DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL

aus Rotary Magazin März 2013

 Schule als Agentur für Vollkasko ohne Eigenbeteiligung?

von Josef Kraus

 

Blätterwald, Rundfunk und Fernsehen inszenieren mal wieder - assistiert von Einflüsterern aus Politik und „Erziehungswissenschaften“ - einen bildungspolitischen Hype. Kaum hat die neue niedersächsische Landesregierung ihren Koalitionsvertrag besiegelt, rauscht es durch die Journaille: Niedersachsen schafft das Sitzenbleiben in der Schule ab. Begründet wird diese Absicht mit allen möglichen Argumenten. Das Sitzenbleiben stehle Zeit, es demütige die Kinder, es sei zu teuer. Und: In Berlin und Bremen habe man mit einer Schule ohne Sitzenbleiben gute Erfahrungen gemacht.

Wie bitte, Berlin und Bremen als Vorbilder? Hat man offenbar vergessen, dass Berlin und Bremen seit Jahren und Jahrzehnten die Schlusslichter bei allen Schulleistungstests sind? Schlusslicht vor allem deshalb sind, weil dort schulisch in weiten Bereichen die Prinzipen Beliebigkeit und Anspruchslosigkeit vorherrschen.

Längst wissen wir, dass die Länder Bayern und Sachsen sowie (noch!) Baden-Württemberg und Thüringen bei wissenschaftlichen Schulleistungsvergleichen regelmäßig mit Abstand am besten abschneiden und dass die Neuntklässler dieser Länder mehr als ein Schuljahr Vorsprung vor ihren Altersgenossen in den Stadtstaaten und in gewissen Nord-, West- und Ostländern haben. Längst wissen wir auch, dass dieser Vorsprung mit eindeutig identifizierbaren Faktoren zu tun hat: In diesen vier Ländern haben die Schüler mehr Unterricht als andernorts; der Zugang eines Kindes zu einer bestimmten weiterführenden Schule ist an gewisse Leistungen geknüpft; bereits zum Erwerb eines mittleren Schulabschlusses muss sich ein Schüler einer zentralen Abschlussprüfung stellen. Und: Die Leistungsanforderungen sind höher, die Notenregelungen strenger. So einfach ist das.

Aber zurück zum Sitzenbleiben: Warum eigentlich soll man etwas abschaffen, was es nahezu nicht mehr gibt? Schließlich bleiben von 11,4 Millionen Schülern in Deutschland pro Jahr nur 170.000 sitzen. Das sind 1,5 Prozent. Offenbar wollen gewisse Kräfte in ihrem Egalisierungswahn aber auch noch für diese 1,5 Prozent eine schulische Vollkaskogarantie. Im übrigen ist die Quote an Sitzenbleibern in den letzten Jahren deutlich gesunken. Weil die 16 deutschen Länder schöne Bilanzen vorlegen und Millionen potenzieller Wähler, nämlich Eltern, besänftigen wollen, wurden die Regeln für das Sitzenbleiben bis zum „geht nicht mehr“ liberalisiert. Selbst in vergleichsweise strengen Bildungsländern kann man mit mehrmals Note 5 auf Probe vorrücken oder sich einer Nachprüfung stellen.

Das Sitzenbleiben ist auch keineswegs Stigma. Die „Wiederholer“ sind in den neuen Klassen oft genug die Stars, weil sie älter, cooler und frecher sind. Nicht selten werden sie zu Klassensprechern gewählt. Und auch sonst kann man es damit – wie Beispiele beweisen – in höchste Ränge der Politik, Wirtschaft, Kultur und Wissenschaft bringen. Zudem hat das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) 2004 in einer Untersuchung von 2.500 ehemaligen Schülern der Geburtsjahrgänge 1961 bis 1973 festgestellt, dass die meisten Schüler von einer Ehrenrunde profitieren.

Für Schüler jedenfalls, die am Ende des Schuljahres in mehreren Kernfächern mangelhafte Leistungen haben, wäre ein Aufstieg in die nächsthöhere Klasse eine krasse Fehlinvestition und ein Bremsfaktor für die Klassengemeinschaft. Für Sitzenbleiber aber ist das Wiederholen eine Chance zur Konsolidierung in neuer Lernumgebung, zur Neuorientierung und zur Stabilisierung der Bildungslaufbahn. Gäbe es kein Durchfallen mehr, würde sich außerdem ein noch größerer Anteil von Schülern - vor allem in der Pubertät - überhaupt nicht mehr anstrengen wollen und das Leistungsniveau vieler Klassen würde sinken. Es stimmt auch nicht, was immer wieder behauptet wird, nämlich dass Sitzenbleiber ja nur in überschaubaren Bereichen Defizite hätten und diese mit Förderunterricht ausgeglichen werden könnten. Der typische „Durchfaller“ hat aber in der Regel Fünfen und Sechsen in drei, vier, ja fünf Fächern und parallel dazu eine Menge an wackeligen Vieren. Bei einem Weiterschieben in die nächsthöhere Klasse würde er – zumal er ja neuen Stoff zu lernen hat – nur noch mehr seinen Niederlagen hinterherlaufen.

