DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL

dradio.de vom 19. Januar 2011

"Gelassenheit ist wirklich ein wichtiges Prinzip"

Präsident des Lehrerverbands: Erwartungen an Schule teilweise überhöht



Josef Kraus im Gespräch mit Ulrike Timm

Nach Auskunft von Lehrerverbandschef Josef Kraus haben Lehrer zunehmend mit zwei Gruppen von Eltern zu tun: die, "denen alles egal ist", und diejenigen, "die überehrgeizig sind und maßlos überziehen". Letzteren rät er zu mehr Gelassenheit.

Ulrike Timm: Normalerweise machen Elternbeschwerden über eine Grundschullehrerin keine bundesweiten Schlagzeilen, aber in Berlin entzündet sich ein Konflikt an der Lehrerin Ursula Sarazzin, der Ehefrau eines so populären wie umstrittenen Autors, nämlich Thilo Sarazzin. Er hat "Deutschland schafft sich ab" geschrieben. Die Lehrerin soll überstreng sein und Schüler in verletzender Weise behandeln. Ein schulinterner Konflikt sorgt also für regelrechte Lagerkämpfe, und der betreffenden Schule in Berlin tut weder die ungeklärte Situation, noch die hochgekochte Stimmung drum herum gut.

Wir können das hier nicht klären, wir wollen es aber zum Anlass nehmen, darüber zu sprechen, warum wohl die Konflikte zwischen Eltern und Lehrern und Schülern in den vergangenen Jahren generell zugenommen haben. Eltern sind sauer, wenn Lehrer ihre Kinder nicht so benoten, wie sie sie selbst benotet sehen wollen; Lehrer schimpfen nicht nur über Schüler, sondern zunehmend auch über Eltern; und dass sich Anwälte mit Schulnoten und Gerichte mit dem Zugang zu bestimmten Schulen beschäftigen, das hat es vor ein paar Jahren so noch nicht gegeben.

Josef Kraus ist Präsident des Deutschen Lehrerverbandes und seit über 20 Jahren ist er das, und vor allem aber ist er Leiter eines Gymnasiums in Bayern. Schönen guten Morgen, Herr Kraus!

Josef Kraus: Guten Morgen, Frau Timm!

Timm: Fangen wir mal außerhalb des Klassenzimmers an: Haben sich die Eltern generell verändert?

Kraus: Ja, es haben sich die Familienstrukturen verändert und es haben sich natürlich die Erwartungen von Elternschaft und Gesellschaft an Schule verändert. Was die Familienstrukturen betrifft: Wir haben nicht mehr überall die klassische Familie, die Zwei-, Drei-Kind-Familie, wo Papa und Mama da sind, sondern wir haben einen erheblichen Anteil von zerbrochenen Familien, Alleinerziehenden, das sind schon mal andere Umstände für Schule und neue Herausforderungen für Schule geworden. Und es haben sich natürlich dann auch aufgrund der niedrigeren Kinderzahl, also 1,3 - 1,4 pro Paar beziehungsweise pro Frau haben sich natürlich auch die Erwartungen geändert.

Jetzt mal psychologisch ausgedrückt: Es projizieren sich die Ehrgeizwünsche der Eltern in dieses eine Kind noch stärker hinein, und wenn diese hineinprojizierten Wünsche von der Schule nicht erfüllt werden, dann ist man schnell dabei, auch ungemütlich zu werden.

Timm: Na gut, aber eigentlich könnten sich ja Lehrer und Schulen darüber freuen, wenn es Eltern nicht egal ist, was hinter den Schultüren passiert.

Kraus: Die Elternschaft gibt es nicht. Zunächst mal will ich für das Gros der Elternschaft auch eine Lanze brechen: Der größte Teil der Elternschaft ist vernünftig, ist kooperativ, ist bodenständig, sagt den Lehrern auch, okay, wir wissen, dass mein Sohn, meine Tochter hier ein bisschen faul war oder nachlässig war, die Note 4 oder 5 oder 6, wenn sie dann vorkommt, die ist auch gerechtfertigt, und lesen Sie meinem Kind auch ruhig mal die Leviten und so weiter. Also, das ist das Gros der Elternschaft nach wie vor.

Uns in den Schulen machen zwei Elterngruppen zunehmend Probleme, und diese beiden Elterngruppen werden immer größer. Das ist einmal die Gruppe der Eltern, denen alles egal ist, die sich um nichts kümmern, und das ist die Gruppe der Eltern, die also überehrgeizig sind und maßlos überziehen, und immer gleich mit einem Brief eines Rechtsanwalts gerne drohen.

