DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL

aus Straubinger Tagblatt / Landshuter Zeitung - 15. Februar 2014

 

Keine Not mit den Noten

 

Von Josef Kraus

 

Ja, es gab wieder einmal Zeugnisse, diesmal Zwischenzeugnisse. In Bayern waren es rund 1,7 Millionen, bundesweit mit gewisser zeitlicher Versetzung 11,3 Millionen. Jede Wette: Weit mehr als 90 Prozent der Schüler kommen damit einigermaßen klar, auch wenn - zumeist vorläufig - die eine oder andere Fünf oder Sechs drinsteht. Zu Hause hängt dann vorübergehend der Haussegen ein wenig schief, wiewohl Zeugnisse für Eltern keine Überraschung sein dürften, wenn sie einigermaßen am Schulleben ihrer Sprösslinge Anteil nähmen. Es sind die „Experten“ und so manche Ideologen, die aus Zeugnissen ein Drama, ja gar eine hysterische Inszenierung machen. Denn mit der gleichen Frequenz wie Zeugnisse kommen aus „progressiven“ pädagogischen bzw. politischen Kreisen Aufschreie gegen Zeugnisse und Noten.

Da werden Zerrbilder von Schule noch und noch gezeichnet. Schier ein Werk des Teufels seien Noten und Zeugnisse angeblich. "Schicksalsziffern" seien sie, und überhaupt stelle sich das Schulsystem mit seiner Notenpraxis ein "Armutszeugnis" aus. Schließlich hätten Noten ja nur einen einzigen Effekt, den der Demütigung und Sortierung von Schülern. Dass die jungen Leute heute oft so schulmüde, ängstlich, verhaltensgestört und gewalttätig seien, dass sie die kalte Ratio überbewerteten, Kreativität und Emotionalität aber ausgetrieben bekämen - all das habe mit Ziffernnoten und Zeugnissen zu tun. So schallt es durch den Äther und wabert es durch die Gazetten. Man könnte den gebetsmühlenhaft wiederkehrenden Kampf gegen die Schulnoten als Déjà-vu-Erlebnis ad acta legen, marschierten nicht ganz vorne an der Anti-Noten-Front professorale und politische Unterstützer mit.

Da ist es denn auch kein Wunder, wenn gefühlte Jungrevolutionäre immer wieder mal zum Verbrennen der Zeugnisse auffordern. Bereits in den 1990 Jahren gab es einen Aufruf gegen den "ungerechten und repressiven Charakter der Noten". Ein paar hundert Jungspunde schleudern denn ihre Zeugnisse in ein brennendes Ölfass, um einen Beitrag zur "Veränderung eines undemokratischen Schulsystems" zu leisten. Ein 41-jähriger Vater aus der Lausitz von einer sog. Leonidas-Stiftung erinnert sich jetzt im Jahr 2014 womöglich daran, dass er damals als Jungrevolutionär beteiligt gewesen sein könnte. Nun hat er erneut dazu aufgerufen, Schüler sollten an einem jeweils anderen Tag in jedem Bundesland ihre Zeugnisse verbrennen oder gar rauchen. Wobei es am Hinweis, dass Rauchen die Gesundheit gefährde, nicht fehlt. Wie umsichtig und verantwortungsvoll! Für die tollsten Zeugnis-Verheizer sollte es - ursprünglich - sogar Preise geben: Karten für Festivals oder iPhones. Allerdings haben die Sponsoren nun doch kalte Füße gekriegt und ihre Spendenzusagen zurückgezogen. Vielleicht fürchten sie den Widerstand der bodenständigen Mehrheit der Bevölkerung oder auch die Aussicht, eines Tages Bewerbungsmappen mit verkohlten Zeugnissen auf den Tisch zu bekommen.

