DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL)- AKTUELL

Radio Berlin-Brandenburg - Fokus Politik vom 25. April 2010

"Erziehung zwischen Nähe und Distanz"

Von Josef   K r a u s 
Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL)
 

Zwischen Kindern und Eltern, Zöglingen und Erziehern, Schülern und Lehrern knistert es seit Menschengedenken. Die jeweils Letzteren – die Eltern, die Erzieher, die Lehrer - sind die Reicheren an Einfluss, Macht und Lebenserfahrung. Sie sind diejenigen, die die Erziehungsgewalt ausüben. (Wobei mit Gewalt natürlich nicht das Destruktive gemeint ist, sondern Gewalt hier im ursprünglichen Sinne des Wortes zu tun hat mit: Schalten und Walten, mit Obwalten, mit Verwalten.) Die jeweils Jüngeren wollen diesen Vorsprung der Älteren nicht immer wahrhaben, sie wollen ihren eigenen Kopf durchsetzen und selbst die Klügeren sein. Das ist seit Menschengedenken so, und das wird wohl immer so sein. Noch so viel quasi-moderne Pädagogik, noch so viel gesellschaftliche Egalisierung wird daran nichts ändern: Das Verhältnis Jung – Alt ist und bleibt auf Ambivalenz angelegt: Die Ambivalenz dieser Beziehungskisten spiegelt sich seit Jahrtausenden in den Bildern wieder, die sich die ältere Generation von der Jugend malt.

Dazu ein Zitat: „Diese heutige Jugend ist von Grund aus verdorben, sie ist böse, gottlos und faul. Sie wird nie mehr so werden wie die Jugend vorher, und es wird ihr niemals gelingen, unsere Kultur zu erhalten.“ So dachte man vor 5000 Jahren und ritzte diese Diagnose in einen babylonischen Tonziegel.

Das ist ein vernichtendes Urteil über die Jugend – das übrigens heute kaum anders klingt! Freilich relativiert sich so manches aktuelle Lamento über die Jugend allein schon vor dem Hintergrund der langen Vergangenheit dieser Klage.

Mehr als zwei Jahrtausende später als der babylonische Schreiber dreht einer den Spieß zumindest teilweise um. Er heißt Platon. Er nimmt sich nicht nur die Jungen, sondern vor allem die Alten zur Brust – nämlich dann, wenn letztere sich geben wie die Jungen.

Noch ein schönes Zitat:
       ... so ist das der schöne Anfang der Tyrannis."
Es sind dies Gedanken von Platon, die er 375 Jahre vor Christus in seiner "Politeia" niederschrieb. 

In diesem Platon-Wort steckt sehr vieles, was man in Sachen Erziehung falsch machen und was schief laufen kann … und was man unterlassen sollte.

In diesem Platon-Wort finden sich zugleich Beispiele für ein Zuviel an Nähe und ein Zuviel an Distanz in der Erziehung.

Aber lassen wir diese ältere Geschichte der Pädagogik! Was sind heute die Fehler in der Erziehung, die Irrwege im Erziehungsverständnis?

Meine Kernthese lautet: Einer der Kardinalfehler der Erziehung heute bzw. des Erziehungsverständnisses der letzten Jahre ist ein Zuviel an Nähe in Verbindung mit einem Zuviel an erzieherischem Machbarkeitswahn.

Begründet wird dieses Zuviel gerne mit dem Prinzip der Ganzheitlichkeit von Erziehung.

Gewiss, Erziehung muss ihre Zöglinge als Ganzheit sehen. Erziehung darf Heranwachsende eben nicht reduzieren auf einzelne Aspekte, als da wären:
Alles recht und schön! Der Haken daran ist nur: Je mehr sich eine pädagogische Instanz - zumal eine staatliche - für alle diese Daseins- und Lebensbereiche von Kindern zuständig fühlt, desto mehr wird Erziehung zur Erziehung total

Aus Erziehen darf aber keine „unheilvolle Totalplanung“ werden. Kein Geringerer als Karl Jaspers hat das so formuliert. Total – das riecht im übrigen ein wenig nach totalitär. Aber dazu später noch etwas mehr!

