DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL

Tagespost vom 27. Juni 2013

Studierberechtigung versus Studierbefähigung

von Josef Kraus

Das Abitur muss auch nach den jüngsten Beschlüssen der Kultusministerkonferenz ein politischer Dauerbrenner bleiben

Abitur in Deutschland - das war eineinhalb Jahrhunderte lang eine Visitenkarte des deutschen Schulwesens. Anders als in anderen europäischen Ländern, die im studienvorbereitenden Oberstufenbereich die verengte Spezialbildung und nachfolgend eine eingeschränkte, fachgebundene Hochschulreife mit Hochschulzugangsprüfung kennen, galten in Deutschland die Prinzipien der Allgemeinen Hochschulreife als Attest für breit angelegte Studierfähigkeit.

Das war einmal. Denn das Abitur hat sich in Deutschlands Ländern spätestens seit den 1970er Jahren, nach der Wiedervereinigung zusätzlich ab den 1990er Jahren auseinander entwickelt. Den anspruchsvolleren Ländern Bayern, Baden-Württemberg, Sachsen und Thüringen mit ihren vergleichsweise strengen Abiturdurchschnittsnoten und mit Abiturientenquoten zwischen 25 und 30 Prozent standen andere Länder, vor allem die Stadtstaaten, mit Abiturientenquoten bei oder über 50 Prozent sowie mit einer Inflation an Bestnoten gegenüber. Das war und ist ein permanentes Ärgernis für diejenigen jungen Leute, die einen höheren Preis für den Erwerb des begehrten Zeugnisses bzw. im Ringen um einen Numerus-Clausus-Studienplatz zahlen müssen, und es war und ist eine Frustration für die Hochschulen, die immer mehr studierberechtigte, aber immer weniger studierfähige Studenten bekamen.

Mit keinem Thema war die Kultusministerkonferenz (KMK) deshalb so regelmäßig befasst wie mit dem Abiturthema. Und es war zumeist keine Glanzleistung, was die Minister zustande brachten. Im Gegenteil: Aus dem KMK-liberalen 'anything goes' ist bei manchen Studierenden ein 'nothing goes' geworden. Statt den Wildwuchs an liberalen Abiturregelungen einzudämmen, beschloss die KMK etwa 1988 eine "Substitutionsregelung": Zum Beispiel konnte in Hamburg das Fach Deutsch in der Oberstufe - mit KMK-Segen - durch "Darstellendes Spiel" ersetzt werden. Nach fast zehn Jahren weiterer quälender Diskussion um eine Stärkung des Abiturs einigte sich die KMK 1995 und 1996 auf einen sog. Präzisierungsbeschluss zu 1988 - mit vielen „Öffnungs- und Entwicklungs-Klauseln“ für die Länder. Das Magazin „Spiegel“ kommentierte diese Freigabe zu Recht mit der Überschrift: "Die Länder haben sich auf eine Reform des Abiturs geeinigt: Jeder macht, was er will."

Tatsächlich war das deutsche Abitur atomisiert, so manche deutsche Länder hatten sich auf den Weg zu einem Abitur „light“ gemacht. Folge waren explodierende Abiturientenquoten in einigen Ländern und immer bessere Abiturdurchschnittsnoten. Bei all dem ist noch nicht einmal berücksichtigt, dass in Ländern mit "weichen" Abiturregelungen auch der Unterbau der Oberstufe oft "weich" ist: hinsichtlich Zugang zum Gymnasium und zur Oberstufe, hinsichtlich Versetzungsbestimmungen usw. Folge: Die durchschnittlichen Abiturnoten ganzer deutscher Länder, einzelner Schulen ohnehin, tendieren in Richtung 2.2 oder gar 2.0. Aus Nordrhein-Westfalen wird berichtet, dass sich die Zahl der Abiturienten mit der Note 1.0 von 455 im Jahr 2007 auf exakt 1.000 im Jahr 2011 mehr als verdoppelt hat.

Nun hat die KMK auf ihrer jüngsten Sitzung vom 20. und 21. Juni 2013 in Sachen Abitur Neues zustande gebracht. Vermeintlich Erfreuliches, so scheint es. Ob es nur Gefälliges ist, muss sich noch herausstellen. Das Ergebnis dieser Sitzung ist der länderübergreifende Aufbau eines Pools von Prüfungsaufgaben für die Allgemeine Hochschulreife. So weit, so gut! Skepsis bleibt dennoch angebracht. Denn diese Aufgabenpools werden nicht zwangsläufig auf eine Steigerung der Abiturqualität hinauslaufen; das Ergebnis könnte auch eine länderübergreifende Nivellierung nach unten sein.

Immerhin beginnen die 16 deutschen Länder ab sofort mit dem Aufbau eines Pools für die Fächer Deutsch, Mathematik und die fortgeführte Fremdsprache (Englisch/Französisch). 2014 will man mit der Ansammlung eines Pools für die Naturwissenschaften beginnen. Nach dem jüngsten KMK-Beschluss sollen die Aufgabenpools kontinuierlich wachsen und den Ländern ab dem Abitur 2017 zur Verfügung stehen. Für die Entscheidung, welche Prüfungsaufgaben in den Aufgabenpool gelangen, ist das Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) an der Humboldt-Universität Berlin zuständig.