Kann man dieses Getue noch als pöbelhaften Unsinn abtun, so ist eine andere Entwicklung bedenklicher. Denn mit schier unerschöpflicher Kreativität schmieden selbst „Experten“ an Sargnägeln des Notensystems. Manche deutsche Länder arbeiten mit einer sog. relativen Notengebung, die als Maßstab nicht die Ziele des Lehrplans, sondern nur das jeweilige Klassenniveau kennt. Das heißt, Maßstab für die Notengebung ist nicht das Lernziel, sondern der Klassenschnitt. Mehrere Länder haben Drittel- oder 30-Prozent-Erlasse verfasst, denen zufolge Prüfungsarbeiten, die mit diesem Anteil in den Noten 5 und 6 liegen, automatisch "kassiert", d.h. annulliert, werden müssen. Glück für die Leistungsschwachen, die in einer schwachen Klasse sind! Pech für die anderen, die in einer Spitzenklasse sitzen! Andere deutsche Länder lassen es zu, dass - bis zum Abitur - schriftliche Leistungen durch mündliche Ersatzprüfungen ersetzt werden können. Wieder andere Bundesländer arbeiten mit sog. Rasterzeugnissen, in denen das Beherrschen von Fertigkeiten nur mit "unsicher/teilweise sicher/überwiegend sicher" bewertet wird. Für das 3. und 4. Schuljahr sollen damit Fertigkeiten wie "Geübte Diktate schreiben" oder "Im Zahlenraum bis 1000 rechnen" per Kreuzchen mit "unsicher/teilweise sicher/überwiegend sicher" oder "selten/teilweise/überwiegend" bewertet werden. Und am radikalsten: Manche deutsche Länder schaffen die Noten gänzlich ab oder sie annullieren ihre Wirkung. In Bremen etwa gilt ausschließlich das Prinzip Hoffnung bei den Zeugnissen: „Ein Schüler oder eine Schülerin wird am Schuljahresende der nächsthöheren Jahrgangsstufe zugewiesen, wenn eine erfolgreiche Teilnahme am Unterricht dieser Jahrgangsstufe zu erwarten ist.“ So heißt es im dortigen Schulgesetz.

Zwanzig Jahre pädagogische "Forschung" um schulische Leistungsbewertung haben Zeugnisse und Noten gleichwohl nicht obsolet werden lassen. Diese Forschung hat zwar international weit mehr als tausend Abhandlungen, vielerlei Modellversuche und eine unüberschaubare Zahl an Pilotprojekten einer ziffernfreien Leistungsbewertung produziert. Aber die für einen Laien in schier undurchdringbarem Fachchinesisch geführte Diskussion um "Rasterzeugnisse", "Bausteinzeugnisse", "Berichtszeugnisse", "Briefzeugnisse", "Zeugnisbriefe", "lehrplanbezogene Bewertungmaßstäbe", "schülerbezogene Bezugsnormen", "kriteriumsorientierte Leistungstests", "zuwachsorientierte Leistungsmessung", "Maßstäbe eines zielerreichenden Lernens", "Skalenniveaus", "standardisierte und normorientierte Tests", "relative Notengebung", "informelle Meßverfahren", "intraindividuelle und interindividuelle Bezugsnormen", "Objektivitäts-, Reliabilitäts- und Validitätswerte", "kriteriale und curriculare Normen" - diese Diskussion konnte nicht verbergen, dass all dies Zeugnisattrappen sind und dass es zur Ziffernnote keine Alternativen gibt.

Mit anderen Worten: Wortzeugnisse können Ziffernzeugnisse nicht ersetzen, allenfalls ergänzen. Und das geschieht ja auch. Ein reines Wortzeugnis aber birgt eine Menge an Risiken in sich: Nicht selten sind es "schöne" Zeugnisse, die, weil die Lehrer die Wahrheit nicht schreiben wollen, nichts aussagen. Oft befleißigen sie sich einer Semantik, die kein Elternpaar, geschweige denn ein Schüler versteht. Häufig sind sie so verklausuliert, dass Eltern ohnehin nachfragen, welcher Ziffernnote das Worturteil denn nun entspricht. Bisweilen sind diese Wortzeugnisse wegen des enormen Formulierungsaufwandes gebrauchsfreundlich und floskelhaft mit dem PC produziert. Und manchmal bewerten sie einen Schüler in seiner Gesamtpersönlichkeit, was noch viel verletzender als eine Ziffern-Fünf sein kann.