Die beste Vorkehrung gegen totale Erziehung wäre eine erzieherische Arbeitsteilung: Die Familie macht Erziehung, die Schule macht Bildung  - gewisse Überschneidungen natürlich nicht ausgeschlossen.

Das heißt zum Beispiel auch: Schule soll dort pädagogische Askese üben, wo elterliche Erziehung gefragt ist und die einzig prägende sein kann. Deshalb ist eine schulische Vollkosterziehung kritisch zu sehen. Immer neue schulische Bindestrich- und Segment-Erziehungen mögen ihren Erfindern das Image des pädagogischen Machers verleihen, Heranwachsende werden damit eher erschlagen – mit Medien-, Gesundheits-, Freizeit-, Umwelt-, Konsum-Erziehung ….. Ganz zu schweigen davon, dass mit all diesen Erziehungen der schulische Bildungsauftrag fortschreitend an den Rand gedrängt wird!

Es muss jedenfalls ein Leben außerhalb geplanter, institutionalisierter Erziehung geben. Rund um die Uhr hautnahe, programmierte Erziehung zu erfahren (und mag sie noch so gutgemeint sein), das erschlägt die freie Entfaltung der Persönlichkeit Heranwachsender.

Deshalb kann erzieherische Askese manchmal ein geeignetes Mittel von Erziehung sein – so paradox das klingen mag. Damit ist nicht gemeint: „We don’t need no education“. Sondern es sind Maß und Mitte gemeint. Es ist damit etwas gemeint, was Max Weber dem Politiker als Grundattitüde wünscht und was man gerade auch Erziehern als Grundeinstellung ans Herz legen sollte: nämlich eine Mischung aus Leidenschaft und Augenmaß. (Zur Erinnerung: Max Weber hatte Politik als Bohren dicker Bretter – mit Leidenschaft und Augenmaß - definiert. Welche wunderbare Analogie lässt sich von hier zur Pädagogik ziehen!)

Maß und Mitte, Leidenschaft und Augenmaß - das gilt gleichermaßen für die zwei wichtigsten Erziehungsinstitutionen: für Familie und für Schule.

Beginnen wir mit der Familie, mit dem Elternhaus: Hier werden wir viele Häuser finden, die ihren Erziehungspflichten – die ja sogar das Grundgesetz in Artikel 6 kennt – nicht nachkommen: entweder durch ein Zuviel an Distanz (vulgo: Wurstigkeit) oder durch ein Zuviel an Nähe bis hin zu Züchtigung und Missbrauch.

Es gibt aber auch – in zunehmendem Maße - diejenigen Elternhäuser, die ihre Kinder in ihrem fürsorglich gemeinten Programmierungswahn schier erdrücken und damit in Nähe ersticken.

Wir finden dieses Phänomen eines quasi emotionalen Wärmetodes zum Beispiel bei Erziehern, die Partner der Kinder sein wollen: 

Kinder sind mit solchen Beziehungskisten aber überfordert.

Von zu viel Nähe zeugt auch eine andere, mehr und mehr um sich greifende Erziehungsattitüde: der Glaube nämlich von überehrgeizigen Eltern, man könne nicht früh genug mit der Karriereförderung beginnen.

Fast schon obsessiv sind solche Eltern dahinter her, auf dass sie ja nichts versäumen, was das Kind im globalen Wettbewerb brauchen könnte. 

In der Folge wird das Kind von einer Taxifahrerin namens Mami von einem Kurs zum nächsten chauffiert – von der Musikschule zum Ballettunterricht, vom Computerkurs der VHS für Kinder zum Sprachbad in Frühenglisch.

