DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - PRESSEERKLÄRUNG  


Bonn, 24. April 2007         

5 Jahre nach "Erfurt":
Lehrer ziehen gemischte Bilanz
  •  Kritik an der "fortschreitenden Heroisierung und Ästhetisierung von Gewalt"
  •  "Für eine Kultur des Hinhörens und für ein soziales Frühwarnsystem"
  •  Anti-Gewalt-Gipfel wie 1993 gefordert

Fünf Jahre nach dem Massenmord, dem am 26. April 2002 am Gutenberg-Gymnasium in Erfurt 16 Menschen zum Opfer fielen, hat der Deutsche Lehrerverband (DL) eine gemischte Bilanz gezogen.

Verbandspräsident Josef Kraus sagte dazu: "Auf der einen Seite hat sich manches getan. Die meisten der 42.000 Schulen in Deutschland haben in Abstimmung mit der Polizei Sicherheitskonzepte entwickelt und Evakuierungspläne für den Fall eines Terroranschlages oder eines Amoklaufes erarbeitet. Erfreulich ist auch die seit 2003 wirksame Verschärfung des Waffenrechts; danach sind etwa Butterflymesser, Wurfsterne und Faustmesser verboten.

Auf der anderen Seite schreitet die mediale Heroisierung und Ästhetisierung von Gewalt voran. Unsere Heranwachsenden sind in Videos, in Computerspielen und auch im Fernsehen einem Bombardement an Gewalt ausgesetzt; dessen Wirkungen werden nach wie vor unterschätzt. Somit schwappt geballte Gewalt unvermindert in die Schulen hinein. Das hat im wahrsten Sinn des Wortes tausend Gründe, denn von tausend Tätern hat jeder seine ganz individuelle Vita. Allerdings gibt es Merkmale, die den meisten Gewalttätern gemeinsam sind: selbsterlebte Gewalt in der Familie; eine Erziehung, die keinerlei Grenzen zog oder nur verwöhnte; ein Mangel an sprachlicher Verteidigungs- und Durchsetzungsfähigkeit; ein Mangel an Empathie/Einfühlungsvermögen; zerbrochene Familien; Erfahrungen des Scheiterns in Schule und Berufsbildung; ein schlechter Umgang in der Gleichaltrigen-Gruppe; die oft genug mangelnde Integration bzw. Integrationsbereitschaft von Migrantenkindern; letzteres oft einhergehend mit archaischen Männlichkeitsvorstellungen.

Wegsehen führt nicht weiter. Der Gewaltbereitschaft junger Menschen kann nur dann wirksam begegnet werden, wenn Politik, Medien, Jugendarbeit und Elternhäuser an einem Strang ziehen und die Schulen bei diesem Problem nicht allein gelassen werden. Natürlich ist keine absolute Sicherheit möglich. Aber die wirksamste Maßnahme gegen Gewalt wäre es, wenn in der Gesellschaft eine Kultur des Hinhörens und ein soziales Frühwarnsystem entstünden. Die Schulen selbst, die Sicherheitsdienste und die Rechtsprechung müssen zudem konsequenter eingreifen können. Gewalttätiges Handeln gehört klar und eindeutig sanktioniert – im Interesse der potentiellen Opfer und im Interesse der Täter. Denn ein Gewalthandeln, dem das Gemeinwesen nicht entgegentritt, bleibt ein erfolgreiches Handeln, das sich alsbald wiederholt."

Kraus erinnert daran, dass man die Gewaltbereitschaft Heranwachsender bereits 1993 auf höchster politischer Ebene problematisiert hatte. Damals hatten ein Bundeskanzler Kohl und eine Bundesjugendministerin Merkel zu einem Anti-Gewalt-Gipfel ins Kanzleramt geladen. Allerdings seien alle damaligen Überlegungen im Sande verlaufen und seitdem schließlich zwanzig Menschen in Deutschlands Schulen gewaltsam ums Leben gekommen. Kraus dazu wörtlich: "Es wird höchste Zeit, dass man die Runde von damals fortsetzt und konkrete Initiativen folgen lässt.
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Für den Inhalt verantwortlich: Waltraud Fuchs (DL)


Hinweis: Zum ersten Jahrestag von "Erfurt" hat der DL am 26.4.2003 eine nach wie vor geltende Denkschrift veröffentlicht; sie trägt den Titel "Gewalt unter Heranwachsenden - Der präventive Beitrag von Erziehung und Bildung".


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