DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL

Aus "Die Tagespost" vom 21. Januar 2010

Reform oder Deform?
Berlin verändert sein Schulsystem: Es wird nur noch das Gymnasium und Sekundarschulen geben

Von Josef   K r a u s
 Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL)


Fangen wir mit den wirklichen Problemen Berlins an: Es hat von allen deutschen Ländern die höchste Armutsquote. Es hat gesellschaftlich und schulisch den höchsten Bevölkerungsanteil, der in Parallelgesellschaften lebt. Es hat nach Auffassung vieler Lehrer nicht nur eine, sondern viele unregierbare „Rütli“-Schulen. Es gehört deswegen - nicht nur deswegen - regelmäßig zu den PISA-Verlierern in Deutschland. Berlin hat also schwierigste Umstände, ein PISA-Vorzeige- und Pilgerland wie Finnland mit seinen 1,2 Prozent Migrantenanteil wird Berlin allein schon deshalb nicht werden.
 
Nun aber hat das Berliner Abgeordnetenhaus mit den Stimmen der SPD und der „Linken“ am 14. Januar per Gesetz das Schulsystem einschneidend umgestellt: Ab Sommer 2010 werden Haupt-, Real- und Gesamtschulen zu sogenannten Sekundarschulen zusammengefasst. Sie bilden neben dem Gymnasium dann die einzige weiterführende Schulform nach der sechsjährigen Grundschule. Zudem können Berliner Schüler zukünftig in beiden Schulformen das Abitur erreichen - am Gymnasium nach zwölf, in der Sekundarschule überwiegend nach 13 Jahren. Einer weit über 60 Prozent tendierenden Quote an Studierberechtigten steht also kaum noch etwas im Wege.
 
Freilich lügt sich die Berliner Landesregierung in die Tasche, wenn sie meint, mit zurückliegender und aktueller Schulpolitik hätte der schon seit Jahren bedauernswerte Zustand der Schulen in Berlin nichts zu tun. Ja, mehr noch: Was die rot-rote Koalition jetzt auf den Weg gebracht hat, ist mitnichten Vorbild für Deutschland, auch wenn es Schulsenator Jürgen Zöllner (SPD) weismachen will, sondern es ist dies eine weitere Maßnahme der Deformation. Insofern klingen die Worte von Berlins oberstem Schulmann wie ein Pfeifen im Keller: Mehr Chancengleichheit soll es jetzt geben – und, so Zöllner: Diese Reform sei ein Entlassen der Schulen in die Freiheit. Der Linken-Bildungspolitiker Steffen Zillich assistiert: Das Stigma Hauptschüler werde es jetzt nicht mehr geben.
 
Weit gefehlt! Mit Freiheit hat dies wenig, mit Gleichmacherei viel zu tun. Eine schwierige Schülerklientel, die kaum Deutsch spricht, die die Schule mehr schwänzt als besucht, die null Bock mangels Perspektive hat, wird es auch nach diesen schulpolitischen Umetikettierungen geben. Im Endeffekt werden diese Schüler (es sind nicht nur Migranten) zwar auf dem Papier ein formal höherrangiges Zeugnis, dies aber auf niedrigerem Niveau bekommen. Die CDU-Opposition liegt nicht falsch mit ihrer Kritik: Rot-Rot tue nichts anderes, als unterschiedliche Schüler ideenlos nebeneinander zu setzen. Am Ende seien alle gleicher, aber vor allem etwas schlechter, meinte CDU-Bildungspolitiker Sascha Steuer.
 
Der Gipfel der schulpolitischen Rabulistik freilich ist, dass sich rot-rote Schulpolitik Marke Berlin zum Zwecke der Selbstverteidigung jetzt auch noch auf die Schulpolitik der schwarz-grün regierten Hansestadt Hamburg beruft. Auch dort schafft man – wohlgemerkt mit Willen der CDU - die Hauptschule ab und verlängert – gegen jede empirische Forschungslage und interessanterweise umgekehrt unter Berufung auf Berlin – die bislang vierjährige Grundschule auf sechs Jahre à la Berlin, so dass das hanseatische Gymnasium binnen weniger Jahre von neun über acht jetzt auf sechs Jahre zusammengestaucht wurde. Es ist schon bezeichnend, was es plötzlich an parteiübergreifend rot-rot-grün-schwarzen Zitier- und Aktionskartellen gibt. (Am Rande: Auch Hamburg gehört nicht zu den deutschen PISA-Siegern).
 
Zurück zu den Verhältnissen in Berlin: Natürlich kann Schule nicht reparieren, was eine naive Migrationspolitik über Jahrzehnte hinweg an Problemen geschaffen hat. Es ist nun einmal Tatsache, dass nach Berlin – anders als nach Kanada – nicht überwiegend Leute aus der Business Class einwandern, sondern dass Berlin durch die Zuwanderung eine Unterschichtung erfahren hat. Diese Probleme löst man nicht mit Schulpolitik, sondern mit Gesellschaftspolitik. Der Bürgermeister von Neukölln, Horst Buschkowsky, der einem Bezirk mit einem Bevölkerungsanteil von 70 Prozent Empfängern von Transferleistungen vorsteht, hat vor diesem Hintergrund drastisch, aber nachvollziehbar gefordert: „Kommt das Kind nicht in die Schule, kommt das Kindergeld nicht auf das Konto.“ Anders ausgedrückt: Natürlich ist Schulpolitik implizit auch Sozialpolitik, aber sie ist nicht der Ersatz für Sozialpolitik oder gar für vernünftige Migrationspolitik. Davon kann auch eine andere, jetzt ebenfalls vom Berliner Abgeordnetenhaus beschlossene und recht sozialpopulistisch anmutende Regelung nicht ablenken: Über bis zu 30 Prozent der Plätze an begehrten Gymnasien und Sekundarschulen entscheidet künftig das Los. Damit will man die von der „Linken“ geforderte soziale Durchmischung der Gymnasien gewährleisten. Planwirtschaft feiert also Auferstehung. Dass damit aber die zukünftigen Leistungsträger, die gerade auch den Sozialstaat zu Dreivierteln finanzieren, gebremst werden, schert einen Planwirtschaftler nicht. Ihm kommt es auf Gleichheit als gefühlte Gerechtigkeit an.



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