Ein perfektes Kind soll es werden. Manche Eltern meinen eben, sie müssten ihre Kinder schon in der Wiege auf den globalen Markt vorbereiten, für ihre Kinder ab dem ersten Lebensjahr Portfolios zur Dokumentation ihrer neu erworbenen Fertigkeiten anlegen und regelmäßig die neuesten Erkenntnisse der Gehirnforschung studieren.

Gerade diese Lern- und Gehirnforschung sagt aber auch: Man kann Kleinst-Kindern noch so viel programmiertes Vorschul-Lernen vorsetzen, man kann sie im Mutterleib noch so sehr mit W.A. Mozart oder J.S. Bach beschallen, es hat alles keinen Zweck. Man macht damit keine „Little Giants“, wie sie jetzt als Ziel der Vorschulerziehung angesagt sind. Ein stinknormales anregendes Elternhaus reicht. Das junge Gehirn sucht sich dann sehr autonom schon die Reize und Anregungen, die es braucht.

Überhaupt ist Erziehung ein nur begrenzt planbares Unternehmen. Erziehen heißt schließlich auch, intuitiv und ggf. spontan zu handeln.
 
Erziehen bedeutet nämlich zugleich:
Jede einseitige oder gar dauerhafte Betonung eines dieser beiden Pole ist falsch. Und je nach Alter und Situation muss man als Erzieher mal mehr wachsenlassen, mal mehr führen.

Wer erziehen will, muss auch kein Studium der Pädagogik, Psychologie, Soziologie und Neurobiologie hinter sich haben. Ich würde sogar behaupten: Wer meint, erst nach dem Abschluss dieser Studiengänge richtig erziehen zu können, der versündigt sich an den Müttern und Vätern von zig Generationen, die auch erzogen haben, ohne dass aus der Welt ein Milliardenheer an Psychopathen und Neurotikern geworden wäre. 
 
Ein Zwischenresümee: Erziehende mögen also doch bitte etwas mehr auf ihre Intuition und auf ihre Spontaneität vertrauen. Mit etwas mehr Zutrauen zur eigenen Intuition, mit einem Schuss mehr Spontaneität kämen auch Nähe und Distanz wieder leichter ins Gleichgewicht.
 
Betrachten wir unter der Perspektive von „Nähe und Distanz“ jetzt aber ein anderes Feld von Erziehung und Bildung, das vor allem – und notwendigerweise - im ersten Quartal des Jahres 2010 besondere Aufmerksamkeit gefunden hat: die Erziehungspraktiken, ja die Praktiken von verbrecherischem Missbrauch an zahlreichen   I n t e r n a t s s c h u l e n .
 
Hier wurde notwendige Distanz bis hin zur Züchtigung und zum sexuellen Missbrauch von Schutzbefohlenen abgebaut.
 
Dass ein solcher Missbrauch unnachgiebig aufgedeckt und konsequent geahndet gehört, versteht sich von selbst:  ohne Ansehen der Personen und ohne Ansehen der betreffenden Institutionen!
 
Völlig falsch wäre es, hier jovial nach dem Motto zu handeln: Das kommt in den besten Familien, auch in den besten Internatsfamilien vor!
 
Zu einem angemessenen Umgang mit dem Missbrauch von Kindern gehört aber an erster Stelle eine differenzierte Betrachtung. Es hat keinen Sinn, wenn jeder Fall körperlicher Züchtigung der 50er und 60er Jahre mit entsprechenden Fällen der jüngsten Zeit oder wenn sexueller Missbrauch von damals und heute damit in einen Topf geworfen werden. Es sind dies hinsichtlich Qualität und Schweregrad der Verletzung bzw. Entwürdigung sehr unterschiedliche Tatbestände. 
 
