DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL



Frankfurter Rundschau, 29.11.12 - Streitgespräch

 

"Einen Leistungsverfall gibt es nicht"

 

Aber hat jeder wirklich eine faire Chance? Streitgespräch zwischen dem Eliteforscher Michael Hartmann und dem Lehrervertreter Josef Kraus.

Fast 50 Prozent eines Jahrgangs machen heute Abitur. Dennoch sieht der Darmstädter Eliteforscher Michael Hartmann eine klare Schieflage zulasten bildungsferner Schichten. Die klassische Leistungsbewertung gehe auf Kosten von Schülern aus sozial schwachen Familien, sagt der Soziologe und plädiert für längeres gemeinsames Lernen. Josef Kraus vom konservativen Deutschen Lehrerverband nennt das pure Sozialromantik. Die These Fördern statt Auslese sei grundfalsch, sagt der Lehrer: Es müsse heißen: Fördern durch Differenzierung. Ein Streitgespräch.

Seit Ihrer Schulzeit ist die Zahl der Bildungsaufsteiger stetig gewachsen. Heute konstatiert der Armutsbericht, dass die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter aufgeht. Der Frankfurter Soziologe Sighard Neckel spricht von einer „Refeudalisierung“ der Gesellschaft. Hat er Recht?

Hartmann: Bezogen auf Arm und Reich stimmt das mit der Schere. In der Bildung ist es komplizierter. Die 70er-Jahre waren das goldene Jahrzehnt für die Bildungsaufsteiger. Man muss aber bei aller Kritik am heutigen Bildungssystem konstatieren, dass es in den vergangenen zehn Jahren noch einmal einen großen Bildungsschub gegeben hat. Allerdings gibt es auch eine Minderheit von Verlierern.

Kraus: Die Abiturquote liegt bei fast 50 Prozent. Das zeigt doch, dass unser Bildungssystem erfolgreich ist und wir eine gute vertikale Durchlässigkeit haben.

Laut Studien ist der Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg nach wie vor hoch. Die OECD moniert zudem, dass Deutschland noch noch zu wenige Akademiker hat.

Kraus: Das sind doch planwirtschaftliche Attitüden – unsere solide allgemeine und berufliche Bildung wird hier nicht hinreichend gewürdigt! Wenn wir die Zahl der Studienberechtigten noch weiter in die Höhe treiben, geht das nur auf Kosten von Qualität und Leistung.

Heißt das, die Schüler von heute sind schlechter als die von gestern?

Hartmann: Nein, die Klage über den angeblichen Leistungsverfall stimmt nicht. In meiner Generation kamen nur etwa zehn Prozent bis zum Abitur. Fast 80 Prozent besuchten die Volksschule und lernten weder eine Fremdsprache noch eine Naturwissenschaft. Das ist heute komplett anders. Wenn wir einmal nicht nur die gymnasiale Spitze, sondern alle betrachten, dann hat sich das Bildungsniveau deutlich erhöht. Die meisten sprechen eine Fremdsprache, viele sogar zwei. Naturwissenschaften sind überall Pflicht.

Dann können wir uns beruhigt zurücklehnen?

Hartmann: Keineswegs. Besorgniserregend ist, dass ungefähr ein Fünftel der Kinder und Jugendlichen heute trotz Bildungsexpansion abgehängt wird. Und das liegt an ungleich verteilten Chancen außerhalb der Schule und auch daran, wie Leistung in den Schulen bewertet wird – zulasten der sogenannten bildungsfernen Schichten.

Kraus: Wenn wir den Chancen-Ausgleich schaffen wollen, dann müssen wir nicht in der Schule, sondern bei der Spracherziehung im Kindergarten anfangen. Da muss aber mehr Druck her: Es gibt noch zu viele Eltern, die die Fördermöglichkeiten einfach nicht nutzen. Bildungsbenachteiligung entsteht nicht durch das gegliederte Schulsystem, sondern vor allem durch Selbstselektion in den Familien.

Hartmann: Da widerspreche ich. Sicher gibt es Eltern aus bildungsfernen Milieus, die ihr Kind nicht aufs Gymnasium schicken wollen, weil ihnen das fremd ist. Aber die Leistungsbewertung durch die Lehrer spielt bei der Bildungskarriere gerade solcher Kinder eine zentrale Rolle. Lehrer bewerten gleiche Leistungen bei Akademikerkindern im Schnitt erheblich besser als bei Kindern un- und angelernter Arbeiter.

Kraus: Die These, dass durch die Notengebung eine soziale Aufteilung stattfindet, kann ich nicht teilen. Schule in Deutschland ist eine Schule in einem Rechtsstaat. Gerade bei schriftlich fixierten Leistungsbewertungen habe ich als Lehrer keinen Ermessensspielraum. Zumal es eine zunehmende Klagefreude bei den Eltern gibt. Die bemühen gleich ihren Rechtsanwalt, wenn die Noten nicht stimmen. Diese schnellen Eingreiftruppen setzen die Pädagogen gehörig unter Druck.

Hartmann: Genau hier liegt doch die Benachteiligung! Zum einen gibt es Ermessensspielräume bei den Noten. Zum anderen machen vor allem Eltern mit hohen Bildungsabschlüssen Druck. Mütter und Väter aus sozial schwachen Milieus verlassen sich hingegen sehr stark auf das Urteil der Lehrer, obwohl es ihre Kinder in der Tendenz benachteiligt.

