DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - PRESSEERKLÄRUNG  


Bonn, 21. November 2006         

Lehrerverbandspräsident Josef Kraus zu „Emsdetten“:

„Seit Erfurt wurde vieles verschlafen“

  •  „Eine Unkultur des Wegschauens und ein Nihilismus der Gleichgültigkeit greifen um sich“
  •  „Gewaltspiele wie Waffen behandeln!“
  • „Schule kann kein Hochsicherheitstrakt sein“


Zu den Ereignissen an der Realschule in Emsdetten nimmt der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL), Josef Kraus, wie folgt Stellung:

„Mit Emsdetten sind wir um viereinhalb Jahre und vor das Erfurt-Massaker zurückgeworfen worden. Seitdem hat sich gesellschaftspolitisch nämlich fast nichts getan. Erreicht wurden allenfalls Evakuierungspläne an Schulen sowie eine lasche Kennzeichnungspflicht für mediale Gewaltprodukte. Ansonsten Fehlanzeige: Mediale Gewalt ist nach wie vor nicht geächtet, und im zwischenmenschlichen Bereich greift die Unkultur des Weghörens und Wegschauens weiter um sich.

Jetzt werden für eine vermutlich gerade eben dreitägige Debatte erneut Patentrezepte zur Schau gestellt, etwa die Videoüberwachung von Schulen oder deren Ausstattung mit Metalldetektoren. Das aber kann es nicht sein, denn Bildung und Erziehung können nicht gedeihen in einer Atmosphäre eines Hochsicherheitstraktes.

Viel wichtiger - und zugleich schwieriger – ist es, die wechselseitige soziale Wahrnehmung der Menschen zu fördern. Die Mehrzahl an Gewaltverbrechen an Kindern und an Gewalttaten Heranwachsender kündigt sich an, sie könnten verhindert werden, wenn das Umfeld mehr Interesse am Mitmenschen zeigte. Wichtig wäre es auch, brutale Killerspiele rechtlich wie Waffen zu behandeln. Überfällig ist außerdem zuerst in der Erwachsenenwelt eine Besinnung auf die tragenden Werte des Lebens in einem freien und demokratischen Rechtsstaat. Hier leben zu viele Ältere einen faktischen Nihilismus der Gleichgültigkeit und einen seichten Konsumismus vor. Der Abschieds- und Ankündigungsbrief des Emsdettener Gewalttäters weist durchaus in diese Richtung. Eine sehr konkrete Frage richtet sich an die Sicherheits- und Justizbehörden vor Ort. Es ist jedenfalls zu klären, warum die Wohnung des Gewalttäters trotz des anstehenden Gerichtsverfahrens nicht regelmäßig nach Waffen durchsucht wurde.“


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Für den Inhalt verantwortlich: Waltraud Fuchs (DL)

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