Sexueller Missbrauch war und ist – bei allen abgestuften Varianten, die sich dahinter verbergen – immer ein Verbrechen. Nähe zwischen Alt und Jung hat hier – im Sexuellen – nichts zu suchen. Denn solcher Missbrauch kann gerade junge Menschen für ein Leben lang belasten, sie in der Entfaltung ihrer Persönlichkeit hemmen, sie neurotisieren oder gar in die Suizidgefährdung treiben. In diesem Bereich von Missbrauch kann sich die Betrachtung aus der Perspektive des Jahres 2010 auch nicht von derjenigen der 60er, 70er oder 80er Jahre des vergangenen Jahrhunderts unterscheiden. 
 
Dass Bildungseinrichtungen der Kirchen besonders im Kreuzfeuer der Kritik stehen, ist aufgrund der Häufung der dort aufgedeckten Fälle nicht verwunderlich. Insofern hat die Kirche, voran die katholische, aber auch die evangelische, allen Grund nachzuforschen, was in den letzten Jahrzehnten geschehen ist, warum und von wem etwas verschleiert wurde und warum die kirchliche ebenso wie die staatliche Schulaufsicht versagt hat. Staatliche Schulaufsicht bezieht sich nämlich auch auf die freien, privaten, kirchlichen sogenannten Ersatzschulen. Zudem sind die Kirchen und andere inkriminierte Schulträger gefordert, neben der raschen Aufklärung und neben raschen personellen Konsequenzen überzeugende Angebote der materiellen und/oder immateriellen Wiedergutmachung zu unterbreiten.
 
Für andere Schulen in freier Trägerschaft gilt dies nicht minder. Hier tun sich ebenso Abgründe auf. 
 
Eines fällt dabei auf: Es handelt sich hier um Schulen, von denen man gern als „Leuchtturmschulen“ sprach. Ihr Gedankengut mutet schier pseudoreligiös an; es ist geprägt von den Ideen der Ganzheitlichkeit, der Kindgemäßheit, der Lebensnähe und des pädagogischen Eros. Ganz zu schweigen davon, dass ein weiterer gemeinsamer Nenner dieser Reformschulen ihr Anspruch ist, Gegenbild zur sog. Paukschule und vermeintlichen Spießerschule sein zu wollen. 
 
All diese Ideale gehören kritisch durchleuchtet, zumal diese Schulen in keiner einzigen empirischen Untersuchung ihre Überlegenheit hätten dokumentieren können (trotz sozial selektierter Schülerklientel.)
 
Kritisch durchleuchtet gehören auch die von ihnen reklamierte Idealisierung und Romantisierung, ja Vergötterung des Kindes.
 
Es geht hier also nicht nur um die strafrechtliche, schulrechtliche oder schulpolitische Bewertung von Einzellfällen, sondern um die Frage, ob die Idealbilder, die hinter der Reformpädagogik stecken, nicht schief sind.
 
Ganzheitlichkeit, Lebensnähe, Kindgemäßheit und Eros: Als Ahnfrau solcher Betrachtung gilt gemeinhin die Schwedin Ellen Key, die 1900 das „Jahrhundert des Kindes“ ausgerufen hatte. 
 
Die damit implizierten Idealisierungen des Kindes fanden ihren Niederschlag vor allem in den verschiedenen Ansätzen der sog. Reformpädagogik. Die Reformpädagogik schlechthin gibt es zwar nicht. Es besteht allerdings Konsens darüber, dass zu ihr folgende Protagonisten und Begründer gehören:

Die Reformpädagogik bietet damit und mit anderen Varianten ein vielfältiges Bild, das von völkisch bis sozialistisch, von individualistisch bis kollektivistisch, von metaphysisch bis rationalistisch reicht. 
 
Freilich fällt eines auf: Die anthropologischen, politischen und pädagogischen Verirrungen dieser reformpädagogischen „Meister“ – nicht selten übrigens studierter, später abgefallener Theologen – werden in ihrer Eigenwilligkeit und in ihrem Ausschließlichkeitsanspruch bis heute kaum aufgearbeitet. 
 
