DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - PRESSEERKLÄRUNG  

Bonn,  17. Juni 2004            


"Lehrstellenmisere bleibt ein gesellschaftlicher Sprengsatz"


Zu weiteren „nationalen Kraftanstrengung“ in Sachen Lehrstellen haben der Deutsche Lehrerverband (DL) und die beiden ihm angehörenden Bundesverbände der Lehrerinnen und Lehrer an beruflichen Schulen sowie der Lehrerinnen und Lehrer an Wirtschaftsschulen (BLBS und VLW) aufgerufen. Die Verbände legten dazu eine Denkschrift vor. Darin fordern sie unter anderem eine nachhaltige Stärkung der Berufsfachschulen, eine Stärkung der vollzeitschulischen Berufsausbildungen mit anschließender Kammer-Prüfung, eine steuerliche Entlastung der Ausbildungsbetriebe und gezielte Maßnahmen zur Förderung der Ausbildungsreife der schwierigen Schülerklientel. Als kontraproduktiv bewerten die Lehrerverbände eine Ausbildungsplatzabgabe und die Abschaffung des Meisterprinzips. Vom aktuellen Ausbildungspakt erwarten sich die Verbände allerdings nicht viel; der Pakt sei zwar grundsätzlich zu begrüßen, die im Pakt versprochenen 30.000 zusätzlichen Lehrstellen seien angesichts von weit über 500.000 Bewerbern und angesichts von über zwei Millionen Betrieben nicht gerade ein großer Wurf, sondern allenfalls ein Tropfen auf einen heißen Stein.

Als nach wie vor skandalös bezeichnete es DL-Präsident Josef Kraus zugleich, dass aktuell nur noch 23 Prozent der rund 2,1 Millionen Betriebe ausbilden, obwohl rund 65 Prozent dazu berechtigt wären. Wörtlich: „Mit der gesellschaftspolitischen Verantwortung mancher Unternehmer scheint es nicht weit her zu sein. Gewiss wirkt die rezessive wirtschaftliche Entwicklung in den Lehrstellenmarkt hinein, und manche Bewerber sind auch nicht flexibel genug. Der ständige Hinweis der Wirtschaft auf die ökonomische Großwetterlage und ihr Klagen über das angeblich schlechte Bildungsniveau vieler Bewerber wirken aber oft genug als Ablenkungsmanöver.“

Kraus befürchtet, dass die prekäre Lage auf dem Ausbildungsstellenmarkt mittelfristig gravierende Auswirkungen auf Schule und Wirtschaft hat: Die Schulen würden es mehr und mehr mit frustrierten Schülern zu tun haben, und der Wirtschaft fehle es über kurz oder lang an Nachwuchs. Außerdem gerate das gesamte deutsche Berufsbildungssystem in eine Schieflage: Während im Jahr 1991 noch 75 Prozent aller jungen Leute ihre berufliche Bildung im dualen System starteten, waren es im Jahr 2002 gerade noch 62 Prozent.

Kraus abschließend: „Gesamtgesellschaftlich tickt hier ein Sprengsatz. Wenn diese Gesellschaft jungen Leuten zu Zehntausenden zeigt, dass man sie nicht haben wolle, braut sich ein enormes Potential an Politikverdrossenheit und schließlich Gewaltbereitschaft zusammen.“

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Für den Inhalt verantwortlich: Waltraud Fuchs (DL)


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