So weit in Ordnung! Dann aber folgt ein sehr problematischer Satz in der aktuellen KMK-Erklärung: „Durch einen gemeinsamen Qualitätsentwicklungsprozess aller Länder wird sowohl die Qualität der Prüfungsaufgaben verbessert als auch das Anforderungsniveau schrittweise angeglichen.“ Angeglichen? Das kann doch wohl nur heißen, das Anspruchsniveau soll ein Mittelwert aus dem Abitur bislang anspruchsloser und dem Abitur bislang anspruchsvoller Länder werden. Folge: Länder wie die Stadtstaaten werden ihr Abitur - vielleicht - einen Tick strenger gestalten, die „Südstaaten“ Bayern, Baden-Württemberg, Sachen und Thüringen werden ihre Ansprüche zurückfahren. Der grün-roten Regierung in Stuttgart kommt dies sicher gelegen, setzt sie doch erkennbar auf eine Schwächung des Gymnasiums. Aber auch Bayern wird sich kaum querlegen, zumal man dort im Zuge der überhitzten Debatte um das achtjährige Gymnasium Ansprüche und Notenberechnungsverfahren ohnehin schon liberalisiert hat und der bayerische Kultusminister in der KMK keinen einzigen Unionskollegen mehr an der Seite hat. Alle anderen 15 Schulministerien - selbst in CDU-geführten Ländern - sind nämlich in der Hand von SPD, FDP oder einer Parteilosen.

Gleichwohl betont der letzte verbliebene Unionskultusminister, der Bayer Ludwig Spaenle (CSU), sein Freistaat werde aus dem Pool diejenigen Prüfungsvorschläge aussuchen, die den bisherigen Qualitätsanspruch erfüllen. Ist sich Spaenle klar darüber, was er damit andeutet? Nämlich dass es in diesem auf Vergleichbarkeit ausgerichteten Pool einfachere Aufgaben gibt, die sich wiederum gewisse Länder eben auch hernehmen können. Interessant in diesem Zusammenhang ist zudem das auffällige Schweigen der Abitur-light-Länder: Kein Schulminister hat es gewagt anzudeuten, dass das Abitur seines Landes nun anspruchsvoller werden solle.

Außerdem ist zu befürchten, dass Schulpolitik und Schulpädagogik immer noch mehr auf den Tripp der „Standards“ und „Kompetenzen“ einschwenken und von den angehenden Abiturienten überhaupt kein Basiswissen mehr verlangen, sondern ihnen nur noch Aufgaben vorlegen, denen man ohne Vorratswissen alle für die Note 3 notwendigen Informationen entnehmen kann. Erste kleine Studien des Frankfurter Naturwissenschaftlers Hans Peter Klein bestätigen dieses Anspruchsdumping. So sollen Neuntklässler (!) kompetenzorientierte NRW-Abituraufgaben mit einem Anteil von fast 90 Prozent ohne weitere Vorbereitung mit mindestens der Note 4 absolviert haben.

Hier muss etwas geschehen. Sonst werden die Hochschulen ihre Studenten über kurz oder lang qua Zugangsprüfung selbst auswählen. Ein solches "Aditur" wäre aber nicht nur eine Symptomtherapie, die die Ursachen - nämlich schulische - nicht beseitigte. Ein Wandel vom Abitur- zum Aditur-Prinzip entwertete obendrein die Abiturzeugnisse und führte damit zu einer Entprofilierung des gesamten Schulsystems, vor allem des Gymnasiums. Außerdem wäre mit einem „Aditur“ das Prinzip der Allgemeinen Hochschulreife dahin, denn dann wären die Auswahlkriterien überwiegend fachspezifische.

Es ist vor allem zu wenig, wenn die KMK nur bei ein paar zentralen Fächern der reinen Abiturprüfung ansetzt. Zu oft wird vergessen, dass zwei Drittel der Abiturnote aus den Leistungen der letzten beiden Schuljahre bestehen und die eigentliche Abschlussprüfung nur ein Drittel der Wertung ausmacht. Was es an Wildwuchs gibt, wäre im Detail aufzudecken. Zum Beispiel hat Hamburg nach wie vor das Fach „Theater“ als Abiturfach. Aufzudecken wären ferner die Regeln der 16 Länder für die Abiturfächer, die mündlich abgeprüft werden. Auch hier werden Ansprüche großzügig untertunnelt. Siehe folgenden Vergleich: In Bayern beispielsweise muss sich ein Prüfling bei einem solchen mündlichen Prüfungsfach Fragen aus drei von vier Semestern gefallen lassen. Von den 30 Minuten Prüfungszeit darf er 7,5 Minuten mit einem Eingangsreferat ausgestalten, dessen Thema der Prüfling 30 Minuten vor der Prüfung eröffnet bekommt. In Hamburg bezieht sich die mündliche Prüfung auf zwei Semester von vieren, der einleitende Schülervortrag dauert 15 Minuten, soweit es sich um eine sog. Präsentationsprüfung handelt. Und: Das Präsentationsthema bekommt der Kandidat zwei Wochen vor dem Prüfungstermin mitgeteilt.

Bleiben wir - wie bei allem, was mit Bildung zu tun hat - naiv optimistisch: Einen ersten kleinen Schritt hat die KMK getan. Aber sie lässt sich - wenn nicht weitere eindeutige Vorgaben folgen - nach wie vor etwas vormachen von Ländern, deren unausgesprochenes Ziel die Abitur-Vollkasko-Schule zu sein scheint.





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