DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL

Aus "Die Tagespost" vom 30. Januar 2010

Zum Schulunterricht gibt es keine Alternative

Homeschooling verbaut Bildungschancen und fördert Sektierertum

Von Josef   K r a u s
 Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL)


Gelinde gesagt handelt es sich hier um einen äußerst ungewöhnlichen Vorgang, der durchaus von außenpolitischer Brisanz ist. Was ist geschehen? Ein US-Gericht gewährt einer deutschen Familie namens Romeike politisches Asyl, weil diese Familie in Deutschland den Besuch der Schule durch ihre fünf Kinder verweigert hat, damit in Kollision mit deutschem Recht geraten ist, schließlich nach jahrelangem Streit mit deutschen Behörden 2008 in die USA, konkret nach Tennessee, übergesiedelt ist und im April 2009 einen Asylantrag gestellt hat. Politisches (!) Asyl in den USA für diese Familie? Heißt das, dass die Bundesrepublik Deutschland für ein US-amerikanisches Gericht nicht einmal auf der Stufe einer Bananenrepublik, sondern auf der Stufe eines Unrechtsstaates steht – eines Unrechtsstaates, in dem Bürger- und Menschenrechte mit den Füßen getreten werden und in dem Menschen zu Tausenden um Leib, Leben und Freiheit fürchten müssen, falls sie nicht bereit sind, sich irgendwelchen willkürlich gesetzten Vorschriften zu beugen? 

Tatsache ist: Es handelt sich bei den Schulpflichtreglungen der 16 deutschen Ländern um Gesetze, die demokratisch und rechtsstaatlich zustande gekommen sind. Der Staat wacht über die Erfüllung dieser Schulpflicht. Wer einen mittleren Schulabschluss erreicht, der hat die Schulpflicht mit zehn Schuljahren erfüllt, wer (noch) keinen mittleren Schulabschluss vorweisen kann, der unterliegt einer inkl. Berufsschulpflicht zwölfjährigen Schulpflicht. Die Bürger- und Menschenrechte werden durch eine solche Pflicht keineswegs verletzt. Im Gegenteil: Erst durch umfassende und solide Bildung wird man zum mündigen Bürger. Die Einführung der anfangs nur vier oder sechs Schuljahre umfassenden Schulpflicht in Deutschland vor - je nach Teilstaat - 200 bis 300 Jahren ist und bleibt eine große sozialpolitische Errungenschaft. Damit wird allen sozialen Schichten eine halbwegs solide und breite Bildung ermöglicht, und zwar unabhängig vom Bildungsstand und vom Geldbeutel der Eltern. Gäbe es diese Schulpflicht nicht, so käme wohl kaum mehr als ein Zehntel der Kinder - Kinder nämlich bildungsbeflissener und wohlhabender Eltern - in den Genuss von Bildung. Dem Gros der Kinder bliebe solches vorenthalten. Vergessen sei auch nicht: Die Einführung der Schulpflicht war eine Maßnahme zum Schutz der Kinder vor Ausbeutung durch Kinderarbeit. Deshalb übrigens fand die Schulpflicht ja in breiten Kreisen der Bevölkerung lange keinerlei Gefallen.

Dass in den USA manches anders ist, weiß man. Selbst die Vorstellungen von Rechtsstaat scheinen dort, in der ältesten Demokratie der Welt, etwas anderes zu sein. Siehe Guantanamo! Oder siehe die Anerkennung der Scientology-Sekte dort als Kirche und die Attacke mancher US-Politiker gegen die - wahrlich gebotene - Beobachtung der Scientology durch den Verfassungsschutz in Deutschland. Es gab ja schon führende US-Politiker (und US-Schauspieler), die die Beobachtung der Scientology „Church“ durch den bundesdeutschen Verfassungsschutz in Verbindung mit der Verfolgung der Juden im dritten Reich brachten und die damit ein millionenfaches Leid für eigene billige Zwecke instrumentalisierten.