Hier im Auszug ein Beispiel eines Wortzeugnisses für eine Schülerin einer dritten Klasse, das - von der Bielefelder „Laborschule“ offenbar zur Nachahmung empfohlen - in einer Lehrerzeitung veröffentlicht wurde: "Wie gut für uns beide, dass du jetzt gern rechnest ... Zum Rechnen war - als ich dich kennenlernte - in deinem Kopf: Ich kann es nicht und ich mag es nicht. Das war wie die Frage nach dem Huhn und dem Ei: Was war zuerst da: Du magst es nicht und darum kannst du es nicht? Oder: Du kannst es nicht so gut, wie du es dir wünscht, und darum magst du es nicht? ....." Eine ehrliche Leistungsbilanz sind Wortzeugnisse damit kaum. Und eine konkrete Empfehlung für Wege zur Überwindung von Lernproblemen können sie nur selten sein, es sei denn, sie erstrecken sich über zwanzig Seiten - zu Lasten wiederum der Lesbarkeit für Schüler und Eltern.

Gefahr droht Zeugnissen übrigens nicht nur, weil gewisse Leute sie abschaffen oder durch schöne, ausladende Texte ersetzen wollen. Gefahr droht ihnen vielmehr, weil sie mehr und mehr schöne, ungedeckte Schecks sind. Überhaupt sind Schulpolitik und Schulpädagogik längst auf dem Verwöhnungstrip eingeschwenkt. Es gibt auch immer mehr 1.0-Abiturzeugnisse. Aus Nordrhein-Westfalen wird berichtet, dass sich die Zahl der Abiturienten mit der Note 1,0 von 455 im Jahr 2007 auf exakt 1.000 im Jahr 2011 mehr als verdoppelt hat. Die Hochschulen setzen eine solche Kuschelpolitik mit ihrer Inflation guter und sehr guter Noten fort. Ende 2012 sah sich deshalb der Wissenschaftsrat genötigt, den warnenden Zeigefinger zu erheben. Immerhin war der Anteil der Hochschulabschlüsse (ohne Staatsexamina) mit den Noten 1 und 2 vom Jahr 2000 bis zum Jahr 2011 von 67.8 Prozent auf 76.7 Prozent gestiegen.

Auf eine völlige Entwertung von Noten läuft es auch hinaus, wenn etwa die seit Frühjahr 2013 amtierende, neue niedersächsische Regierung das Sitzenbleiben abschafft. In Hamburg und in Berlin war das schon zuvor Praxis. Die Medien waren wochenlang voll von Berichten über diese Initiative. Allerdings fragt man sich, warum ….. ist doch nur ein ganz geringer Anteil der Schüler davon betroffen. Man muss hier einmal die Realität zurechtrücken. Wir haben in Deutschland laut Statistik jedes Jahr 170.000 Sitzenbleiber. Das klingt auf den ersten Blick viel, man muss es aber in Beziehung setzen zu 11,3 Millionen Schülern. Dann haben wir eine Sitzenbleiberquote von 1,5 Prozent. Das ist wahrlich kein Drama.

Außerdem gaukelt man den Kindern mit einer Abschaffung des Sitzenbleibens ein Leistungsvermögen vor, das sie nicht haben. Man schiebt sie wider besseres Wissen weiter. Dabei wäre es humaner, etwa einem 13-Jährigen zu sagen: Du wiederholst jetzt ein Jahr, weil es für dich eine Chance zur Konsolidierung ist. Das ist besser, als ihn bis zur Abschlussprüfung zur hieven und dann zu sagen: April, April, du bist einfach nicht gut genug.

