DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL
aus der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" vom 7. Juli 2011

 Vom Feinjustieren der Abiturergebnisse

In Bayern und Niedersachsen legten in diesem Jahr jeweils zwei Jahrgänge die Reifeprüfung ab. In Bayern wurden die Absolventen des achtjährigen Gymnasiums besser bewertet.

Von Josef Kraus


Doppelte Abiturjahrgänge innerhalb eines Jahres waren lange Zeit kein Aufregerthema. In der Hochschulpolitik kümmerte man sich vom Jahr 2005 zwar darum, nach der Umstellung nahezu aller Länder vom neunjährigen Gymnasium (G9) auf das achtjährige (G8) genügend Studienplätze für die dann doppelte Zahl an Studienanfängern vorhalten zu können. Wie ein doppelter Abiturjahrgang bei den Noten abschneiden würde, das war von 2007 bis 2010 aber allenfalls flüchtig Gesprächsgegenstand, als in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern, im Saarland und in Hamburg zwei Jahrgänge gleichzeitig das Abitur ablegten.

Aber diese vier Länder fallen quantitativ zu wenig ins Gewicht, als dass daraus eine große Debatte geworden wäre. Das Saarland etwa mit seinen 32 grundständigen Gymnasien ist zu klein, und der Unterschied zwischen den G8- und den G9-Durchschnittsnoten von vier Hundertstelnoten (im Jahr 2009 Note 2,438 im G9; 2,478 im G8) war zu gering, als dass man sich damit näher beschäftigt hätte.

In diesem Jahr ist das alles anders. Jetzt beendeten in Bayern (Land mit der zweitgrößten Bevölkerung) und im viertgrößten Land Niedersachsen die doppelten Abiturjahrgänge ihre Gymnasialzeit. 410 Gymnasien (Bayern) und 291 Gymnasien (Niedersachsen) konnten soeben ihre beiden Entlassjahrgänge verabschieden. Im Jahr 2012 werden doppelte Abiturjahrgänge übrigens in Baden-Württemberg, Berlin, Brandenburg und Bremen, im Jahr 2013 dann in Nordrhein-Westfalen und Hessen folgen.

Die Länder haben sich und ihre angehenden Abiturienten unterschiedlich auf den jeweiligen Doppeljahrgang vorbereitet. Recht unkompliziert war es in Niedersachsen. Der letzte G9-Zug und der erste G8-Zug (eigentlich waren es wegen der erst 2004 abgeschafften niedersächsischen Orientierungsstufe zwei verschiedene G7-Jahrgänge) wurden 2009 zu einer gemeinsamen Kursphase der Oberstufe vereint. Die Abiturprüfung war für beide, die G8-Absolventen und die G9-Absolventen, die gleiche: in vier schriftlichen Prüfungsfächern und in einem mündlichen Prüfungsfach. Das Abiturergebnis 2011 liegt offiziell noch nicht vor, aber erste amtliche Erhebungen ergaben, dass die Durchschnittsnoten der G8-Abiturienten und der G9-Abiturienten sich erst an der zweiten Stelle nach dem Komma unterscheiden und dass die Ergebnisse der beiden Jahrgänge des Jahres 2011 sich weitgehend mit dem Ergebnis der Abiturprüfung des Jahres 2010 decken, also vermutlich bei einem Schnitt um 2,50 landen werden. Ob damit bewiesen ist, dass die G8-Abiturienten ebenso gut sind wie die G9-Abiturienten, sei dahingestellt. Intern meint man in vielen Lehrerkollegien, das Ergebnis hätte kaum anders sein können, weil die Prüfungsanforderungen nicht gerade überzogen anspruchsvoll waren.

