DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL



Interview mit Josef Kraus in der "Passauer Neue Presse", 15.12.2015


"Ein erster Schritt - aber dabei darf es nicht bleiben!"

Josef Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes und früherer Schulleiter am Maximilian-von-Montgelas-Gymnasium in Vilsbiburg, erwartet in den nächsten Jahren 400.000 bis 500.000 Flüchtlingskinder an deutschen Schulen – und fordert dafür 50.000 zusätzliche Lehrer.

Die Länder wollen angesichts der Flüchtlingskrise 7800 neue Lehrer einstellen. Reich das aus?

Josef Kraus: Es ist ein erster Schritt in die richtige Richtung. Aber dabei darf es nicht bleiben. Im nächsten Jahr werden 200.000 bis 250.000 Flüchtlingskinder bei uns in die Schule kommen. Rechnet man den absehbaren Familiennachzug dazu, könnte sich die Zahl in nächster Zeit sogar verdreifachen.

Wie weit liegen beim Thema Integration der Anspruch der Politik und die Wirklichkeit auseinander?

Kraus: Bei der Bundespolitik habe ich immer noch den Eindruck, dass man in einer Art Raumschiff lebt und die Lage vor Ort nur aus der Entfernung betrachtet. Die Verantwortlichen in Ländern und Kommunen haben einen sehr viel klareren Blick auf die Dinge.

Wollen Sie Geld vom Bund für mehr Lehrer?

Kraus: Die Länder können das nicht alleine stemmen. Die Integration von Flüchtlingen ist eine gesamtstaatliche Aufgabe. Es wäre deshalb aus meiner Sicht kein Verstoß gegen das Kooperationsverbot und das Föderalismusprinzip, wenn der Bund einen nennenswerten Millionen-Betrag zur Verfügung stellen würde. Wir brauchen ein Bundesprogramm, damit die Länder mehr Vorbereitungs-, Übergangs- und Integrationsklassen bilden können.

Wie groß ist der Handlungsbedarf?

Kraus: Die Mehrzahl der Flüchtlingskinder wird nicht sofort in einer Regelklasse integriert werden können. Die meisten werden zwei Schuljahre Vorbereitungszeit benötigen. Übergangsklassen mit mehr als 15 Schülern sind kaum sinnvoll, weil Kinder und Jugendliche aus Flüchtlingsfamilien einen sehr unterschiedlichen sprachlichen Hintergrund mitbringen. Für 200.000 Flüchtlingskinder brauchen wir 13.000 Klassen und mindestens 20.000 Lehrer. Aber das wird nicht ausreichen. Über kurz oder lang werden wir 400.000 bis 500.000 schulpflichtige Flüchtlingskinder in Deutschland haben. Da ist man schnell bei einer Größenordnung von bis zu 50.000 Lehrern, die benötigt werden. Man muss bedenken: 20.000 angestellte Lehrer entsprechen einer Milliarde Euro an zusätzlichen Personalkosten. Das ist die Größenordnung, über die wir sprechen.

So viel Lehrer-Nachwuchs und so viel Geld werden nicht von jetzt auf gleich zu mobilisieren sein, oder?

Kraus: Wir brauchen in den Schulen nicht nur mehr Lehrer, sondern auch Dolmetscher und Sozialarbeiter. Schließlich haben wir in Deutschland Zehntausende unbegleitete minderjährige Flüchtlinge, die entsprechend betreut und gefördert werden müssen. Und noch einmal zu den Lehrkräften: Wir haben aktuell Abertausende arbeitslose Deutsch-Lehrer. Die sind natürlich nicht sofort in der Lage, Deutsch als Fremdsprache zu unterrichten. Aber man sollten ihnen Fortbildungen und die Aussicht auf befristete Anstellung anbieten. Für jedes Jahr, in dem sie Deutsch als Fremdsprache unterrichtet haben, könnten sie später einen Gehaltsbonus erhalten.

Das Interview führte Rasmus Buchsteiner.

 

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