DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL
 

Aktion Mensch - Gesellschafter-Tagebuch vom 18. Januar 2010
http://diegesellschafter.de/tagebuch/eintrag.php?eid=1431

Mut zur elterlichen Erziehung statt Schule total!

Von Josef   K r a u s
 Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL)


Zwei Merkmale kennzeichnen die aktuelle Debatte um Bildung: ein überhitzter Alarmismus und ein schulpolitischer Machbarkeitswahn. Alarmismus, wohin man schaut: Die heutige Jugend ist die schlechteste; die motorisch unbeweglichste; die dickste, die nach Drogen, Alkohol, Computer und Gewalt süchtigste; die kaufrauschigste; die am meisten verschuldete; die umweltschädlichste; kurz: die öde, dröge, schnödeste Jugend seit Menschengedenken. Dagegen helfen offenbar nur Patentrezepte. Entsprechend inflationär greifen sie denn um sich - die Vorschläge, mit denen alles machbar sein soll, wenn nur der Staat (sprich: die Schule) massiv genug eingreift. Jedenfalls vergeht kaum ein Tag, an dem nicht immer neue Schülerfächer reklamiert werden: Freizeit-, Konsum-, Verbraucher-, Gesundheits-, Umwelt-, Medien-Kunde. Gefordert werden ferner Schuldner- und Rentenberatung, ja ein Fach Benimm-Unterricht und ein Fach Familien-Kunde. Eine frühere Bundesministerin meinte gar, mit letzterem Fach ließe sich die Scheidungsrate verringern. Aber ganz praktisch gedacht: Wenn Schule all dies - gar im Rahmen eigener Fächer - leisten soll, dann bleibt eigentlich keine Zeit mehr für so belanglose Fächer wie Deutsch, Mathematik, Englisch, Physik usw.

Ernsthaft wieder: Schule droht bei Verwirklichung all dieser Rundum-Erziehungsansprüche zur größenwahnsinnig übersteigerten Schule, zur Schule total zu werden. Damit geraten wir aber mehr und mehr in eine paradoxe Situation: Während das Bildungsgeschäft immer mehr privatisiert wird (siehe private Schule und Hochschulen, Nachhilfemarkt, Studiengebühren), wird das Erziehungsgeschäft immer mehr verstaatlicht. Zudem greifen die immer neuen schulischen Bindestrich- und Segment-Pädagogiken zu kurz. Schule ist als gesamtgesellschaftliche Besserungsanstalt und Problementsorgungsdeponie maßlos überfordert. All die genannten schlauen Forderungen sind auch nicht Ausdruck eines wachen schulpolitischen oder pädagogischen Bewusstseins, sondern Symptom einer fortschreitenden Entmündigung und Bevormundung unserer Familien.

Leider merken viele Mütter und Väter dies gar nicht; stattdessen haben sie es zu Hause gerne bequem mit ihren Kindern: Die Erziehungsarbeit sollen doch bitte die staatlich geprüften Besserwisser in der Schule machen. Dann muss bei mir zu Hause, wenn ich sonst ein Nein sagen müsste, kein Haussegen schiefhängen.

Gerade aber für die Erziehung der Kinder gilt Erich Kästners Empfehlung: Es gibt nichts Gutes, außer man tut es! Es ist dies übrigens die einzige Pflicht, die das Grundgesetz Eltern auferlegt: »Pflege und Erziehung der Kinder sind das natürliche Recht der Eltern und die zuvörderst ihnen obliegende Pflicht.« So heißt es in Artikel 6 des Grundgesetzes. Ein gutes elterliches Vorbild abzugeben gehört zu diesen Pflichten. Dann kann man sich alle Verrenkungen sparen, wie sie jetzt etwa die Engländer bereits für Fünfjährige (!) mit einem Pflichtfach »Sparen, Schulden, Kredite, Banknoten« vollführen möchten. Solche Erziehung muss zu Hause beginnen. Hier finden die entscheidenden Prägungen statt. Alles andere ist Feigenblattpädagogik und Schaufensterpolitik.



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