DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL

Aus "Handelsblatt Online" vom 24. Juni 2010


BILDUNGSDEBATTE

Zweifel an Schulstudie der Bundesländer


 

Nach dem jüngsten Schulvergleich der Bundesländer werden Forderungen nach Konsequenzen laut. Dabei sind die Ergebnisse der Studie wenig überraschend - und möglicherweise auch wenig brauchbar für mögliche Bildungsreformen. Der Deutsche Lehrerverband hat jedenfalls scharfe Kritik an den Ergebnissen des Tests geäußert.

von Dietmar Neuerer

„Die angebliche soziale Schieflage des Bildungswesens in Deutschland ist ein statisches Kunstprodukt“, sagte Verbandspräsident Josef Kraus am Donnerstag Handelsblatt Online. So sei es „absolut einseitig, den Zusammenhang zwischen Schulbesuch und sozialer Herkunft bei Fünfzehnjährigen zu ermitteln“. Denn damit werde die vertikale und damit auch soziale Durchlässigkeit des deutschen Bildungswesens überhaupt nicht erfasst.

Kraus wies darauf hin, dass es in Deutschland immerhin 50 Wege gebe, Studierberechtigungen zu erhalten. Zwischen 43 und 50 Prozent der Berechtigten würden sich - je nach Bundesland - ihren Universitätszugang außerhalb des Gymnasiums beschaffen. „Diese Art von Durchlässigkeit wird aber mit einer Studie, die Neuntklässer testet, überhaupt nicht berücksichtigt“, sagte Kraus. Zudem lasse die Untersuchung unbeachtet, dass in den Ländern, in denen der Zusammenhang Familienhintergrund und Gymnasialbesuch kaum eine Rolle spiele, dies auf einem „reichlich niedrigen“ Leistungsniveau geschieht. „Im Übrigen ist der Besuch eines Gymnasiums keineswegs vom Geldbeutel der Eltern, sondern vom Leistungsvermögen und vom Leistungswillen der Kinder abhängig“, fügte der Lehrerverbandspräsident hinzu. „Man muss die Bildungschancen einfach nutzen wollen, und dabei gibt es auch eine Holschuld bei den Familien.“

In den vom Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen durchgeführten Leistungstests, deren Ergebnisse am Mittwoch vorgestellt worden waren, schnitten süddeutsche Neuntklässler aller Schulformen in Deutsch, Englisch und Französisch teilweise weitaus besser ab als ihre norddeutschen Mitschüler. Schlusslicht ist Bremen, aber auch Hamburg, Berlin und Brandenburg liegen hinten. Zudem ergab die Studie, dass nach wie vor die soziale Herkunft von Kindern für den schulischen Erfolg entscheidend ist.

Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) kritisierte die Länderzuständigkeit bei der Schulbildung. Nach zehn Jahren halbherziger Reformen sollten sie „endlich einen Masterplan“ vorlegen, der tatsächlich die Qualität des Unterrichts verbessere und bei der Aus- und Fortbildung der Lehrer ansetze, sagte DIHK-Präsident Hans Heinrich Driftmann der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ (Donnerstag). Ideologien helfen uns nicht weiter, und die gebetsmühlenartig vorgebrachte Rechtfertigung der Kultusminister, nur die Länderhoheit garantiere gute Schulen, wird mit jeder neuen Leistungsstudie weiter entkräftet.“ Die Unternehmen hätten auszubaden, was die Kultusminister mit unnützen Schulstrukturdebatten an Kraft und Zeit verpulvert hätten.

Angesichts der Ergebnisse warnte indes Bundesbildungsministerin Annette Schavan die Länder vor Einschnitten bei der Bildung. Die Landtagswahlen der vergangenen Jahre hätten gezeigt, dass Bürger sehr genau darauf schauten, welchen Stellenwert die Bildungspolitik in ihrer Landesregierung habe, sagte Schavan der „Saarbrücker Zeitung“.

Sie bekräftigte, dass Bund und Länder sich darauf geeinigt hätten, zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts für Bildung und Forschung auszugeben. „Das Ziel verbietet den Zugriff der Länderfinanzminister auf die Bildungsbudgets“, mahnte Schavan. Der Ländervergleich habe gezeigt, dass konkrete Verbesserungen im Bildungssystem der entscheidende Schlüssel für gute Leistung seien. „Schulstrukturdebatten, wie sie in manchen Ländern geführt werden, helfen dagegen nicht weiter. Sie bringen zwar Unruhe in die Schulen, nicht aber mehr Qualität“, betonte die Ministerin.

Lehrerverbandspräsident Kraus beklagte, dass lange bekannt sei, dass die Südländer in Bildungsfragen vorne liegen. Dies habe vor allem damit zu tun, dass sie nach der vierten Grundschulklasse ein klar differenziertes Schulwesen, eine höhere Unterrichtsdichte, verbindlichere Lehrpläne sowie verbindliche Abschlussprüfungen auch unterhalb des Abiturs hätten und von den Schülern einfach mehr forderten. „Die Testverlierer müssten dies seit Jahrzehnten wissen, aber statt sich an den Siegerländern zu orientieren und nach der Decke zu strecken, verlieren sie sich in Schwärmereien über eine verlängerte Grundschule und Einheitsschule“, sagte Kraus.




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