DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL

05.12.2016




 

DL-Präsident Josef Kraus zur anstehenden Veröffentlichung der aktuellen PISA-Ergebnisse am 06.12.2016 :

Wir brauchen Bildung statt PISA 

 Man kann nur hoffen, dass „Pisa“ für die vormalige Kultur- und Bildungsnation Deutschland bald wieder das wird, was Pisa seit Jahrhunderten ist: die Stadt mit dem schiefen Turm in der Toskana. Letzteres scheint seit eineinhalb Jahrzehnten vergessen, denn „Pisa“ wurde zum Synonym für typisch deutsche Hysterie: „Ach, wie sind wir mal wieder schlecht, wie sind wir mal wieder ungerecht!“

Wenn es um Bildung geht, scheint in Deutschland jedenfalls nur noch Controlling und nochmals Controlling angesagt: TIMSS I – TIMSS II – TIMSS III, PISA 2000 – 2003 – 2006 – 2009 – 2012 – 2015, mehrmals PISA-E, IGLU, IGLU-E, DESI, VERA usw. Kurz: Hier liegt eine progrediente Testeritis vor. Gegen schulische Bilanzen ist grundsätzlich nichts einzuwenden. Aber allein vom Puls- und Fiebermessen wird man nicht gesund – außer man ist ein Hypochonder. Und dann hilft das auch nur für ein paar Minuten.

Messen wir also bitte mit Maß und Ziel! Wir müssen aufpassen, dass wir nicht noch mehr einer so genannten operationalistischen Definition von Bildung nach dem Motto aufsitzen: Bildung ist das, was PISA qua Mess-„Operation“ misst. Folge: Die in messbare „Bildungs“-Standards übersetzten „Kompetenzen“ sind Methodenartefakte. Man nennt das die normative Wirkung der Empirie. Dabei räumen die PISA-Autoren selbst ein, dass die PISA-Tests „ein didaktisches und bildungstheoretisches Konzept mit sich führen, das normativ ist“. Das Ganze soll dann Bildung heißen. Nein, Bildung ist erheblich mehr, denn PISA misst nur einen ganz kleinen Ausschnitt aus dem schulischen Lerngeschehen.

Nicht erfasst wird mit PISA: sprachliches Ausdrucksvermögen, literarisches Verständnis, fremdsprachliches Können, historisches, wirtschaftliches, geographisches, religiöses/ethischen Wissen und ästhetische Bildung. Gerade diese mit PISA nicht erfassten Bereiche machen Allgemeinbildung und Persönlichkeitsbildung aus. Wir müssen also wieder den nicht messbaren und übernützlichen Wert von Bildung betonen. PISA und eine OECD, die diesen Test – wohlgemerkt als Wirtschaftsorganisation! – trägt und propagiert, reduziert nämlich „Bildung“ auf sog. Kompetenzen, die man in einem globalisierten Unternehmen vermeintlich braucht. Das ist zu wenig. Wir brauchen vielmehr als Bildungsziel wieder den mündigen jungen Bürger und dafür einen anspruchsvollen, vielseitigen Unterricht sowie Zeugnisse, die keine bloßen Gefälligkeitsatteste sind. Jede weitere mit PISA begründete Reformhektik schadet. Sie verhindert eine nach Jahren der Hektik überfällige Konsolidierung der Schulen, und sie tut am meisten denjenigen jungen Leuten weh, die hinterherhinken.

Für Stellungnahmen ist DL-Präsident Josef Kraus unter 0171 - 52 45 945 zu erreichen. 

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