DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL

aus FAZ vom 21. Juni 2012

Der historische Analphabetismus greift um sich

Schüler wissen mit zentralen Ereignissen nichts mehr anzufangen
Geschichtsunterricht ohne Geschichte

von Josef Kraus

Mit dem historischen Wissen der Deutschen steht es nicht zum Besten. Das betrifft nicht nur die schulisch und medial ausführlich behandelte Zeit des Nationalsozialismus. Nein, es geht  auch um die Epochen vor 1933. Unter den jungen Leuten etwa können an die 80 Prozent weder mit 1789 noch mit 1848 etwas anfangen. Würde man nach dem Mittelalter oder gar der Antike fragen, so wäre die Bilanz noch ernüchternder. Skandalös unterbelichtet oder von Legenden geprägt ist gut zwanzig Jahre nach dem Mauerfall sogar das Wissen der Schüler über die DDR. Laut einer Studie des „Forschungsverbundes SED-Staat“ der Freien Universität Berlin kennt mehr als die Hälfte der Schüler das Jahr des Mauerbaus nicht. Nur jeder Dritte weiß, dass die Mauer von der DDR gebaut wurde. 71 Prozent aller Schüler finden es gut, dass in der DDR jeder einen Arbeitsplatz gehabt hat. Außerdem sei es der Umwelt - und den Rentnern - dort besser gegangen als in der Bundesrepublik.

Die Zeit dieses historischen Analphabetismus wird bald vorbei sein, wenn es nach  Lehrplankonstrukteuren und Geschichtsdidaktikern geht. Ganze Litaneien zu fördernder, historisch relevanter Kompetenzen hat man sich für einen neuen Geschichtsunterricht ausgedacht: die Frage-, Orientierungs-, Methoden-, Begriffs-, Strukturierungs-, Handlungs-, Analyse-, Wahrnehmungs-, Urteils-, Dekonstruktions-, Rekonstruktions- und die narrative Kompetenz. Einmünden sollen diese Kompetenzen - je nach Abstraktionsgrad - auf einer elaborierten, intermediären oder basalen Ebene in die Sprach-, Lern-, Sozial- und Personal-Kompetenz. Damit aber wird der „neue“ Geschichtsunterricht zum Problem, als dessen Lösung er sich ausgibt – so zum Beispiel das von Geschichtslehrern und Historikern zu Recht heftig kritisierte und 2011 in Kraft getretene hessische „Kerncurriculum“ Geschichte.

Die skizzierte geschichtsdidaktische Verbalkosmetik wir ihr Ziel verfehlen, weil sie nicht an den Wurzeln des historischen Analphabetismus ansetzt. Deshalb steht zu befürchten, dass mit der „modernen“ Kompetenzenpädagogik abermals eine Furie des Verschwindens in Szene gesetzt wird, ein endgültiges Verschwinden der konkreten Inhalte aus dem Geschichtsunterricht. Also Geschichtsunterricht ohne Geschichte?

Dabei hat der Geschichtsunterricht bereits zwei Amputationen hinter sich. Zum einen ist dem Schulfach Geschichte teilweise seine Eigenständigkeit abhanden gekommen. In manchen deutschen Ländern wurde das Fach Geschichte mit Geographie und Politik/Sozialkunde, verschiedentlich sogar mit Wirtschaft zu einem Fächermix vereint. In Bremen heißt das Mischfach „Lernbereich Welt und Umwelt“, in Mecklenburg-Vorpommern „Weltkunde“, in NRW und in Rheinland-Pfalz „Gesellschaftslehre“, im Saarland „Lernbereich Gesellschaftswissenschaften“. Integriert in ein solches Sammelsurium besteht aber die Gefahr, dass Geschichte verfremdet und gesellschaftspolitisch instrumentalisiert wird. Ideologisierte hessische und nordrhein-westfälische Rahmenrichtlinien der siebziger Jahre lassen grüßen.

Zum anderen sind dem Schulfach Geschichte viele Unterrichtsstunden verloren gegangen, oder sie waren nie in größerem Maße vorgesehen. Ein Schüler einer nichtgymnasialen Schulform hat dann in seiner gesamten Schullaufbahn je nach Bundesland von der fünften oder sechsten bis zur neunten oder zehnten Klasse, also in vier, fünf oder sechs Schuljahren, unter Einbeziehung von Stundenausfall gerade eben 150 bis 250 schulische Geschichtsstunden erlebt, ein Gymnasiast - ohne Oberstufe - zwischen 250 und 350. Das ist viel zu wenig für vier Jahrtausende Historiographie.

 Eine Neubesinnung auf den "Bildungswert" des Faches Geschichte - womöglich sogar als sogenanntes Kernfach – und auf konkrete Inhalte ist überfällig. Das Fach Geschichte ist anthropologisch enorm wichtig, denn es vermittelt die Einsicht in Endlichkeiten. „Das Leben wird zwar nach vorwärts gelebt, aber nur nach rückwärts verstanden” (Søren Kierkegaard).

Das Fach Geschichte fördert außerdem das Gefühl für Veränderungsprozesse. Es vermittelt einerseits Skepsis gegenüber Großideologien, Machbarkeitswahn, Geschichtsmythen, Manipulation und Missbrauch von Geschichte; es ermuntert andererseits, Chancen für Veränderung abzuwägen und wahrzunehmen. Das Fach Geschichte leistet zudem einen wichtigen Beitrag zur kulturellen Identität junger Menschen. Identität ist Partizipation am kulturellen Gedächtnis; als individuelle und kulturelle Identität erklärt sie sich eben nicht aus modisch definierten Kompetenzen, sondern nur aus der "Er-Innerung" eines konkret fassbaren Erbes. Das ist auch der Grund, warum totalitäre Systeme zur Proklamation einer ewigen Gegenwart neigen. Im „Er-Innern“ liegt damit zugleich Chance, jedweder Indoktrination zu widerstehen.

Vor allem in Zeiten der Globalisierung hat der Geschichtsunterricht Orientierung zu leisten. Ein Zeichen für Unbildung dagegen ist es, sich einem Absolutismus der Gegenwart zu überlassen. Der unbehauste Mensch nämlich wird die Beliebigkeit und Oberflächlichkeit des „global village“ nur dann aushalten, wenn er Geborgenheit in Geschichte, Tradition, Kultur, Sprache und Nation findet.


Allein deshalb darf es keinen Schulabgänger geben, der in seiner Schulzeit nicht wenigstens einmal einen obligatorischen, soliden chronologischen ”Durchgang” von der Urgesellschaft bis heute erfahren hat – einen Durchgang, der hoffentlich via Langzeitgedächtnis eben auch mit sehr konkreten Ereignissen, Personen und Jahreszahlen vertraut macht. Das ist unendlich wichtiger als das Geplänkel um vage Kompetenzen.

Wer zu wenig weiß, muss zu viel glauben, zum Beispiel zu viele Legenden. Das heißt: Unsere jungen Leute, sollen sie denn mündige Staatsbürger sein, brauchen fassbares historisches, ja kanonisches Wissen – Wissen als Bollwerk gegen den „Triumph der Gesinnung über die Urteilskraft“ (Hermann Lübbe). Das Fach Geschichte sollte in diesem Sinn ein unbequemes und ein auch durchaus anstrengendes Fach sein dürfen.





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