DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL

Interview aus der F.A.S. vom 13.05.2012 

"Wir erziehen eine unmündige Generation"

Josef Kraus ist Vorsitzender des Lehrerverbands und Leiter eines Gymnasiums bei Landshut. Im Interview spricht er über Helikopter-Eltern, gefesselte Kinder und die Klageflut gegen Lehrer und Schulen


Sie sind schon 17 Jahre Schulleiter, Herr Kraus, welche Gruppe macht den Schulalltag am schwierigsten: Lehrer, Schüler oder gar Eltern? 
Es gibt in allen drei Gruppen nicht nur Pflegeleichte. Am schwierigsten sind zwei Gruppen von Eltern. Sie machen im Durchschnitt 20 Prozent der Elternschaft aus und kosten uns Lehrer 80 Prozent unserer Energie. Schwierig sind zum einen Eltern, die sich aus der Erziehung völlig davonstehlen. Zum zweiten sind es Eltern, die maßlos übererziehen. Unter dem Motto „Nur das Beste für mein Kind“ nehmen sie die Kinder so in Beschlag, dass sie mir wie gefesselt vorkommen.

 

Wie äußert sich das?

Wir haben Eltern, beileibe nicht nur Mütter, die ihre Kinder vom Kindergarten bis zum Studium restlos verplanen und begleiten. Inzwischen will man bereits für Dreijährige Potenzialanalysen haben. Manche Eltern decken ihre Kinder mit Terminen ein, die einem Managerkalender ähneln. Solche Eltern treten dann auch in Schulen auf, als wäre das eigene Kind der geborene Einserabiturient, und wenn der Weg nicht dort hinweist, dann ist die Schule schuld.

 

Das heißt, Eltern können ihren Kindern nicht den Raum geben, sich selbständig zu entwickeln?

Es gibt da ein Sicherheitsbedürfnis der Eltern. Sie schenken ihren Kindern Handys und benutzen diese als elektronische Fußfessel. Das Kind muss immer und überall zu orten sein. Und: Eltern glauben, für ihr Kind immer erreichbar sein zu müssen. Dazu eine Anekdote: Am Ende des Sportunterrichts holt eine Schülerin - 7. Klasse - das Handy aus der Tasche: „Mama, ich habe meine Trinkflasche vergessen, kannst du sie mir bringen.“ Und Mama bringt sie dann. Das Ergebnis ist das „Prinzessinnen-Syndrom“: verwöhnte, überbehütete Kinder.

 

Warum verhalten Eltern sich heute so?

Dafür ist der Trend zur 1,3-Kind-Familie maßgeblich. Die elterliche Fürsorge und der elterliche Ehrgeiz konzentrieren sich auf das einzelne Kind. In der klassischen Familie mit zwei bis vier Kindern, wie wir sie früher hatten, verteilte sich das anders. Die Eltern waren gelassener. Eine Rolle spielt auch die bildungspolitische Propaganda, wonach ein Kind mindestens einen Bachelor haben muss. Eltern glauben, alles tun zu müssen, damit ihr Kind aufs Gymnasium kommt. Das ist parteipolitisch gewollt. Die Politik hat sich gigantische Abiturquoten auf die Fahnen geschrieben. Es wird aber auch von OECD und Bertelsmann-Stiftung vorangetrieben, die meinen, dass eine höhere Abiturientenquote für eine höhere wirtschaftliche Prosperität sorgt. Eine Rolle spielt auch eine bisweilen konfuse Erziehungswissenschaft und die ausufernde Ratgeberliteratur, die häufig das Problem erst schafft, als dessen Lösung sie sich ausgibt. Zwanzig Erziehungswissenschaftler haben manchmal 25 Meinungen. Bei manchen Eltern spielt auch das schlechte Gewissen eine Rolle, dass sie sich zu wenig um ihr Kind kümmern könnten.

 

Gilt das vor allem für berufstätige Mütter?

