DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - PRESSEERKLÄRUNG  

Bonn, 21. Oktober 2003


Elektronische Fußfesseln für Schulschwänzer?

Brandenburgs Innenminister Schönbohm hat angeregt, notorische Schulschwänzer mit elektronischen Fußfesseln auszustatten, um sie auf diese Weise rasch aufspüren zu können. Er verspricht sich davon eine vorbeugende und eine abschreckende Wirkung.

Dazu erklärt der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL), Josef Kraus:

"Als Pädagoge ist man von einem solchen Vorschlag zunächst unangenehm berührt, denn Erziehung und Bildung können eigentlich nicht gedeihen in einem Umfeld von Misstrauen und Überwachung. Zugleich aber darf man vermuten, dass täglich rund 100.000 Schüler die Schule schwänzen. Darunter sind viele, die es einmal und nicht wieder tun; darunter sind manche, die Angst vor einer schulischen Prüfung haben; darunter sind aber auch junge Leute, die die Schule schwänzen, weil sie alleine oder mit einer Clique „auf Tour“, zum Beispiel auf Diebstahlstour gehen wollen. Was die Schulängstlichen betrifft, so hilft nur ein sensibles Einwirken von Eltern, Mitschülern, Lehrern und Schulpsychologen auf die Betreffenden. Was die schwänzenden sowie Kaufhäuser und Spielhallen frequentierenden jungen Leute betrifft, so ist die Problemlage eine andere. Hier muss es darum gehen, andere und auch die potentiellen Täter selbst vor kriminellen Handlungen zu schützen. Es ist schließlich bekannt, dass so manche einschlägige „Karriere“ mit Schuleschwänzen, Schulversagen und Kaufhausdiebstahl begann. Hier gilt es zu handeln, aber hier sind die Schulen samt Jugendämtern alleine überfordert. Erfolgreich freilich – und das auch ohne Fußfesseln – verläuft ein Modellprojekt im Großraum Nürnberg/Fürth: Dort kontrollieren Polizisten gerade auch vormittags Kaufhäuser auf herumstreunende Schüler. Der Erfolg gibt dem Projekt Recht: Die Zahl der notorischen Schwänzer ist deutlich zurückgegangen. Elektronische Fußfesseln können nur das letzte Mittel sein – nämlich dann, wenn ein junger Mensch bereits eine entsprechende Vorgeschichte „hingelegt“ hat. Und auch dann müssen Vorteile und Nachteile solcher Fesseln im – hoffentlich seltenen - Einzelfall erst äußerst sorgsam zwischen Pädagogen und Psychologen einerseits sowie Justiz und Polizei andererseits abgewogen werden."

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Für den Inhalt verantwortlich: Waltraud Fuchs (DL)

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