Völlig anders die Regeln in Bayern: Dort wurden die Abiturprüfungen des letzten G9- und des ersten G8-Jahrgangs ebenso wie deren jeweils letzte beiden Schuljahre zeitlich und prüfungsrechtlich entzerrt. Der letzte bayerische G9-Jahrgang wurde im Wesentlichen in der gleichen Weise wie alle früheren G9-Jahrgänge zu seinem Abitur mit vier Prüfungsfächern geführt. Allerdings wurden das dritte und das vierte G9-Kurshalbjahr (13/1 und 13/2) jeweils um ein paar Wochen verkürzt, so dass die G9-Abiturienten ihr Reifezeugnis bereits Anfang Mai 2011 in Empfang nehmen konnten. Man wollte ihnen auf diese Weise den Einstieg in das Sommersemester 2011 ermöglichen. Damit im letzten G9-Jahrgang möglichst wenige "hängenbleiben", waren die Bedingungen für die Zulassung zur eigentlichen Abiturprüfung liberalisiert worden. Durch eine Nachprüfung konnten Schüler, denen früher wegen nicht hinreichender Notenbilanz die Zulassung zur Abschlussprüfung verweigert worden war, bis zu drei nicht ausreichende Halbjahresleistungen durch sogenannte Nachprüfungen kompensieren. Das durchschnittliche G9-Notenergebnis ist bayernweit nunmehr 2,42. Es liegt damit im vorderen Bereich des Spektrums früherer bayerischer Abiturschnitte, die sich zwischen 2,40 und 2,50 bewegten. Durchgefallen sind an den mehr als 400 bayerischen Gymnasien aktuell etwas mehr als 300 der insgesamt 35 000 G9-Kandidaten.

Ganz anders gestaltete Bayern den Oberstufendurchlauf und die Abschlussprüfung der G8-Abituraspiranten. Statt der vier Abiturprüfungsfächer im G9 mussten sich die G8-Abiturienten fünf Prüfungsfächern stellen. Darunter sind verbindliche schriftliche Prüfungsfächer Deutsch und Mathematik, ferner eine Fremdsprache als mündliches oder als schriftliches Fach sowie zwei weitere Fächer. Insgesamt müssen drei der fünf Fächer schriftliche Prüfungsfächer sein. Das schien zunächst eine Verschärfung der Bestimmungen zu sein, die sich in schwächeren Noten hätte abbilden können. Dieser Gefahr steuerte man allerdings administrativ frühzeitig gegen. Wie jeder Schulkundige weiß, fallen schriftliche Leistungsfeststellungen strenger aus als mündliche. Bis dahin war es Vorschrift, dass schriftliche Leistungen zweifach und mündliche Leistungen einfach verrechnet wurden. Für das G8 wurde diese Formel geändert. Statt zwei zu eins wurde nun eins zu eins gerechnet. Bereits im Frühjahr 2010 waren die Notendurchschnitte der ersten G8-Abiturienten in der 11. Klasse um rund 0,3 herkömmliche Noten besser als die der letzten G9-Abiturienten in der 12. Klasse. Ein ministerielles Monitoring hatte dies ergeben. Dieser Unterschied zwischen G8- und G9-Noten blieb weitgehend bis in die Gesamtbilanz des Abiturs im Jahre 2011 erhalten. Zwar liegt auch für Bayern die Gesamtbilanz 2011 noch nicht vollständig vor. Bei einer parlamentarischen Ministeranhörung gab Bayerns Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU) allerdings zu erkennen, dass die G8-Abiturienten im Endeffekt rund zwei Zehntel besser lägen als die G9-Abiturienten, also zwischen 2,20 und 2,30 gelandet seien, dass sich ferner der Anteil der Einser-Abiturienten des G8 gegenüber dem G9 um rund 40 Prozent erhöht und dass sich die Zahl der Spitzenabiturienten, die alle Voraussetzungen für eine spezielle Begabtenprüfung erfüllten, gegenüber dem G9 fast verdoppelt habe. Spaenle gab zugleich zu Protokoll, dass im G8 mehr Kandidaten durchgefallen seien als im G9. Er wollte dies als Beleg dafür sehen, dass das G8 trennschärfer oder sogar strenger als das G9 sei. Als Spaenle kurzfristig - nach Abschluss aller Prüfungen - außerdem noch anordnete, dass in den Pflichtfächern Deutsch, Mathematik und Fremdsprache nicht nur einmal 1 Notenpunkt (Note 5 minus) und zweimal 5 Notenpunkte (Note 4), sondern bei letzteren beiden Leistungen auch einmal 4 Notenpunkte (Note 4 minus) ausreichten, ging ein Raunen durch Bayern.

