DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL

Aus "Die Tagespost" vom 23. März 2010

Ja zur Aufklärung des Missbrauchs – Nein zu dessen Instrumentalisierung

Von Josef   K r a u s
 Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL)


Die unmissverständliche Ächtung eines jeden physischen oder psychischen Missbrauchs von Mitmenschen, zumal von Kindern, ist ein wichtiger symbolischer Akt. Ein solcher Akt ist zwar eine Selbstverständlichkeit, gleichwohl aber öffentlich stets zu wiederholen, denn er vermag das Rechts- und das Unrechtsempfinden der Bevölkerung zu prägen. Ächtung allein reicht indes nicht aus. Deshalb gehört jeder Missbrauch von Schutzbefohlenen unnachgiebig aufgedeckt und konsequent geahndet. Dies setzt ein nachdrückliches, rationales und möglichst nachhaltiges, aber kein übermotiviertes Vorgehen voraus. Eine Instrumentalisierung oder gar ein Missbrauch von Missbrauchsfällen müssten qua Selbstverpflichtung gerade von Politik und Presse ausgeschlossen sein. Freilich mutet so mancher aktuelle Diskussionsbeitrag an, wie wenn hier jemand schier auf eine Gelegenheit gewartet hätte, nach der Institution Familie jetzt die Institutionen Kirche und Schule in 68er-Manier zertrümmern zu helfen.

Zu einem seriösen und angemessenen Umgang mit dem Missbrauch von Kindern gehört aber an erster Stelle und gerade mit Blick auf die aktuelle Häufung von entsprechenden Berichten eine differenzierte Betrachtung. Es hat keinen Sinn, wenn jeder Fall körperlicher Züchtigung der 50er und 60er Jahre mit entsprechenden Fällen der jüngsten Zeit oder wenn sexueller Missbrauch von damals und heute damit in einen Topf geworfen werden. Es sind dies hinsichtlich Qualität und Schweregrad der Verletzung bzw. Entwürdigung sehr unterschiedliche Tatbestände. 

Sexueller Missbrauch war und ist – bei allen abgestuften Varianten, die sich dahinter verbergen – immer ein Verbrechen. Solcher Missbrauch kann Menschen für ein Leben lang belasten, sie in der Entfaltung ihrer Persönlichkeit hemmen, sie neurotisieren oder gar in die Suizidgefährdung treiben. In diesem Bereich von Missbrauch kann sich die Betrachtung aus der Perspektive des Jahres 2010 nicht von derjenigen der 60er, 70er oder 80er Jahre des vergangenen Jahrhunderts unterscheiden. Mit körperlichen Züchtigungen, wie sie vor 40 oder 50 Jahren alltäglich waren, hat das nichts zu tun. Wenn Schüler damals wegen Pflichtverletzungen an den Ohren gezogen wurden oder mit Bambusstäbchen sog. Tatzen auf die Fingerkuppen verpasst bekamen und wenn dies nicht einer sadistischen Neigung eines Erziehers entsprang oder gar heftigere Formen annahm, so soll man solche „pädagogischen Maßnahmen“ aus der damaligen Zeit heraus, aber nicht selbstgerecht aus der Perspektive des Jahres 2010 beurteilen.

Man wird den aktuell aufgedeckten Problemen nicht gerecht, wenn man alles miteinander vermengt und mit monokausalen Analysen begleitet. Dass Bildungseinrichtungen der katholischen Kirche besonders im Kreuzfeuer der Kritik stehen, ist aufgrund der Häufung der dort aufgedeckten Fälle nicht verwunderlich. Abwegig und durchsichtig aber ist es, wenn sich die Attacken jetzt gegen den Papst und gegen dessen Festhalten am Zölibat richten. Das ist unredlich. Zumindest sollte man zur Kenntnis nehmen, dass 80 bis 90 Prozent der Fälle von Kindesmissbrauch im engeren oder weiteren familiären Umfeld stattfinden. Dort gibt es keinen Zölibat.

Gleichwohl hat die Kirche, auch die evangelische, allen Grund nachzuforschen, was in den letzten Jahrzehnten geschehen ist, warum und von wem etwas verschleiert wurde und warum die kirchliche ebenso wie die staatliche Schulaufsicht versagt hat - die staatliche Schulaufsicht deshalb, weil Kirche kein Staat im Staate sein kann und weil das Grundgesetz in Artikel 7 gebietet: „Das gesamte Schulwesen steht unter der Aufsicht des Staates.“ Staatliche Schulaufsicht bezieht sich also auch auf die freien, privaten, kirchlichen sogenannten Ersatzschulen. Zudem sind die Kirchen und andere inkriminierte Schulträger gefordert, neben der raschen Aufklärung und neben raschen personellen Konsequenzen überzeugende Angebote der materiellen und/oder immateriellen Wiedergutmachung zu unterbreiten.

Ob alles aufgedeckt und geahndet werden kann, sei dahingestellt. Zum einen nämlich sind manche der Täter bereits verstorben. Zum anderen weiß man aus der forensischen Psychologie um das Problem der Glaubwürdigkeit von Zeugen- und Opferaussagen nach mehreren Jahrzehnten. Zum dritten mag es den einen oder anderen Nutznießer geben, der jetzt die Zeit gekommen sieht, endlich „ein Hühnchen“ zu rupfen. Wie auch immer: Die kirchlichen Schulträger müssen ohne Wenn und Aber an die Aufklärung und Wiedergutmachung heran; sie müssen personelle und aufsichtliche Strukturen schaffen, die neue Fälle von Kindesmissbrauch weitestgehend ausschließen.

