DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL

Aus Neue Presse Coburg vom 17. Juni 2014

"Es geht vor allem um das Kindeswohl"


Josef Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerverbands, kritisiert die "Verbissenheit", mit der manche eine radikale Inklusion fordern. Besondere Fördermaßnahmen sind nicht als eine Diskriminierung anzusehen, sagt er.

 
Interview: Josef Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerverbands

 

Sie sind Direktor eines bayerischen Gymnasiums. Ist Inklusion dort Thema?

Seit Jahren immer wieder. Wir hatten beziehungsweise haben zum Beispiel Schüler mit extremen Sehschwächen, Spastiker und Kinder mit multipler Sklerose. Für das weitgehend auf den Rollstuhl angewiesene Kind mit MS wurden in kürzester Zeit Rampen und ein Treppenlift eingebaut. Zudem gibt es jeden Tag eine Schulwegbegleiterin. Für den Schüler mit extremer Sehschwäche wurde eine Kamera installiert, die das Geschehen an der Tafel auf seinen Laptop-Bildschirm übertrug. Alles kein Problem, sondern nur eine Frage der Organisation und der Finanzierung. Wenn Beeinträchtigungen von Kindern durch technische Hilfen oder zusätzliches Personal ausgeglichen werden können und wenn die Kinder für einen bestimmten Bildungsweg geeignet sind, steht der Inklusion in Regelschulen nichts im Wege.

 

Als Präsident des Deutschen Lehrerverbandes betrachteten Sie das Recht auf Inklusion mit gemischten Gefühlen. Warum?

Die Debatte ist mir schlicht und einfach zu undifferenziert. Es wird leider nicht unterschieden zwischen Inklusion als Ziel und Inklusion als Weg dorthin. Inklusion als Ziel, nämlich als Inklusion in die Gesellschaft, ist unumstritten. Inklusion als Weg dorthin kann falsch sein. Ich will das am Beispiel meines 24-jährigen Neffen deutlich machen. Er hat das Down-Syndrom. In einer Regelschule wäre er weit zurückgeblieben. So aber ist er in einer Förderschule optimal gefördert worden. Heute lebt er in einer inklusiven Wohngemeinschaft mit Studenten. Tagsüber arbeitet er in einer Werkstatt für Behinderte und führt ein relativ eigenverantwortliches Leben. Hätte man ihn bereits als Kind schulisch inkludiert, wäre er nie so weit gekommen.

 

Und die UN-Konvention?

Auch die Debatte betrachte ich mit gemischten Gefühlen. Ich sehe die Verbissenheit, mit der manche Leute eine radikale Inklusion fordern und meinen, sich dabei auf eine entsprechende UN-Konvention berufen zu können. Diese Leute sollten die UN-Konvention auch in Artikel 5 und 7 lesen. Dort wird ausdrücklich festgehalten, dass besondere Fördermaßnahmen, ich beziehe dies auch auf Förderschulen, nicht als Diskriminierung anzusehen sind. Vor allem wird in der UN-Konvention betont, dass bei allen Maßnahmen zur Umsetzung der Inklusion das Kindeswohl Vorrang hat. Das scheinen manche Leute übersehen zu wollen, sonst würden sie Kinder nicht für ihre Vorstellungen von radikaler Inklusion um jeden Preis instrumentalisieren. Ich vermag auch nicht einzusehen, dass unser hochdifferenziertes, professionelles Förderschulwesen abgeschafft werden soll. 200 Länder der Welt wollten, sie hätten ein solches System.

Der Fall des elfjährigen Henry aus Baden-Württemberg, einem Schüler mit Down-Syndrom, ging durch die Medien. Obwohl er nie das Abitur schaffen würde, soll er weiter mit seinen Freunden zur Schule gehen dürfen, fordern die Eltern. Die Schulkonferenz entscheidet sich dagegen, die Eltern initiieren eine Petition. Wird die Inklusion in Zukunft Anwälte beschäftigen?

Ich glaube nicht, dass Anwälte hier viel werden ausrichten können. Die Mutter von Henry hat ansonsten mit ihrer Art, das Beispiel ihres Sohnes öffentlich zu machen, dem Anliegen der Inklusion eher geschadet. Das Argument, Henry solle wegen seiner Freunde ans Gymnasium, kann nicht wirklich zählen. Warum soll Henry anders behandelt werden als Millionen anderer Schüler in Deutschland, die auch nicht in jeder Jahrgangsstufe oder gar eine ganz Schullaufbahn lang mit bestimmten Freunden zusammen sein können?

Bedeutet Inklusion nicht auch, dass es keine Sortierung von Schülern in "Regelschüler" und "Kinder mit Förderbedarf", sondern auch keine in leistungsschwächere oder leistungsstarke geben dürfte?

Es geht nicht um Selektion oder Sortierung. Das sind Kampfbegriffe. Es geht um das Kindeswohl und um die optimale Förderung eines jeden einzelnen Kindes. In einem differenzierenden Schulwesen ist Letzteres am besten möglich. Eine radikale Egalisierung qua Einheitsschule provoziert nicht nur für alle ein niedriges Leistungsniveau, sondern sie ist auch ungerecht. Nichts ist nämlich so ungerecht wie die gleiche Behandlung Ungleicher. Außerdem haben auch die Leistungsfähigen ein Recht auf optimale Förderung, sie sind es schließlich, die eines Tages das erwirtschaften, was unseren Sozialstaat, auch zugunsten Benachteiligter, ausmacht.

 

Die Fragen stellte Cornelia Stegner

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