Timm: Nun hat es zu meiner Schulzeit immer noch letztlich geheißen: Der Lehrer hat immer recht. Das wurde sehr selbstverständlich vorausgesetzt und hat oft nicht gestimmt. Heute wird es eben nicht mehr selbstverständlich vorausgesetzt. Das muss ja per se nicht schlecht sein. Die Frage ist ja: Wenn sich ein Lehrer tatsächlich als ein schlechter Lehrer entpuppt, sei es menschlich, sei es fachlich - soll ja vorkommen -, das ist ja tatsächlich dann eine äußerst hohe Hürde, ihn oder sie loszuwerden. Der Beamtenstatus sichert da doch bestens ab.

Kraus: Also, das ist jetzt eine ganze Menge, was Sie jetzt da in diese Frage oder in diese These reingepackt haben. Also, eines ist klar: Schule in Deutschland ist Schule in einer offenen Gesellschaft und Schule in einem Rechtsstaat. Und da kann es nicht sein, dass eine Seite immer recht hat, und die andere Seite nie recht hat. Wir haben in Deutschland zwölf Millionen Schüler, wir haben in etwa genauso viele Mamas und Papas, und wir haben 800.000 Lehrer. Diese 800.000 Lehrer sind natürlich nicht alle Helden und Heilige, das gibt es in keinem Beruf.

Und weil es natürlich da auch menschelt in der Beziehung zwischen Eltern, Schülern und Lehrern, muss es Möglichkeiten geben, auch hier Konflikte anzusprechen, auf den Tisch zu bringen und einvernehmlich zu klären und zu regeln. Das hat mit dem Status der Lehrer überhaupt nichts mehr zunächst zu tun, weil im Übrigen auch der angestellte Lehrer ist nach einer gewissen Zeit unkündbar und genießt letztendlich die gleiche Autorität wie ein beamteter Lehrer.

Bevor ein Lehrer entlassen werden müsste oder versetzt werden müsste, muss ja eine ganze Menge passiert sein. So weit darf es, würde ich mal sagen, nicht kommen, das heißt für mich, jetzt mal plakativ gesagt: Wenn es denn berechtigte Klagen gibt, dann müssen die vorgebracht werden, und dann ist alles andere erstens Kommunikation, zweitens Kommunikation, drittens Kommunikation.

Und ich sage noch mal: Schule ist Schule in einem Rechtsstaat, und ich habe es ja selber jahre- und jahrzehntelang erlebt, erst als Schulpsychologe und dann als Leiter eines Gymnasiums: Es gibt da und dort berechtigte Klagen, und dann wird das überprüft auf dem innerdienstlichen Weg, innerhalb einer Schule, durch die Schulaufsicht, und dann kommt es eben halt auch vor, dass die Note revidiert wird oder eine Klausur aufgehoben wird.

Timm: Das klingt so kommunikativ und ich glaube Ihnen auch die Mühe, aber wenn drei Mal Kommunikation nichts nützt, ist es, glaube ich, objektiv sehr, sehr schwer, einen Lehrer loszuwerden, oder?

Kraus: Wenn es konkrete Verfehlungen gibt, dann gibt es natürlich das ganze Instrumentarium der Disziplinarmaßnahmen von der Abmahnung, vom Eintrag in Personalakte bis hin zu Geldstrafen, Beförderungssperren, Rückstufungen, oder im Extremfall natürlich auch eine Versetzung oder eine Entlassung.

Aber das sind Anteile oder das bewegt sich im Promillebereich, das ist nicht der Schulalltag. Wir sollten über den Schulalltag reden: Welche Möglichkeiten gibt es, und wann ist es gerechtfertigt, eine pädagogische Maßnahme eines Lehrers, einer Schule, eine Note eines Lehrers in einer Klausur beispielsweise infrage zu stellen?

Timm: Meint Josef Kraus, der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, hier im Deutschlandradio Kultur. Herr Kraus, es gibt ja Schnittstellen im Schulleben, und die scheinen schärfer geworden zu sein. Es gibt regelrechte Kämpfe und die Gymnasialempfehlungen, die es vor ein paar Jahren wohl so noch nicht gab, dann um die Abschlussnote. Wie wirkt sich denn das auf das Klima in den Schulen aus?