Mütter müssen heute den Spagat zwischen Familie, Haushalt, eigener Karriere und Kind bewältigen. Gleichzeitig gelten traditionelle Rollenmuster fort. Kein Wunder, dass sie dann häufig mit schlechtem Gewissen herumlaufen. Das wird dann durch Überbehütung überkompensiert.

 

Aber berufstätige Mütter haben doch gar nicht die Zeit, sich so um ihr Kind zu kümmern. Die Überidentifikation ist doch eher ein Problem der nicht berufstätigen Mütter.

Ja, es gibt auch Mütter, die zu viel Zeit haben und die Überbetreuung der Kinder zu ihrem Beruf machen. Das ist dann ein Ersatz für echte Berufstätigkeit.

 

Sie sind ja auch Psychologe. Gibt es eine Überidentifikation mit dem Kind und enorme Versagensängste bei den Eltern?

Viele Eltern projizieren in der Tat das, was sie selbst nicht erreicht haben, in die Kinder hinein.

 

Aber die jetzigen Eltern hatten doch schon alle Möglichkeiten, sie sind in den siebziger Jahren groß geworden. Sehen wir da nicht eher Verlustängste der Mittelklasse, die Angst der Eltern, dass es ihren Kindern einmal schlechter gehen könnte als ihnen selbst?

Die heutigen Eltern hatten noch keine so hohe Abiturquote. Seither hat sich der Anteil der Studierberechtigten nahezu verdoppelt. Die Eltern gewinnen dadurch den Eindruck, dass sich auch die Konkurrenz enorm verstärkt hat. Hinzu kommt die öffentliche Diskussion über einen angeblich drohenden Abstieg der Mittelschicht.

 

Eltern haben offenbar riesige Angst, ihr Kind scheitern zu sehen. Aber gehören Misserfolge nicht auch zu einer normalen Kindheit?

Eltern tun alles, um ein Scheitern zu verhindern. Damit nehmen sie ihren Kindern die Chance zu lernen, wie sie mit Scheitern umgehen. Die Kinder erleben schon in der Grundschule, dass die Eltern sofort auf der Matte stehen, wenn in einer Probearbeit in der dritten oder vierten Klasse einmal eine Drei droht. Kinder erleben die Möglichkeit des Scheiterns nur virtuell und angstbesetzt, aber nicht in der Wirklichkeit.

Dann wird also eine unselbständige Generation erzogen, die mit Misserfolgen nicht umgehen kann?

Es wird eine unmündige Generation erzogen. Kinder werden immer später reif. Die Abnabelung vollzieht sich immer später. Das hat auch wieder mit der Einzelkind-Familie zu tun: Der Abnabelungsprozess wird von den Eltern hier als weitaus schmerzlicher empfunden.

  
Pubertieren heutige Kinder auch anders?
Die biologische und psychische Reifung gehen immer weiter auseinander. Biologisch beginnt die Pubertät immer früher, schon in der fünften oder sechsten Klasse. Gleichzeitig wird die psychische Entwicklung durch die Überbehütung der Eltern verlangsamt. Die „goldene Kindheit“, die Phase eines unbelasteten, unverkrampften Lernens, ist kürzer geworden. Das G8 hat den erfolglosen Versuch gemacht, Reifungsprozesse zu beschleunigen. Die Kinder werden zugleich gefesselt - durch die Überbehütung der Eltern - und zur Eile getrieben. Wir entlassen Abiturienten, die studierberechtigt, aber nicht unbedingt studierfähig sind.

 

Wie reagieren Eltern, wenn ihre Erwartungen nicht erfüllt werden?

