DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL

Aus dem MÜNCHNER MERKUR vom 19. Januar 2000

Vier Jahre Grundschule sind einfach genug

Von Josef   K r a u s
 Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL)

Ein Verirrter kommt nicht dadurch auf den richtigen Weg, dass er sich gebetsmühlenhaft einredet, der falsche Weg sei eben doch der richtige. Der Verirrte kommt auch nicht dadurch ans Ziel, dass er andere vom richtigen Weg abzubringen und sie zu sich auf den falschen zu ziehen sucht. So ähnlich jedenfalls mutet es an, wenn man sich das wiederkehrende lautstarke Eintreten so genannter progressiver Kräfte für eine Verlängerung der Grundschulzeit auf sechs Jahre bzw. für die Etablierung einer Orientierungsstufe oder einer - wie jetzt von einem „Volksbegehren“ in Bayern gefordert - Aufbaustufe in der 5. und 6. Klasse anhört.

Dabei gibt es überhaupt keinen stichhaltigen Grund, die Entscheidung von Eltern über die weiterführende Schullaufbahn ihres Kindes um zwei Jahre nach hinten zu verlagern. Dass das Ausland teilweise längere Primarschulzeiten führt, dass Berlin und Brandenburg eine sechsjährige Grundschule haben oder dass Niedersachsen eine Orientierungsstufe, also eine de facto verlängerte Grundschule, hat, kann als Argument nicht zählen. Die Praxis andernorts sagt über richtig oder falsch nichts aus.

Aber pädagogisches Nachdenken, empirische Wissenschaft und schulpraktische Erfahrung mit vierjähriger Grundschule helfen weiter. Vielleicht sollten es damit auch die Betreiber des laufenden Volksbegehrens mit ihrer Forderung nach einer „Aufbaustufe“ in der 5. und 6. Klasse versuchen. Im Lichte der daraus entspringenden Erkenntnisse stellt sich die Frage nach dem Zeitpunkt der Ausdifferenzierung der Schullaufbahnen nach der Grundschule nämlich wie folgt dar: Eine um zwei Jahre in die 5. und 6. Klasse hinein verlängerte Grundschule bzw. eine gemeinsame Beschulung der Kinder in einer Orientierungs- bzw. Aufbaustufe provozieren bei einem erheblichen Teil der Schüler Überforderung, bei einem anderen erheblichen Teil Unterforderung. Vier Jahre Grundschule und eine damit verbundene gemeinsame Unterrichtung einer am Ende mit zehn Lebensjahren fortschreitend heterogenen Schülergruppe sind genug. Ein auf das mittlere Lernvermögen ausgerichtetes Lerntempo vernachlässigt nämlich die Langsameren ebenso wie die Schnelleren. Die damit verbundenen Frustrationen können die Lernbereitschaft und Lernfähigkeit auf Jahre hinaus belasten.

Eine Legende ist die Behauptung, die Eignung eines Kindes für die nachfolgende Schullaufbahn sei nach der 6. Klasse zuverlässiger diagnostizierbar als nach der 4. Klasse. Mitnichten! Bei gut achtzig Prozent der Zehnjährigen ist recht eindeutig prognostizierbar, welche Schulform für sie nachfolgend die am besten geeignete ist. Dass dies bei knapp zwanzig Prozent noch nicht der Fall ist, kann freilich kein Grund sein, die achtzig Prozent warten zu lassen. Im Übrigen bietet das vertikal und horizontal durchlässige gegliederte Schulwesen hinreichend Möglichkeiten, selbst als „Spätstarter“ zu den formal höchsten Abschlüssen zu kommen.

Renommierte Institute, wie die Max-Planck-Institute für Bildungsforschung und für psychologische Forschung sowie das Institut für Pädagogische Psychologie und Empirische Pädagogik der Universität München, liefern weitere gewichtige Gründe für eine nur vierjährige Grundschule: Erstens wird die Treffsicherheit einer Laufbahnempfehlung nach der sechsten Klasse ungenauer; schließlich befinden sich Sechstklässer, also Dreizehnjährige, bereits in der Verwerfungen der Vorpubertät. Zweitens hat sich in Sachen Intelligenzentwicklung im zehnten Lebensjahr bereits ein so großer Schereneffekt gebildet, dass eine fortgesetzte einheitliche Unterrichtung den Einzelschülern nicht gerecht würde. Kurz: Es gibt keinerlei wissenschaftliche Belege, die für eine pädagogische Überlegenheit einer verlängerten Grundschule oder einer Orientierungs- bzw. Aufbaustufe sprächen.

Zudem beweisen Untersuchungen in den Fächern Mathematik, Englisch und Deutsch erhebliche Leistungsrückstände bei Kindern, die in Berlin bzw. Bremen eine sechsjährige Grundschule bzw. eine Orientierungsstufe besucht haben. Deren Rückstand – es geht um einen Rückstand von einem Lernjahr und mehr - hat sich im Vergleich zu Kindern, die in die weiterführende Schule nach der 4. Grundschulklasse starten, selbst bis Ende der 7. Klasse nicht ausgeglichen. Das heißt, die schulischen Leistungen von Schülern einer sechsjährigen Grundschule bzw. einer integrierten, also einheitlichen Orientierungsstufe sind und bleiben durchwegs schwächer als die Leistungen von Schülern, die nach der 4. Klasse in differenzierte Schulformen und damit in leistungshomogenere Lerngruppen einmündeten. Und schließlich: Eine einheitliche Beschulung zeitigt auch bezüglich sozialen Lernens ungünstigere Effekte; Untersuchungen dokumentieren Schülern bei differenzierter Unterrichtung ausgeprägtere soziale Haltungen als bei einheitlicher Unterrichtung.

Man sollte also schlicht und einfach das professionelle Urteil der Lehrer der vierten Grundschulklasse zur Kenntnis nehmen: Schüler, die dort die Note zwei in den Fächern Deutsch und Rechnen erzielten, machen mit rund neunzigprozentiger Wahrscheinlichkeit das Abitur, Schüler mit einer Drei in Deutsch und Rechnen mit nur zehnprozentiger Wahrscheinlichkeit. Das hat mit angeblich unerträglichem Auslesedruck einer vierjährigen Grundschule überhaupt nichts zu tun, sondern schlicht und einfach mit – gelegentlich unbequemen - Fakten, denen die meisten Lehrer standhalten und die die meisten Eltern bereitwillig zur Kenntnis nehmen. Im übrigen sollten diejenigen, die diesen vermeintlichen Druck stets beklagen, einmal nachdenken, ob sie diesen Druck aus Gründen des Volksbegehrens nicht selbst herbeigeredet haben. „Haltet den Dieb!“, fällt einem dazu ein.

Wenn jetzt wieder – auch in Bayern – eine spätere Entscheidung über den weiterführenden Bildungsweg der Kinder gefordert wird, dann ist das ideologiegeleitete Realitätsverweigerung, zumindest aber reichlich naives Wunschdenken.


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