Dabei waren Reformpädagogen - gelinde ausgedrückt – gerne politische Opportunisten
Geflissentlich vergessen werden oft auch Ellen Keys „neue Ethik“ auf rassenhygienischer Grundlage sowie ihr Werben für ein entsprechendes Paarungsverhalten. 
 
Ist es – so sei gefragt – also nur eine zufällige Parallele, dass diese Leute bei aller propagierten Kindgemäßheit eine ganzheitliche, ja eine totale Erziehung propagierten, weil sie auch anfällig für politische Totalitarismen waren? 

 
Trotzdem vermochten diese Schulgründer über ihren Tod hinaus selbst in einem Land, dessen Staatsräson für viele der Antifaschismus zu sein scheint, gläubige Gemeinden zu formieren. Der Grund für diese Wirkung ist wohl ihr Credo einer „Erziehung vom Kinde“ aus. Das Kind wurde zum Heiligtum befördert; kulturelle, gesellschaftliche, wirtschaftliche oder auch nur erwachsene Ansprüche galten als Teufelszeug. 
 
Idealisiert wurde das Ganze mit einer Anknüpfung an die griechische Antike. Im „Symposion“ hatte Platon seinen Lehrer Sokrates den Eros als innersten Antrieb der Erziehung preisen lassen. Im alten Hellas waren ja auch sexuelle Beziehungen zwischen Männern und Jugendlichen institutionalisiert. Insofern war dort und damals die Grenze zwischen Eros und Sexus eine fließende. Diese Grenze wurde dort und damals oft in Richtung Päderastie überschritten. Oder allgemeiner ausgedrückt: Das Verhältnis zwischen Pädagogen und Zöglingen wurde mehr und mehr entgrenzt.
 
Solche Haltungen und Praktiken erfuhren vor allem in der Zeit des Neuhumanismus und des allgemeinen Griechenkultus eine Wiederbelebung. Daran anknüpfend etablierten sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts Kreise, die solche Sexualität, vor allem (männliche) Homosexualität, für kulturbildend erklärten. Der Kreis um den 1933 verstorbenen neuromantischen Dichter Stefan George war ein solcher Kreis. Man dozierte und debattierte in diesen Kreisen über die schöpferischen Kräfte, die durch homoerotische Leidenschaften freigesetzt würden.
 
Manche Reformpädagogen standen dieser Gedankenwelt nicht fern. Einer der Mitbegründer der Landschulheimbewegung, Gustav Wyneken, hatte 1920 wegen Päderastie sogar für ein Jahre ins Gefängnis gehen müssen. Und noch in den 80er Jahren des eben abgelaufenen Jahrhunderts rühmte sich ein späterer alternativer Politiker, er habe sich als Erzieher in einem alternativen Kinderladen von Fünfjährigen am Hosenlatz anmachen lassen.
 
Das überdehnte Ideal von Pädagogischem Eros hinterließ auch in der Internatserziehung Spuren. Zöglinge und Pädagogen in Landerziehungsheimen duzten sich. Das Nacktbaden und die Nacktgymnastik gehörten zum Alltag, noch vor zwanzig, dreißig Jahren feierte man Duschorgien. Der damalige Schulleiter der Odenwaldschule, Gerold Becker, vergriff sich hunderte Male an Jungen – zum morgendlichen Aufwecken oder für ganze Wochenenden. Eine Art pädagogisches Inzesttabu gab es hier nicht mehr, die Übergänge zur Pädophilie, ja zur Pädosexualität wurden fließend. Sorgende Liebe (Agape) wurde einem zweifelhaften Verständnis von pädagogischem Eros geopfert, Jungen und zum Teil Mädchen wurden zur sexuellen Verfügungsmasse.
 
