DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL)- AKTUELL
Juni 2004

Deutscher Lehrerverband (DL)
Deutscher Philologenverband (DPhV)
Verband Deutscher Realschullehrer (VDR)
Bundesverband der Lehrerinnen und Lehrer an beruflichen Schulen (BLBS)
Bundesverband der Lehrerinnen und Lehrer an Wirtschaftsschulen (VLW)



Denkschrift zur Lehrstellenmisere
"Wer junge Leute in die Perspektivlosigkeit entlässt, provoziert massenhaft Politik- und Staatsverdrossenheit"



1.   Zur aktuellen Situation im Frühsommer 2004

Die Zahl der betrieblichen Ausbildungsplätze nimmt seit einigen Jahren besorgniserregend ab. Im Jahr 2000 hatte es noch 622.000 Ausbildungsverträge gegeben; 2003 waren es nur noch 558.000. Das ist der niedrigste Stand seit der Wiedervereinigung.

Insgesamt bilden aktuell nur noch 23 Prozent der rund 2,1 Millionen Betriebe aus.

Vor diesem Hintergrund gerät das bislang weltweit geachtete duale Berufsbildungssystem Deutschlands in eine Schieflage. Von allen jungen Menschen, die in eine berufliche Bildung starteten, taten dies im Jahr 1991 noch 75 Prozent im Rahmen einer Ausbildung im dualen System; bis 2002 freilich war dieser Anteil auf nur noch 62 Prozent zurückgegangen.

Für das Jahr 2004 droht zumal bei einer um zwei Prozent steigenden Zahl an Schulabgängern eine schwere Ausbildungskrise.


2.  Die Ursachen der Lehrstellenmisere

 a)  
Maßgeblich sind die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen (siehe Globalisierung), ferner die gravierend schlechte, nahezu rezessive wirtschaftliche Lage vieler Betriebe sowie deren pessimistische Erwartungen.
b)
Mitentscheidend ist die Tatsache, dass - bei sinkender Tendenz - nur noch knapp ein Viertel aller Betriebe ausbildet, obwohl zwei Drittel dazu berechtigt wären.
 c)  
Mitverantwortlich ist ein Teil der Bewerber, der hinsichtlich Berufswahl zu enge bzw. zu traditionelle Vorstellungen hat.
d)
Mit ursächlich sind die in vielen Berufsbereichen deutlich gestiegenen Anforderungen: Die hohe Komplexität neuer Berufsbilder demotiviert oft genug potentielle Ausbildungsbetriebe.


3.   Abhilfe und Gegenmaßnahmen

a) 
Notwendig ist eine gezielte Förderung der Ausbildungsreife der angehenden Auszubildenden insbesondere mit Blick auf den Teil der schwierigen Schülerklientel (z.B. Förderbedürftige, Migranten).
b) 
Notwendig sind eine intensivere individuelle Betreuung und eine intensivere berufliche Beratung der Schüler, auch im Rahmen von Praktika. Die berufsbildenden Schulen brauchen dafür mehr Beratungskräfte (Beratungslehrer, „Navigatoren“).
c) 
Notwendig ist eine nachhaltige Stärkung der Berufsfachschulen zur Vorbereitung auf Berufsausbildungen mit höheren Anforderungen. Die in den Berufsfachschulen vermittelten Inhalte sind auf nachfolgende Berufsausbildungen anzurechnen.
d)
Notwendig ist eine Abmilderung der Stellenmisere durch eine Stärkung vollzeitschulischer Berufsausbildungen. Zudem muss den betreffenden Schülern die Option einer Kammer-Prüfung eröffnet werden. Die betreffenden berufsbildenden Schulen müssen entsprechend mit Lehrern bzw. mit Lehrstunden ausgestattet werden.
e) 
Empfehlenswert ist eine steuerliche Entlastung der Ausbildungsbetriebe.
 f)  
Bewährt hat sich die Einrichtung von regionalen Arbeitskreisen aus Wirtschaft, Schule und Verwaltung zur Aktualisierung von Angebot und Nachfrage sowie zur Werbung um Ausbildungsplätze.
 g)  
Hilfreich wäre hinsichtlich Ausbildungsverträgen ein zumindest regionaler Datenabgleich der Industrie- und Handelskammern sowie der Handwerkskammern; dadurch könnte verhindert werden, dass Jugendliche gleichzeitig mehrere Ausbildungsverträge abschließen und somit Ausbildungsstellen für andere Aspiranten blockieren.
 h)  
Diskussionswürdig ist eine Bevorzugung von Ausbildungsbetrieben bei der Vergabe öffentlicher Aufträge.
i) 
Begrenzt sinnvoll sind Ausbildungen im Ausbildungsverbund. Nicht marktkonform sind über den Bedarf hinausgehende überbetriebliche oder außerbetriebliche Ausbildungen.
 j)  
Kontraproduktiv ist die Abschaffung des Meisterprinzips. Es ist zu erwarten, dass Betriebe ohne Meister weniger ausbilden.
k)
Kontraproduktiv ist die Einführung einer Ausbildungsplatzabgabe. Diese schier planwirtschaftliche Maßnahme belastet die Verwaltung mit zusätzlichen Aufgaben und erlaubt es den Betrieben, sich „freizukaufen“.

 
4.   Die gravierenden Auswirkungen des drastischen Lehrstellenmangels


Das Fehlen einer Ausbildungsstelle hat für jeden einzelnen Jugendlichen gravierende Folgen: Die Perspektivlosigkeit treibt die jungen Leute in die Resignation; sie drängt sie in eine Außenseiterrolle und sie hindert sie am Aufbau einer wirtschaftlichen Eigenständigkeit.

a) Schulische Auswirkungen

Die mangelnde Aussicht auf einen Ausbildungsplatz frustriert die angehenden Auszubildenden bereits bei ihren Anstrengungen in der allgemein bildenden Schule. Mangels Ausbildungsplatz werden viele leistungsschwächere Aspiranten ihre Schullaufbahn in weiterführenden Schulen fortsetzen oder gar von Beginn an eine für sie falsche Schulwahl treffen.

Quantitativ überfordert sind die berufsbildenden Vollzeitschulen und die Schulen der beruflichen Grundbildung; sehr viele Jugendliche ohne Ausbildungsplatz drängen nämlich in diesen schulischen Sektor. Das hat zur Folge, dass die betreffenden Schulen unter fortschreitendem Lehrermangel leiden und dass Unterricht sowohl im Kernbereich wie auch im Zusatzbereich gekürzt werden muss.

b) Wirtschaftliche Auswirkungen

Mittelfristig hat ein Mangel an ausgebildeten Mitarbeitern gravierende wirtschaftliche Auswirkungen: Den Betrieben fehlt es an Nachwuchs; volkswirtschaftliches und einzelbetriebliches Wachstum wird verhindert.

c) Gesellschaftliche Auswirkungen

Die mangelnden Zukunftsaussichten vieler junger Menschen provozieren ein enormes Potential an Unzufriedenheit, Politikverdrossenheit und Gewaltbereitschaft. Wenn die Gesellschaft den jungen Leuten solchermaßen zeigt, dass sie sie nicht braucht, dann ist es nicht verwunderlich, wenn die jungen Leute sich berechtigt sehen, auf diese Gesellschaft „draufzuhauen“.



© 2004 Deutscher Lehrerverband (DL) - Burbacher Straße 8 - 53129 Bonn - Tel. (02 28) 21 12 12 - FAX 21 12 24  DL-Home Seitenanfang