Kraus: Das sind im Wesentlichen zwei negative Folgen, die das hat. Einmal wird unser Bildungs- und Erziehungsauftrag in Schule damit reduziert auf das rein Messbare, auf die reine Note, und damit geht viel verloren, was soziales Leben in der Schule betrifft, was Persönlichkeitsentwicklung von Schule betrifft, wenn Eltern beispielsweise - das unterstelle ich einfach mal einem Anteil von Eltern - wirklich nur auf die Note gucken, auf die Hundertstel-Note gucken.

Und die zweite Begleiterscheinung - und die lastet auf uns in den Schulen schon - ist einfach diese Erwartungshaltung, dass man - in manchen Wohngegenden mehr, in manchen Wohngegenden weniger - als Lehrer, als Schulleiter jede Entscheidung, die man trifft, erst mal juristisch abklappert unter Vernachlässigung von pädagogischen Ermessensspielräumen, ob denn diese Entscheidung auch gerichtssicher ist. Das ist ein Klima, wenn so ein Klima entsteht, das ist nicht gedeihlich für Bildung und Erziehung.

Und dann haben wir natürlich auch die Situation - und die belastet uns in den Schulen auch -, dass viele Familien immer mehr Verantwortung an die Schule delegieren, was letztendlich unseren Bildungsauftrag wieder einschränkt. Also ich nenne mal ein paar so Beispiele von Bindestrich-Erziehung: Gesellschaft und Familie erwarten, dass wir Medienerziehung machen, Anti-Gewalt-Prophylaxe machen, Konsumerziehung machen, gesunde Ernährung in den Schulen beibringen, weil es die Eltern zum Teil nicht mehr selber machen, und wir aber dann Vorwürfe bekommen von der Gesellschaft, wenn die Kinder zu dickleibig, zu unbeweglich, zu gewalttätig werden.

Timm: Letztlich höre ich bei Ihnen heraus den Wunsch nach mehr Gelassenheit nach beiden Seiten hin. Nun entscheidet sich an einer 4 in Mathe mit zehn Jahren wirklich kein Leben, an der Tatsache, beim Schulabschluss nicht vernünftig lesen, schreiben und rechnen gelernt zu haben, kann sich schon viel eher ein Leben entscheiden. Wie viel Gelassenheit ist nötig, und wie viel Gelassenheit kann man sich leisten?

Kraus: Gelassenheit ist wirklich ein wichtiges Prinzip, auch in der Hinsicht, dass natürlich in Deutschland in unserem Schulsystem eine Karriere, eine Biografie nicht im zehnten, elften Lebensjahr entschieden wird. Das ist ein Klischee, was immer wieder behauptet wird. Wir haben eine unglaubliche Durchlässigkeit im deutschen Schulwesen, im deutschen Bildungswesen. Ich nenne mal eine Zahl, die Sie vielleicht überraschen wird oder die Hörer überraschen wird: Wir haben in Deutschland 50, 60 Wege zu einer Studierberechtigung, und da ist das Gymnasium nur ein Weg. Wir haben in vielen Bundesländern 50 Prozent, 45 Prozent der Studierberechtigten, die nie ein Gymnasium besucht haben.

Timm: Na gut, aber diese Wege sind dann zum Teil so verschlungen, dass man sie doch vielleicht als Gros, als Beispiel nicht so geben kann. Der 55., der 60. - der direkte ist dann immer noch ...

Kraus: Moment, wenn die Hälfte der Studierberechtigten in einem Bundesland die Studierberechtigung außerhalb des Gymnasiums erwirbt - in Berlin sind es 50 Prozent, auch in meinem Bundesland sind es 45 Prozent -, dann sind das doch keine verschlungenen Wege. Das sind im Übrigen junge Leute, die zum Teil reifer sind, die vielleicht ein Jahr später ins Studium kommen, aber zum Großteil erfolgreich studieren, weil sie eben dann einen etwas anderen Weg gegangen sind, auch mal den Dunstkreis nur von Schule verlassen haben, vielleicht eine Berufsausbildung dazwischen gemacht haben.

Das sollte man als Vater, als Mutter von Zehnjährigen mit überlegen, dass es diese vertikale Durchlässigkeit sehr ausgereift gibt.

Timm: Josef Kraus, der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, zu den zunehmenden Konflikten zwischen Eltern und Lehrern. Herr Kraus, ich danke Ihnen fürs Gespräch!

Kraus: Ich danke auch, Frau Timm!


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