Für andere Schulen in freier Trägerschaft gilt dies nicht minder. Hier tun sich ebenso Abgründe auf. Die hochgelobte Odenwaldschule etwa gehört als häufig bemühte Vorzeigeschule dazu. Natürlich verbietet sich hier ebenso jede monokausale Betrachtung nach dem Motto: Die Reformpädagogik ist schuld am sexuellen Missbrauch von Schutzbefohlenen. Eines aber fällt doch auf: Es handelt sich hier um Schulen, deren Gedankengut schier pseudoreligiös geprägt ist von der Idee des pädagogischen Eros und in der Folge von der Reduktion der Distanz zwischen Lehrern und Schülern. 

Dass einer der „Päpste“ der Reformpädagogik, Hartmut von Hentig, seinem Lebensgefährten Gerold Becker, dem langjährigen, jetzt zu Recht des Missbrauchs beschuldigten früheren Leiter der Odenwaldschule, beispringt und ihn, Becker, als „begnadeten Lehrer“ bezeichnet und als von den Schülern sexuell verführt sieht, ist ein Stück persönliche Tragik eines 84jährigen Pädagogikprofessors. Heranwachsende Opfer aber qua professoraler Analyse zu Tätern zu machen, ist denn doch in erster Linie eine Verhöhnung von Opfern und erst in zweiter Linie als Ergebnis eines Traumas von Partnerschaft oder von Senilität zu sehen. 

Bei überzeugten Reformpädagogen hat die Aufdeckung von Missbrauch in sog. Reform- und Eliteschulen und haben Hentigs Erklärungsversuche eine gewisse Schockstarre provoziert. Es führt aber kein Weg daran vorbei zu fragen, ob Reformpädagogik nicht zumindest latent das pädagogisch ausgewogene Verhältnis von Nähe und Distanz zwischen Lehrern und Zöglingen aus dem Gleichgewicht gebracht hat. Und natürlich führt kein Weg daran vorbei aufzuklären, wer etwa in der Odenwaldschule den Grund wusste, warum der damalige Schulleiter Becker die Schule nach 13 Jahren Schulleitertätigkeit im Jahr 1985 bereits mit 49 Lebensjahren verließ. Aufzuklären wäre außerdem, warum Becker anschließend einen Beratervertrag mit dem hessischen Kultusministerium bekam, der erst 1999 nach dem Wechsel von einer rot-grünen zur CDU-/FDP-Landesregierung aufgelöst wurde, und warum er von 1986 bis 1999 Vorsitzender der Vereinigung Deutscher Landerziehungsheime sein konnte.

Was ist zu tun? Antiklerikale Affekte, wie sie so mancher Publizist sowie neben anderen eine Bundesjustizministerin zumindest anfangs pflegen wollten, helfen nicht weiter. Es helfen auch keine Eignungstests für Lehrer und Pädagogen, wie dies der eine oder andere Politiker vorgeschlagen hat. Man findet pädophil Veranlagte (zutreffender wäre der Begriff „pädosexuell“) wohl nicht einmal mit mehrtägigen Tiefeninterviews heraus. Außerdem suggerieren solche Tests den Generalverdacht, Lehrer und Pädagogen seien in großer Zahl pädophil veranlagt. 

Drei Grundsätze aber könnten helfen. Erstens müssen Kinder so erzogen werden, dass sie einem Missbrauch bereits im Ansatz stark und mutig begegnen und eine Vertrauensperson, in der Regel die Eltern, unterrichten. Zweitens muss die Schulaufsicht genauer hinschauen und Vorgesetzte für Anzeichen von Missbrauch sensibilisieren. Drittens schließlich brauchen wir in Erziehung und Bildung ein richtiges Verhältnis von Nähe und Distanz zwischen Jung und Alt. Ein solches ausgewogenes Verhältnis ist nicht zuletzt durch die Zertrümmerung einer jeden Autorität von Lehrern und Erziehern verloren gegangen. Die Würde des jeweils anderen zu achten, wertschätzend mit dem anderen umzugehen – das ist das eine. Es war aber ein Irrweg „progressiver“ Pädagogik zu meinen, Distanz zwischen Lehrern und Schülern müsste abgebaut werden und einem familiären oder gar kumpelhaften Umgang Platz machen. In Erziehung und Bildung muss es Abstände geben. Erziehung und Bildung können nicht „auf einer Augenhöhe“ stattfinden.

Distanz heißt dabei nicht, dass Erziehung und Bildung in einem sterilen, antiseptischen Klima stattzufinden habe. Einem jungen Menschen nah zu sein, das heißt nie und nimmer, ihm körperlich nahezukommen, sondern es heißt, aus der überzeugenden Autorität des Erwachsenen heraus Orientierung und Empathie vorzuleben. Letzteres aber setzt eine zugleich souveräne und einfühlende, niemals eine kühle oder gar überhebliche Distanz voraus. In der älteren und noch lange nicht überholten Pädagogik hieß das einmal „pädagogischer Takt“.


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