Eine Abschaffung des Sitzenbleibens ist unpädagogisch. Eine um sich greifende Wohlfühl-, Gute-Laune-, Spaß- und Gefälligkeitspädagogik schadet unseren Kindern. Wir müssen Kindern wieder mehr zutrauen und auch mehr zumuten. Man sollte nicht so tun, als gingen Bildung und Lernen ohne Anstrengung. Zum Leben gehört eben auch das Risiko des Misserfolgs und des Scheiterns. Dass eine pseudopädagogische Erleichterungsattitüde falsch ist, wussten Generationen von Eltern und Lehrern seit der Antike. Selbst ein Sigmund Freud, der bekanntermaßen vieles auf das Luststreben des Menschen zurückführte, war überzeugt: Leistung und Erfolg, ja das Erleben von Glück, setzen Bedürfnis- und Triebaufschub voraus.

Trotzdem werden Leistung, Anstrengung und Schulnoten erneut zu Missgunst-Vokabeln. Das große Rad der Schulpolitik, das gewisse Kräfte der Schulpolitik und der „Bildungswissenschaften“ nun drehen, ist aber nur ein Drehen zurück in die Verbohrheit der 68er Pädagogik. Wie schon damals ist im Zusammenhang mit Schule wieder in übler Weise die Rede von "Leistungsstress", "Leistungsdruck", "Leistungsterror", „Kränkung“ usw. Wer Leistung und Anstrengung aber zu Missgunst-Vokabeln macht, versündigt sich an der Zukunft unserer Kinder und unserer Gesellschaft. Denn wer das Leistungsprinzip bereits in der Schule untergräbt, setzt eines der revolutionärsten demokratischen Prinzipien außer Kraft. In unfreien Gesellschaften sind Geldbeutel, Geburtsadel, Gesinnung, Geschlecht Kriterien zur Positionierung eines Menschen in der Gesellschaft. Freie Gesellschaften haben an deren Stelle das Kriterium Leistung vor Erfolg und Aufstieg gesetzt.

Dass man mit der Abschaffung des Sitzenbleibens deutschlandweit eine Milliarde Euro sparen könne, darf man getrost als eine Berechnung aus dem Elfenbeinturm, in diesem Fall als Ergebnis einer „Studie“ der Bertelsmann-Stiftung, betrachten. Schließlich rekurriert diese Studie über die Wirksamkeit des Wiederholens auf Untersuchungen aus den 1960er und 1970er Jahren. Und außerdem fragt man sich, warum eine pädagogisch sinnvolle Maßnahme aus ökonomischen Gründen wegrationalisiert werden soll. Es ist eher das Gegenteil der Fall: Eine Klasse zu wiederholen senkt die Wahrscheinlichkeit, dass ein „wackeliger“ Schüler am Ende ohne Schulabschluss dasteht. Das ist ein Gewinn, den man durchaus auch in Milliarden an Euro ausrechnen könnte.

Der Hintergrund der aufgeheizten Debatte um das Sitzenbleiben ist aber wohl ein ideologischer. Man muss sich nur die Protagonisten dieser Initiative anschauen. Es sind Leute, die seit Jahrzehnten für eine Einheitsschule in Deutschland eintreten. Mit der Abschaffung des Sitzenbleibens und im nächsten Schritt mit der Abschaffung der Schulnoten kämen sie ihrem Ziel sehr nahe, denn dann wäre eines Tages das Gymnasium eine Gesamt- und Einheitsschule – noch dazu mit einem schönen Namen.

Einheits- und Gesamtschule hat in Deutschland aber Jahrzehnte durchschlagender Erfolglosigkeit hinter sich. Nur hat sich das noch nicht einmal bis zur amtierenden Landesregierung in Stuttgart herumgesprochen. Sonst würde diese nicht eines der erfolgreichsten deutschen Schulsysteme deformieren und mit der Gemeinschaftsschule zwangsbeglücken. Seit den 1970/80er Jahren aber hat die Gesamtschule, die jetzt zur Gemeinschaftsschule umetikettiert wird, in allen Studien schlecht abgeschnitten. Eines der Hauptergebnisse lautet: Am Ende der 10. Klasse liegen Gesamtschüler im Vergleich mit Realschülern um zwei, im Vergleich mit Gymnasiasten um mehr als zwei Jahre zurück.

Eine notenfreie Schule, die die Schüler ohne Rücksicht auf deren Leistung und Begabung einfach durch die Schullaufbahn durchschiebt und am Ende Zeugnisse als ungedeckte Blankoschecks aushändigt, ist jedenfalls das letzte, was das Land der Dichter, Denker, Erfinder und der einstmals großen Pädagogen braucht.

 

 






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