Ministerielle "Feinjustierungen" dieser Art sind möglich, womöglich auch politisch oder pädagogisch geboten, zumal sie den Vereinbarungen der Kultusministerkonferenz entsprechen. So manche Interpretation der vorliegenden Bilanzunterschiede bedarf freilich der Ergänzung. Die gesteigerte G8-Durchfaller-Quote jedenfalls kann nicht als Ausweis strenger Abiturregeln gelten. Im G8-Abitur sind nämlich Schüler gescheitert, die nach G9-Bestimmungen die Zulassung zum Abitur gar nicht erst bekommen hätten und damit in der Durchfaller-Statistik nicht erschienen wären. Ebenso erscheinen die Durchfaller nicht in der Durchschnittsnote eines Landes. Insgesamt aber kann mit Blick auf die Bilanzen und mit Blick auf Zehntelnoten, die bei Bewerbungen um Studienplätze entscheiden, nur bedingt von einer Gleichbehandlung der G9-Abiturienten mit den G8-Absolventen und umgekehrt gesprochen werden. Ohne die Leistung der jungen Leute abwerten zu wollen, muss man festhalten: Die G8-Absolventen sind nicht besser, aber sie schneiden besser ab; und die G9-Abiturienten sind nicht schlechter, im Gegenteil: sie sind persönlich eindeutig reifer, aber sie schneiden schlechter ab.

Wie geht es weiter? Die positiven G8-Notenbilanzen werden in den kommenden Jahren vermutlich zugleich eine abkühlende und eine aufheizende Wirkung entfalten. Abkühlen wird sich die Debatte um das G8, weil man nun zur Kenntnis nehmen kann, dass das vielbeklagte, ach so stressige G8 eben doch schöne Bilanzen ergibt. Aufheizen wird sich die Lage vor Ort. Es ist ja schon seit geraumer Zeit so, dass viele Schüler und ihre Eltern in der gymnasialen Oberstufe jede einzelne Klausur- und Referats-Note unterhalb eines zweistelligen Oberstufen-Punkteergebnisses (also unterhalb 10 Punkten, das heißt einer Zwei minus) als Katastrophe empfinden. Schließlich "weiß" man nun ja aus dem ersten G8-Jahrgang, dass 10 oder 11 Punkte (also eine 2 minus oder eine 2) Standard sind. Dass das arithmetische Mittel der sechsstufigen Notenskala 3,5 ist, wird noch mehr in Vergessenheit geraten. Und es werden noch mehr Eltern als bislang bei den Gymnasialdirektoren vorstellig werden, um eine "motivierendere Notengebung", also den Verzicht auf die Vergabe von Noten unterhalb der Zwei, einzufordern. Auf die Schulen kommt da eine Menge zu, lässt sich die Forderung nach guten Noten doch mit Hinweis auf die Zukunftsperspektiven der jungen Leute bestens begründen.

Wenn sich die Noten der Abiturzeugnisse im Schnitt weiter in Richtung 2,0 bewegen, dann werden die Hochschulen ihr bislang eher virtuelles Steckenpferd endgültig auspacken und das Abitur durch ein "Aditur", also eine Zugangsprüfung, ersetzen. Die Hochschulen selbst freilich haben nicht unbedingt Grund, über zu gute Abiturnoten zu klagen. Es ist hinreichend bekannt, dass es Studienfächer gerade im geistes- und im sozialwissenschaftlichen Bereich gibt, in denen die Note 1 oder schlechtestenfalls die Note 2 Standard sind. Von dem, was jüngst über so manche Promotion bekanntgeworden ist, ganz zu schweigen!

Offensichtlich neigt die Schulpolitik unter dem Eindruck einer teilweise übermotivierten Elternschaft mehr und mehr dazu, gefällig zu sein. Wichtige Weichenstellungen in der Biographie eines jungen Menschen werden damit immer weiter nach hinten verlagert und schließlich einem rigorosen Markt überantwortet. Gewiss kann man alle jungen Leute mit einem auf dem Papier guten Abiturzeugnis ausstatten. Zunächst kommt das gut an. Was aber Ausweis von Studierreife sein soll, droht dann durch punktuelle, weniger valide Zugangstests der Hochschulen oder der Arbeitgeber ersetzt zu werden.

Der Autor ist Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL).


Text: F.A.Z., 07.07.2011, Nr. 155 / Seite 6




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