Bei denen, die das Sitzenbleiben abschaffen wollen, herrscht ein total idealisiertes Bild von Schülern. Man tut so, als sei immer nur das System schuld, wenn jemand nicht vorankommt. Tatsache ist, dass sich einige Schüler in bestimmten Phasen ihrer Biographie weniger anstrengen. Davon sind die Jungen stärker betroffen als die Mädchen, deswegen haben wir bei Ersteren eine doppelte Sitzenbleiberquote. Ein beachtlicher Anteil von Schülern braucht wohl das Risiko des Scheiterns, um mehr in Schule zu investieren. Es ist außerdem kein Zufall, dass diejenigen deutschen Länder mit den liberalsten Noten und den großzügigsten Bedingungen schließlich bei allen Schulleistungsstudien, wie TIMSS, IGLU oder PISA, ganz hinten auf der Skala liegen.

Aus dem Glaubenskrieg um Schulnoten und Zeugnisse wurde jedenfalls ein Politikum, bei dem es ganz prinzipiell gegen Leistung und Anstrengung geht. Die mit der Abschaffung von Noten verbundene Hoffnung aber, dann auch schlechte Schulleistungen abschaffen zu können, wäre kaum etwas anderes als das Bemühen, das Fieber aus der Welt zu bannen, indem man weltweit alle Fieberthermometer verbietet. Schule kann aber nicht auf Elfenbeinturm-Attitüde machen oder zur leistungsfeindlichen Spielwiese werden. Erziehung zur Leistung impliziert Leistungsbewertung. Ansonsten gibt es sehr wohl pädagogische Gründe für klare schulische Leistungsbewertung. Notenzeugnisse, so unvollkommen sie sein mögen, geben eindeutig Rückmeldung über Gelerntes; sie signalisieren zusätzlichen Förderbedarf; sie erleichtern eine individuell optimale Wahl der Schullaufbahn, und sie sind Anreiz zu unverminderter oder vermehrter Anstrengung.

Vor diesem Hintergrund hat die traditionelle schulische Bewertungspraxis schon Sinn. Zum Popanz wird eine Note nur, wenn Eltern oder „Experten“ etwas, zum Beispiel ein Persönlichkeitsurteil, hineingeheimnissen, das die Note gar nicht aussagen will. Zum Popanz wird die Note auch dann, wenn Eltern Liebe gegen Noten handeln, oder wenn für die gute Einzelnote reichlich materielle Belohnung bis hin zum braunen oder gar grünen Euro-Schein "rüberwächst". Bei etwas mehr Gelassenheit hätten die jungen Leute auch weniger Nöte mit ihren Erziehern, denn mit den Noten gehen sie ohnehin viel unbefangener um als ihre "Alten".

Und noch ein Wort zum Zwischenzeugnis: Es stellt eine Zwischenbilanz dar, und es ist gerade für Schüler mit schwächeren Leistungen ein ernst zu nehmender Impuls, im zweiten Halbjahr Dampf zu machen. Bei den meisten Schülern kommt dieser Impuls übrigens an. Denn wenn die Jahreszeugnisse so aussähen wie die Zwischenzeugnisse, würden mehr als doppelt so viele Schüler sitzenbleiben. So aber ist so mancher Schüler doch geneigt, von Februar bis Juli vorhandene Reserven zu mobilisieren. Und am Jahresende fällt alles ohnehin noch einen Tick gnädiger aus: Während Lehrer zum Zwischenzeugnis im Zweifelsfall und zu Recht als „Warnschuss“ eher die schlechtere Note festsetzen, tendieren sie am Ende des Schuljahres eher zur günstigeren Notenfestsetzung, etwa bei einer Kommanote von 4,58. Und auch von ganz oben ist seit Jahren Großzügigkeit angesagt. Es gibt Möglichkeiten, dass Schüler sich sogar mit dreimal der Note 5 einer Nachprüfung unterziehen und dann in die nächste Klasse aufrücken; oder aber sie bekommen ein Vorrücken auf Probe gewährt. Verlass ist darauf aber nicht. So mancher Schüler dürfte deshalb durchaus im zweiten Teil des Schuljahres einen Gang höher schalten.



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