Begünstigt wurde dieser Missbrauch strukturell und mental durch die Umstände und durch das Selbstverständnis dieser Einrichtungen. Strukturell heißt: Ein Internat, das sich selbstgewiss und selbstgerecht wie eine Großfamilie, wie eine Lebensgemeinschaft, ja wie ein elitäres Projekt versteht, das viel zu eng Leben und Lernen verknüpft, neigt zur klaren Abgrenzung zwischen Drinnen und Draußen, neigt zum Sektiererhaften. Ein solches Projekt droht nicht nur zur ökopädagogischen Nische, sondern zum Staat im Staate zu werden, wo andere Regeln gelten. Die Soziologie spricht hier nicht umsonst von einer „totalen Institution“ – einer Institution mit Zügen eines Käfigs. Um so mehr aber wird eine solche Institution für seine Mitglieder, vor allem für die jungen, die abhängigen, zur schieren Unentrinnbarkeit.
 
Dass einer der obersten Mentoren solchen Denkens, einer der Vorzeigepädagogen, nämlich Professor Hartmut von Hentig - von manchen seiner Jünger geradezu zum „Papst der Reformpädagogik befördert – all dies verteidigt; dass er von Missbrauch nie etwas gehört haben will, verwundert sehr. Dass er seinem Lebensgefährten Gerold Becker, dem langjährigen, zurecht des hundertfachen Missbrauchs beschuldigten früheren Leiter der Odenwaldschule, beispringt und ihn, Becker, als „begnadeten Lehrer“ bezeichnet und als von den Schülern sexuell verführt sieht, ist nicht nur ein Stück persönliche Tragik eines 84jährigen Pädagogikprofessors. Heranwachsende Opfer aber qua professoraler Analyse zu Tätern zu machen, ist denn doch in erster Linie als eine Verhöhnung von Opfern und erst in zweiter Linie als Ergebnis eines Traumas von Partnerschaft oder von Senilität zu sehen. 
 
Bei überzeugten Reformpädagogen hat die Aufdeckung von Missbrauch in sog. Reformschulen und haben Hentigs Erklärungsversuche jedenfalls eine gewisse Schockstarre provoziert. Die Mauern des Schweigens mögen bröckeln. Das kann nicht darüber hinweg täuschen, dass es ein Kartell des Schweigens gab – ein Kartell des Schweigens, zu dem namhafte Vertreter der deutschen Oberschicht, das heißt des Literaturbetriebs, der Publizistik, der Politik und der Industrie gehörten. Es war und ist dies übrigens auch ein Kartell, dem der Ruf bestimmter Schulen und bestimmter pädagogischer Richtungen offenbar wichtiger war als das Wohl der Schüler. Der Einzelne scheint – wie in kollektivistischer Denkart - nichts zu sein, das Ganze dafür ist alles.
 
Aber erst allmählich dämmert es so manchem Wegbegleiter und publizistischen Beförderer, dass hier hundertfach ein doppelter Missbrauch stattfand: ein Missbrauch der Sexualität junger Menschen und ein Missbrauch der Pädagogik.
 
Es führt deshalb kein Weg daran vorbei zu fragen, ob Reformpädagogik nicht zumindest latent das pädagogisch ausgewogene Verhältnis von Nähe und Distanz zwischen Lehrern und Zöglingen aus dem Gleichgewicht gebracht hat. 
 
Neben den strafrechtlichen, zivilrechtlichen und schulrechtlichen Seiten des Missbrauchs ist also eine kritische Besinnung auf Erziehungsgrundsätze angezeigt, die im abgelaufenen Jahrhundert heiliggesprochen und auch für das 21. Jahrhundert als richtungweisend erklärt wurden.
 
Und auch so manch andere, sonst um nonkonforme Überzeugungen nicht verlegene Zeitgenossen müssen sich fragen lassen, ob sie sich nicht indirekt mitschuldig gemacht haben Die Humanistische Union etwa mit ihren rund 4.000 Mitgliedern hat ihr seit Jahren zweideutiges Verhältnis zur Sexualität zwischen Erwachsenen und Heranwachsenden sowie zur pornographischen Darstellung von Kindern im Internet bis heute nicht geklärt. Dabei gehören dem Beirat der Humanistischen Union eine Bundesjustizministerin, zwei führende Politikerinnen der Partei der Grünen sowie Hartmut von Hentig an. Hier scheint in der Mitgliedschaft zu erheblichen Teilen unvermindert der Glaube zu gelten, die sexuelle Befreiung sei für jedes Lebensalter, also auch für Kinder und Jugendliche, nur und ausschließlich ein Triumph über eine repressive Sexualmoral.
 
