergleichen nicht zu erkennen.

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