Der Klassiker sind Eltern, die autoritär auf ihre Kinder losgehen und sie zu Versagern abstempeln. Aber der Anteil der Eltern, die mit allen Mitteln gegen die Schulen vorgehen, ist größer geworden. Lehrer werden unter Druck gesetzt. Manche Eltern handeln wie auf dem Basar: „Schauen Sie, da fehlt doch nur ein Punkt für die Eins, mein Kind will doch mal Arzt werden.“ Wieder andere kommen gleich mit einem anwaltlichen Schreiben, gehen direkt zur Schulaufsicht oder wenden sich an das Ministerium. Leider gibt es in Schulleitungen und in der Schulaufsicht auch Leute, die dann einknicken und auf Gefälligkeitspädagogik machen. Hier brauchten unsere Lehrer mehr Rückhalt von den oberen Ebenen.

 

Gibt es überhaupt noch das nötige Vertrauen zwischen Eltern und Lehrern?

Natürlich, gottlob! Aber immer mehr Eltern reagieren auf Misserfolge ihres Kindes mit narzisstischer Kränkung. Das „Wir“ ist für den Psychologen ein Indiz dafür: „Herr Kraus, jetzt haben wir in Englisch schon wieder eine Fünf gekriegt, dabei haben wir doch so lange zusammen geübt.“ Eltern gehen gegen Klassenzusammensetzungen vor oder gegen Disziplinarstrafen. Einmal hat ein Kollege eine Schülerin gebeten, ein Brotpapier aufzuheben, das auf dem Schulhof herumflog. Am nächsten Tag stand der Vater auf der Matte und beschwerte sich, dass wir seine Tochter als Putzfrau missbrauchen.

 

Kinder werden einerseits gepampert und verwöhnt, andererseits setzen Eltern in der Erziehung immer weniger Grenzen. Wie wirkt sich das auf das soziale Verhalten in den Klassen aus?

Das Verhältnis zwischen Schülern und Lehrern ist offener und unverkrampfter als früher. Das ist grundsätzlich gut so. Die Kinder sind zudem selbstbewusster. Ihr Ego ist stärker. Die heutigen Kinder sind aber auch egoistischer, weil sie für jede Gefälligkeit belohnt werden. Oft werden sie von den Eltern in ihrer egoistischen Haltung bestärkt, wenn es soziale Konflikte in der Klasse gibt. Eltern sprechen dann gleich von Mobbing. Auch Diagnosen wie ADHS oder Legasthenie werden - leider zu Lasten der wirklich beeinträchtigten jungen Leute - zu gerne bemüht.

 

Eltern wollen Kontrolle, aber keine echte Verantwortung. Sie erwarten von der Schule die Erziehung, die sie selbst nicht leisten. Gleichzeitig wollen sie die Kontrolle behalten. Stimmt der Eindruck?

Die Folge ist dann die Helikopter-Elternschaft. Die Eltern kreisen wie Hubschrauber ständig über ihren Kindern, damit ja nichts schiefläuft und sie sofort eingreifen können: die Eltern als schnelle Eingreiftruppe. Zugleich haben wir eine bedenkliche Verstaatlichung von Erziehung. Immer mehr Bereiche sollen von der Schule geleistet werden: Gesundheitserziehung, Umwelterziehung, Freizeiterziehung, Konsumerziehung, Medienerziehung. Damit sind Schulen überfordert.

 

Weil beide Eltern arbeiten, haben sie einfach weniger Zeit für die Erziehung ihrer Kinder.

Das sehe ich nicht so. Es stimmt, dass Eltern mehr berufstätig sind. Aber dadurch, dass es weniger Kinder gibt, steht für das einzelne Kind mehr Zeit zur Verfügung. Das Problem ist eher, dass die gemeinsame Zeit zu sehr verplant wird. Ich rate Eltern: Gönnen Sie sich und Ihrem Kind unverplante Zeit und überlassen Sie den Alltag mal dem Zufall. Ich wünsche mir von Eltern und Lehrern wieder mehr Intuition und Spontaneität.

 

Mit dem Vorsitzenden des Lehrerverbandes und Leiter des Gymnasiums in Vilsbiburg bei Landshut sprachen Christiane Hoffmann und Heike Schmoll.

Quelle: F.A.S vom 13.05.2012

 

 



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