Was das Homeschooling betrifft, so sind die USA auch in dieser Hinsicht ein Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Gewiss steckt das öffentliche Schulwesen dort in einem oft desaströsen Zustand. Deutsche Schüler, die in den USA ein Schuljahr verbringen, wissen dazu Interessantes zu berichten. Die US-Elite-Schulen und die US-Elite-Universitäten drängen diese Erfahrungen und Diagnosen oft genug in den Hintergrund. Das Homeschooling hat jedenfalls in den USA allein schon deswegen Zulauf bekommen. Angeblich haben sich die Eltern von bereits annähernd zwei Millionen Kindern solchermaßen, das heißt durch „opting out“, aus dem öffentlichen Schulwesen ausgeklinkt. 

Jenseits dieser Abstimmung mit den Füßen ist das Homeschooling aber auch zum Spielfeld fundamentalistischer und sektiererischer Eltern geworden. Eine der führenden Gruppen sind die Kreationisten, die nicht wollen, dass ihre Kinder in der Schule mit der Lehre der Evolution konfrontiert werden. Auch die Asylfamilie Romeike wollte ihren Kindern das "unchristliche Treiben" an deutschen Schulen ersparen: Die Kinder würden in der staatlichen Schule "nach einem antichristlichen Weltbild erzogen", in Schulbüchern wimmele es von obszönen Ausdrücken, Flüchen und Gotteslästerungen, sagte Vater Romeike. Gestützt werden diese Eltern von einer evangelikalen Lobbygruppe mit dem Namen „Home School Legal Defense Association“ (HSLDA). Diese versteigt sich im aktuellen „Asyl“-Fall zur Interpretation, in Deutschland werde „ideologische Konformität“ erzwungen, und dies wecke „beängstigende Erinnerungen an die Vergangenheit.“

Lassen wir die Frage nach der Verhältnismäßigkeit, dieser Familie seitens eines US-Gerichts politisches Asyl zu gewähren, und betrachten wir Homeschooling ganz praktisch. Tatsache ist: Kein Elternpaar kann seinen Kindern an fachlicher und methodischer Kompetenz mitgeben, was Schule mitgeben kann. Da bedürfte es schon eines verwandtschaftlichen oder nachbarschaftlichen Netzwerkes, das schier der regulären Gründung einer Privatschule gleichkäme. Nicht einmal ein Vater und eine Mutter, die beide für ein gymnasiales Lehramt ausgebildet sind, könnten ihre Kinder in allen Fächern zum Abitur führen. Vor allem aber wird „Homeschoolern“ die ganze Bandbreite schulischen sozialen Lernens und schulischer Kultur vorenthalten. Solche Kinder erleben nicht, was ein Skikurs, eine Studienfahrt zusammen mit einer ganzen Klasse oder was eine gemeinsame Theateraufführung, ein sportlicher Wettstreit mit anderen, weltanschaulich nicht stramm gleich „Gestrickten“ bedeuten. Sie erfahren nie, was es heißt, sich mit einer Gruppe heterogen zusammengemixter Alterskameraden zu einem schulischen Projektauftrag zusammenraufen zu müssen. Es mutet dies alles ein wenig wie Abschottung und - wären die Homeschooler alle reich – wie ein selbstgewähltes Beverly-Hills-Reservat an. Christlich-fundamentalistische Argumente für eine Homeschooling können da nicht als Ausflucht dienen. Schließlich haben wir in Deutschland eine reich differenzierte Landschaft an Schulen in kirchlicher Trägerschaft. Es sind dies Hunderte von Schulen, vor allem Realschulen und Gymnasien, die ihren Auftrag christlich prägender Bildung ernst nehmen. 

Im übrigen darf man nicht übersehen, welche Folgen die Zulassung von Homeschooling gerade in Populationen mit Migrationshintergrund hätte. Es wäre dann zu befürchten, dass hier in Teilen noch mehr Abstinenz gegenüber solider schulischer Bildung praktiziert würde. Der Weg in Parallelgesellschaften wäre – gerade für muslimische Mädchen – weiter geebnet. Ein Gedankenexperiment nur: Wer Homeschooling zulässt, müsste als Alternative zum staatlichen bzw. zum staatlich anerkannten oder staatlich genehmigten Schulwesen sogar privat organisierte Koranschulen zulassen.


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