Wie, wann und wer auch immer: Die Vision des pädagogischen Eros ist ein Irrweg, vor allem wenn Missbrauch ideologisch verbrämt und ästhetisiert wird. 
 
Namhafte Pädagogen der 60er Jahre des letzten Jahrhunderts haben die mit einem pädagogischen Eros verbundenen Gefahren eigentlich deutlich gemacht. Für Otto Friedrich Bollnow bedeutete pädagogischer Eros Ausschließlichkeit, Mangel an Distanz zur eigenen Subjektivität und Mangel an Sachlichkeit. Ja, mehr noch: Für Bollnow ist Liebe in einer institutionalisierten Erziehung (nicht in der Familie) die falsche Dimension, denn damit erlahmt das Erzieherische, weil es das Objekt der Erziehung vergöttert. Ähnlich argumentiert Eduard Spranger in seiner Schrift „Der Geborene Erzieher“: Für Spranger gefährdet die Idee des pädagogischen Eros den notwendigen pädagogischen Idealismus. 
 
Welche Maßstäbe brauchen wir?
 
Der erste Maßstab muss heißen: Die Würde des jeweils anderen, ganz besonders die Würde des unreifen Mitmenschen, ist zu achten. Mit Schutzbefohlenen ist wertschätzend umzugehen. 
 
Der andere Maßstab heißt: In Erziehung und Bildung muss es Abstände geben – in der Familie weniger, in Bildungsinstitutionen mehr! Erziehung und Bildung können nicht „auf einer Augenhöhe“ stattfinden.
 
Abstand heißt dabei nicht, dass Erziehung und Bildung in einem sterilen, antiseptischen Klima stattzufinden hätten. Einem jungen Menschen nah zu sein, das heißt aber - zumal außerhalb der Familie - nie und nimmer, ihm körperlich nahezukommen, sondern es heißt, aus der überzeugenden Autorität des Erwachsenen heraus Orientierung und Empathie vorzuleben. Letzteres aber setzt eine zugleich souveräne und einfühlende, niemals eine kühle oder gar überhebliche Distanz voraus. 
 
In der älteren und noch lange nicht überholten Pädagogik hieß das einmal „pädagogischer Takt“.
 
Pädagogischer Takt – dieser Begriff ist 1802 von Johann Friedrich Herbart in die Pädagogik eingeführt worden. Er, Herbart, hat den Pädagogischen Takt sogar als das größte Kleinod der Erziehungskunst bezeichnet.
 
Zuvor schon hatte Voltaire den Takt nicht mehr nur als Begriff der Musik verwendet, sondern auch als Begriff für das Feingefühl im zwischenmenschlichen Umgang und für den Respekt vor der letzten Unnahbarkeit des anderen.
 
Auf Pädagogischen Takt gewendet, heißt das: Distanz wahren in Achtung der Integrität des Kindes.
 
Takt – um ein Wortspiel zu praktizieren – heißt manchmal eben auch, es nicht zum unmittelbaren Kon-TAKT, zur Berührung, kommen zu lassen, sondern Zurückhaltung zu üben. Das Gegenteil von Takt nämlich ist Taktlosigkeit.

Oder noch kürzer ausgedrückt: Pathos und Ethos in der Erziehung – JA! Eros – NEIN!
 
In diesem Sinne muss die Ent-Täuschung, das heißt die Zerstörung der Täuschungen, einer gar nicht so kindgemäßen Pädagogik weitergehen – in Elternhaus und Schule!
 

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