DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL



aus "Die Tagespost" vom 13.09.2012

 

OECD-Bericht „Bildung auf einen Blick“

Fakten geben Verriss nicht her

Von Josef Kraus


 

Es ist jedes Jahr das gleiche rituelle Spielchen: Die OECD, eine Wirtschaftsvereinigung, veröffentlicht ihren fast 600 Seiten starken, mit Zahlenkolonnen vollgepfropften Bericht  „Education at a glance / Bildung auf einen Blick“. Diesmal nahm sich die OECD 34 OECD-Länder vor, darunter 21 Staaten der EU samt Deutschland. Und wie nicht anders zu erwarten: Laut OECD und laut so manchen OECD-getreuen Hofberichterstattern kriegt Deutschland einmal mehr sein Fett ab. Kein Klischee ist zu dümmlich, als dass es jüngst am 11. September nicht bereits eine halbe Stunde nach Veröffentlichung der rund 600 Seiten zur reißerischen Schlagzeile selbst in der vermeintlichen Qualitätspresse taugte. So wird denn auch locker darauf los getitelt:   OECD-Studie belegt: Deutschland fällt im Bildungsvergleich zurück.“ „OECD attestiert Deutschen schlechte Bildungschancen.“ „Deutschland als Sonderfall: Abstieg häufiger als Aufstieg.“

 

Die Fakten geben diese Verrisse nicht her. Lassen wir Tatsachen sprechen:

> Im Jahr 2010 besuchten 96 Prozent der Vierjährigen in Deutschland eine Vorschule oder einen Kindergarten - weit mehr als im OECD-Durchschnitt (79 Prozent). Bei den Dreijährigen war der Abstand noch größer: In Deutschland besuchten 89 Prozent der Dreijährigen eine Einrichtung des Elementarbereichs, im OECD-Durchschnitt waren es 66 Prozent.

> Das formale Niveau der Bildungsabschlüsse in Deutschland steigt weiter: Der Anteil der Schulabgänger ohne Hauptschulabschluss senkte sich zwischen 2006 und 2010 von 8,0 auf 6,5 Prozent.

> Erwarben im Jahr 2000 noch 37 Prozent eines Jahrgangs eine Studienberechtigung, waren es 2010 bereits 49 Prozent, also fast die Hälfte eines Jahrgangs.

> Die Bildungsbeteiligung der 15- bis 29-Jährigen über alle Bildungsniveaus hinweg ist im Berichtsjahr 2010 überdurchschnittlich hoch (Deutschland 51 Prozent, OECD-Durchschnitt 47 Prozent).

> Gerade in Zeiten der Krise profitiert Deutschland davon, dass der überwiegende Teil der Bevölkerung über einen guten Bildungsabschluss verfügt: 86 Prozent haben entweder Abitur oder eine abgeschlossene Berufsausbildung, im OECD-Schnitt sind es nur 74, im EU-Schnitt 75 Prozent.

 

Vor allem aber: Die Jugendarbeitslosigkeit in Deutschland ist die geringste in Europa. Wer nun aber wie die OECD glauben macht, dass eine geringe Quote an arbeitslosen jungen Leuten mit einer hohen Akademisierungsquote zu tun hat, der ist auf dem Holzweg. Deutschland und Österreich haben im Juni 2012 laut EUROSTAT eine Quote an arbeitslosen 25- bis 34-Jährigen von 8,0 bzw. 8,9 Prozent. Die Quote an Jungakademikern in diesen beiden Ländern beträgt gleichzeitig 26 bzw. 21 Prozent. Dem gegenüber haben Spanien, Frankreich und Großbritannien vermeintlich glanzvolle Jungakademikerquoten von 38 bzw. 43 bzw. 45 Prozent, gleichzeitig aber erschreckende Quoten an Arbeitslosen in diesem Altersbereich von 52,9 bzw. 23,4 bzw. 21,7 Prozent. In den wirtschaftlichen Krisenjahren zwischen 2008 und 2010 war Deutschland zudem das einzige OECD-Land, in dem die Arbeitslosigkeit auf allen Bildungsniveaus nicht zu-, sondern abgenommen hat.