Kraus: Diesen Druck erfahren Lehrer doch ebenso aus Migrantenfamilien – bis hin zum Vorwurf, mein Kind hat eine Vier bekommen, weil es Türke ist.

Laut einer Studie des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung werden bei vergleichbaren Leistungen und ähnlichem sozialem Hintergrund Migrantenkinder mindestens so oft ans Gymnasium empfohlen wie ihre deutschstämmigen Mitschüler.

Hartmann: Die Benachteiligung erwächst meistens nicht aus der Tatsache, dass die Familie eines Schülers aus der Türkei oder dem Iran stammt. Sie erwächst vorrangig aus der Zugehörigkeit zu einer sozialen Schicht – und davon sind deutsche und nicht-deutsche Kinder betroffen. Wir haben an den Schulen eine klare Schieflage zulasten der bildungsfernen Schichten. Die Schule sollte aber für Ausgleich sorgen, vor allem dadurch, dass die Schüler länger gemeinsam lernen.

Kraus: Das ist doch Sozialromantik! Dieses Modell bremst die schnellen Schüler – wir sehen ja in Berlin und Brandenburg, dass die sechsjährige Grundschule zu schlechteren Leistungen führt. Wir neigen dazu, jede Form von Ungleichheit zu skandalisieren. Aber Schule ist keine Institution zur Herstellung von Gleichheit, sondern sie soll Verschiedenheit und Individualität fördern. Die These Fördern statt Auslese ist grundfalsch. Es muss heißen: Fördern durch Differenzierung. Gleichmacherei gefährdet zudem jede Anstrengungsbereitschaft.

Hartmann: Von einem gemeinsamen Lernen profitieren auch die besseren Schüler. Sie lernen, indem sie den Schwächeren helfen. Das gilt für ihre soziale Kompetenz, aber auch für ihr Wissen.

Eine vom Erziehungswissenschaftler Klaus-Jürgen Tillmann geleiteten Elternstudie ergab gerade, dass sich Mütter und Väter weniger Leistungsdruck, dafür mehr sozialen Ausgleich in den Schulen wünschen. Überrascht Sie das?

Kraus: Das kann ich aus meiner Praxiserfahrung nicht bestätigen. Der Teil jener Eltern, die nur noch auf die Noten gucken, wird immer größer. Der Förderwahn steigt.

Sie wollen doch Leistung – warum stört Sie das?

Kraus: Ich will eine kindgerechte Leistung, aber keine übermotivierten Eltern oder Kindergärten, die schon für Dreijährige Portfolios erstellen. Wenn schon Eltern von Vierjährigen die Erzieherin fragen: „Wird mein Kind das Gymnasium schaffen?“, dann stimmt doch was nicht. Wenn ein Kind mit zehn Jahren nicht aufs Gymnasium kommt, dann ist der Zug noch lange nicht abgefahren.

Hartmann: Für die meisten noch verbliebenen Hauptschüler ist der Zug abgefahren – mit Ausnahme von ländlichen, aber wirtschaftlich starken Regionen. Die Mehrzahl der Jugendlichen mit niedrigem Bildungsabschluss muss damit rechnen, abgehängt zu werden. Ganz zu schweigen von den Förderschulen, die trotz Inklusion in vielen Bundesländern weiter wachsen. Ich sehe die Gefahr, dass diese die neuen Restschulen werden, wo sich alles sammelt, was in der Regelschule nicht willkommen ist.

Wäre das nicht ein klarer Verstoß gegen die UN-Behindertenrechtskonvention, die auch Deutschland unterzeichnet hat?

Kraus: Die Konvention sagt keineswegs, dass wir die Förderschulen schließen müssen. Ich bedauere sogar, dass die Bundesregierung nicht deutlicher gemacht hat, dass wir mit unserem hoch differenzierten Förderschulwesen sehr gut dastehen.

Rund 80 Prozent der Förderschüler machen keinen Schulabschluss. Das nennen Sie gut?

Kraus: In keiner anderen Schulform haben wir eine derart individualisierte Förderung jedes einzelnen Schülers. Wir haben übrigens keine Probleme mit der Integration von Körperbehinderten und Sinnesgeschädigten, aber sehr wohl mit Kindern, die kognitive Einschränkungen haben.

Heißt das, Kinder mit Lernbehinderungen sollen auch künftig nicht an die Regelschule?

Kraus: Es geht um individuell optimale Förderung. Mein Grundsatz lautet: So viel Inklusion wie möglich, so viel Differenzierung wie nötig.

Hartmann: Man muss die Inklusion durchsetzen, darf sich allerdings nicht einfach auf UN-Konventionen verlassen.

Das Gespräch führte Katja Irle.

Michael Hartmann, geboren 1952, ist Professor für Soziologie an der TU Darmstadt. Einer seiner Schwerpunkte ist die Eliteforschung. Er schrieb mehrere Bücher. In „Der Mythos von den Leistungseliten“ (Campus) untersucht er unter anderem den Zusammenhang von sozialer Herkunft und Elite-Chancen.

Josef Kraus, geboren 1949 in Kipfenberg, ist Vorsitzender des Deutschen Lehrerverbandes. Er schrieb unter anderem die Bücher „Der Pisa-Schwindel“ (Signum) und „Bildung geht nur mit Anstrengung“ (Classicus).





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