DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL



Bayernkurier vom 04.10.2014

Gastkommentar von Josef Kraus

 Wenn alle die Note Eins haben, hat keiner eine Eins


Selbst wenn manch Progressive sie immer wieder abschaffen wollen: Das Gros der Schüler und Eltern hat keinerlei Probleme mit Schulnoten. Und selbst Schüler mit schwächeren Leistungen zeigen ihre Noten oft genug wie Trophäen herum. Auch sehen die allermeisten Eltern in Noten ganz nüchtern eine transparente Bilanz dessen, was der eigene Sprössling gerade geleistet hat.
Ansonsten entfalten Noten durchaus eine motivierende Wirkung: Erfolgreiches Arbeiten wird damit im Sinne eines „Weiter so!“ bestärkt. Schwächere Schulnoten sind demgegenüber eine oft notwendige Aufforderung an alle Beteiligten, über die zukünftig richtige Schullaufbahn und über zukünftiges Lern- und Arbeitsverhalten nachzudenken. Hinter schlechten Noten steckt nämlich neben Unaufmerksamkeit im Unterricht zumeist ein gewachsenes Wissensdefizit, das sich bei Fortsetzung des bisherigen Arbeitsverhaltens oder des bisherigen Bildungsweges weiter zu vergrößern und den Erwerb eines Schulabschlusses zu gefährden droht.
Unsinnig werden Noten und in der Folge Zeugnisse nur, wenn Eltern, Schüler oder Lehrer etwas, zum Beispiel ein Persönlichkeitsurteil, hineinprojizieren, was Noten und Zeugnisse nicht beinhalten. Unsinnig werden Noten und Zeugnisse sodann, wenn Eltern Zuwendung von Noten abhängig machen und wenn bereits für die knapp befriedigende Einzelnote materiell reichlich belohnt wird.

 

Und geradezu zur Farce werden Noten, wenn sie nur noch „sehr gut“ oder schlimmstenfalls „gut“ ausfallen, das heißt, wenn Spitzennoten inflationär vergeben werden. Dieser Trend greift in Schule und Hochschule um sich. So gibt es zum Beispiel immer mehr 1,0-Abiturzeugnisse. Aus Nordrhein-Westfalen wird berichtet, dass sich die Zahl der Abiturienten mit der Note 1,0 von 455 im Jahr 2007 auf exakt 1000 im Jahr 2011 mehr als verdoppelt hat. In Berlin wurden aus den 17 Abitur- zeugnissen mit 1,0 des Jahres 2002 im Jahr 2012 sogar 234 solche Zeugnisse (Faktor 14!). Ganz so dramatisch ist es in Bayern nicht. Aber dass im Freistaat mittlerweile nahezu 30 Prozent der Abiturienten, an manchen Schulen 50 Prozent eine Eins vor dem Komma der Gesamtnote haben, muss auch nicht in jedem Fall ein Ausweis anspruchsvoller Bildung sein.

 

Die Hochschulen setzen eine solche Kuschelpolitik mit ihrer Inflation guter und sehr guter Noten fort. Ende 2012 sah sich deshalb der Wissenschaftsrat genötigt, den warnenden Zeigefinger zu erheben. Immerhin war der Anteil der Hochschulabschlüsse (ohne Staatsexamina) mit den Noten 1 und 2 vom Jahr 2000 bis zum Jahr 2011 von 67,8 Prozent auf 76,7 Prozent gestiegen. In den Fächern Biologie und Psychologie hatte sich der entsprechende Anteil auf 98 bzw. 97 Prozent gesteigert.

 

Unsere jungen Leute haben von einer solchen Art von um sich greifender, gefälliger Notenpolitik allerdings keinen Nutzen. Mit Zeugnissen, die ungedeckte Schecks sind, ist ihnen nicht geholfen.


Von Josef Kraus

 

 



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