 

All dies hindert die OECD-Protagonisten nicht daran zu behaupten, dass Deutschland im internationalen Vergleich weiter zurückfallen werde. Der Grund dafür ist aus ihrer Sicht, dass andere Länder ihr Hochschulsystem deutlich schneller ausgebaut hätten. Ein Hochschulstudium gilt der OECD nämlich als Maß aller Dinge. Ob die Absolventen damit auf dem Arbeitsmarkt erfolgreicher sind, wird im OECD-Bericht freilich nicht bewertet. Dass gerade die berufliche Bildung in Deutschland aus wirtschaftlichen und aus sozialpolitischen Gründen Vorbild für andere Staaten sein könnte, will die OECD in ihrem Studierquotenwahn nicht wahrhaben. Ihr geht es um notfalls planwirtschaftlich hinmanipulierte Quoten und nicht um Qualität. Dabei ist sozial gerade das, was junge Leute in Lohn und Brot bringt und nicht das, was Berechtigungen anstelle von Befähigungen vermittelt.

 

Schließlich versteigen sich die OECD-Statistiker zu der Behauptung, dass es in Deutschland mehr Bildungsabsteiger als Bildungsaufsteiger gebe. Angeblich würden in Deutschland 20 Prozent der jungen Erwachsenen einen höheren Bildungsabschluss als ihre Eltern (OECD- Schnitt 37 Prozent), aber 22 Prozent einen niedrigeren erwerben (OECD-Schnitt 13 Prozent). "Die Funktion des Bildungssystems als Motor für Aufstieg zwischen den Generationen ist relativ schwach in Deutschland", behauptet die OECD, um fortzufahren: Besonders Großbritannien, Frankreich, aber auch Italien und Polen hätten hohe "Bildungs-Aufsteigerraten". Dass solche Behauptungen mit der wirtschaftlichen Realität dieser Länder in nichts, aber rein gar nichts korrelieren, drängen die OECD-Ökonomen ebenfalls beiseite. Wie realitätsfern deren Zahlen und Bewertungen allerdings sind, zeigt allein die Tatsache, dass der Bildungsstand der Bevölkerung in Deutschland seit Jahren kontinuierlich steigt. Hinzu kommt, dass das OECD-Ergebnis zur Bildungsmobilität zwischen Generationen dem Befund im nationalen Bildungsbericht 2012 widerspricht, in dem eine gegenläufige Tendenz festgestellt wird: Aufstiege in Westdeutschland 40,4 Prozent, in Ostdeutschland 42,4 Prozent, Abstiege in Westdeutschland 12,5 Prozent in Ostdeutschland 15,6 Prozent.

 
Die Bundesregierung und die Kultusministerkonferenz kritisieren die OECD-Analysen denn auch als unausgereift. Tatsächlich berücksichtige die OECD erneut das in Deutschland sehr erfolgreiche berufliche Bildungssystem nicht, so beide einmütig. Berufe, die hierzulande in einer Ausbildung erlernt werden könnten – etwa Optiker oder Mechatroniker – , trügen in anderen Staaten einen Hochschulstempel. Ein britischer Jugendlicher etwa, der Optiker wird und Kind von Akademikern ist, bleibt in der Logik der OECD also auf dem gleichen Bildungsniveau, ein deutscher würde als Absteiger gewertet.

 

Der Bundesregierung und der KMK ist freilich auch ins Stammbuch zu schreiben, dass sie die OECD seit Jahren ungestraft vor sich hin ideologisieren lässt. Vielleicht wäre es an der Zeit, dass Deutschland der OECD einmal Mittel streicht, bei der personellen Besetzung der OECD-Spitzenpositionen genauer hinschaut und sich an solchen „Berichten“ schlicht und einfach nicht mehr beteiligt. Dann wäre es mit dem Hokuspokus, den die OECD alljährlich zusammen mit einigen öffentlich tätigen Nationalallergikern veranstaltet, bald vorbei. Im übrigen könnte ein Land, das sich seine Bildungspolitik von einer OECD einflüstern lässt, auch auf einen PISA-Test verzichten. Denn für den PISA-Test zeichnet ebenfalls die OECD verantwortlich. Letztere hat mit dieser Testerei erreicht, dass Bildung in Deutschland immer mehr auf das Verwertbare, wirtschaftlich Nützliche sowie simpel Mess- und Quotierbare reduziert wird.


© 2011 Deutscher Lehrerverband (DL) - Dominicusstr. 3 - 10823 Berlin - Tel. (030) 70 09 47 76 - FAX (030) 70  09 48 84 DL-Home Seitenanfang