DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL)- AKTUELL

Aus "Die Tagespost" vom 13. Juli 2010


Gigantisches Durcheinander an Schulformen

Wieder nichts dazugelernt: Die rot-grüne Bildungspolitik in Nordrhein-Westfalen will Gymnasien abschaffen und die "Gemeinschaftsschule" einführen.

Von Josef   K r a u s
 Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL)


Wer sich die schulpolitischen Pläne der angehenden rot-grünen NRW-Minderheitsregierung anschaut, der reibt sich die Augen und fühlt sich um drei bis vier Jahrzehnte in wildeste bildungssozialistische Attitüden der 1970 und 1980er Jahre zurückversetzt. Die Bundespresse hat das zum großen Teil noch nicht erkannt. Wenn der Rheinische Merkur hier von einem „Schulkrieg light“ schreibt, dann täuscht er sich, denn sollten sich im Landtag in Düsseldorf die rot-grünen Absichten durchsetzen, ist ein „Schulkrieg total“ zu erwarten. Noch harmloser schätzt Spiegel-online die Pläne der Kraft-Löhrmann-Koalition ein, nämlich als „Schulreförmchen“ und als „Umbau light“. Nein, das ist kein Reförmchen, sondern das ist ein schulpolitischer Kahlschlag, das ist die komplette Deformation des herkömmlichen Schulwesens.
 
Nehmen wir die rot-grüne Koalitionsvereinbarung zunächst wörtlich: Man will „neue Wege“ gehen, man will das Bildungssystem „gerechter und leistungsfähiger“ gestalten, man will „beste Bildung für alle“, man will, dass die „Bildung nicht mehr vom Geldbeutel der Eltern abhängig“ ist, man will „alle Talente nutzen“ und „kein Kind zurücklassen“ usw. Das ist die übliche Präambel-Lyrik. Wer will all dies nicht?
 
Wenige Abschnitte später aber kommen die Hämmer. Wörtlich: „Längeres gemeinsames Lernen wollen wir schulgesetzlich verankern … In der Klasse 5 und 6 findet für alle Schülerinnen und Schüler gemeinsamer Unterricht statt.“ Ab Klasse 7 werden „entweder integrierte Lernkonzepte weitergeführt, oder es wird nach Bildungsgängen differenziert.“ Und: „Es ist unser Ziel, mindestens 30 Prozent aller allgemeinbildenden Schulen in der Sekundarstufe I zu Gemeinschaftsschulen umzuwandeln.“
 
Was heißt das konkret? Es heißt zunächst, dass binnen fünf Jahren (so diese Koalition so lange hält) in der Summe mindestens 700 Hauptschulen, Realschulen und Gymnasien abgeschafft und zu Gemeinschaftsschulen umgewandelt werden. Allein der Begriff „Gemeinschaftsschule“ ist schon Nebelwerferei. Gemeinschaftsschule ist und bleibt nämlich nichts anderes als Integrierte Gesamtschule herkömmlicher Art. Alle anderen, zunächst noch verbleibenden rund 1.400 Hauptschulen, Realschulen und Gymnasien verlieren aber schon mal die 5. und die 6. Jahrgangsstufe. Das Gymnasium, die auch in NRW noch mit Abstand leistungsfähigste Schulform, wird zu einem sog. G6, also zu einem sechsjährigen Gymnasium, denn die 13. Klasse hatte man dem Gymnasium ja bereits genommen; ab 2013 sollte es sie mit dem doppelten Abiturjahrgang in NRW eigentlich ja nicht mehr geben. (Freilich plant Rot-Grün vorübergehend ein Gymnasium der zwei Geschwindigkeiten.)
 
Das besonders Pikante an all diesen Plänen ist (man muss es immer wieder in Erinnerung bringen), dass diese rot-grüne Koalition keine parlamentarische Mehrheit hat, diesen schulpolitischen Kahlschlag aber vermutlich mit den Stimmen der Links-Partei durchbringen dürfte. Frühere Ypsilanti-Pläne lassen grüßen. Pikant ist auch, dass von einer „Übergangsphase“ gesprochen wird. Ganz offenbar also sollen in absehbarer Zeit auch die anderen zwei Drittel der weiterführenden Schulen vereinheitlicht werden. Bis dahin wird es für Eltern, Schüler und Lehrer in NRW ein gigantisches Neben- und Durcheinander an Schulformen geben. Nebeneinander werden dann existieren: Hauptschulen, Realschulen und Gymnasien; Gymnasien mit acht- und neunjähriger Dauer, Gesamtschulen, Verbundschulen, Förderschulen, Kompetenzzentren, integrative und additive Gemeinschaftsschulen. Die Eltern kann man heute schon bemitleiden. Pikant ist schließlich auch, dass diese Totalreform ohne eine Änderung der NRW-Verfassung gar nicht möglich ist. Schließlich enthält diese Verfassung in Artikel 12 eine Bestandsgarantie speziell für die Hauptschule. Diese Garantie aus der Verfassung zu entfernen, dazu bedürfte es einer Zweidrittelmehrheit, die natürlich in den Sternen steht.
 
Nicht minder erstaunlich ist, dass man in NRW eigentlich wissen müsste, was man mit einer Egalisierung der Schullandschaft gesellschaftspolitisch anstiftet. Immerhin hatten die Bürger an Rhein und Ruhr im Frühjahr 1978 qua Bürgerbegehren einer geplanten „Kooperativen Gesamtschule“ („Koop“) eine heftige Absage erteilt. Die regierende SPD war daraufhin vor einem Volksentscheid zurückgeschreckt und hatte ihre Ziele zurücksteckt, wiewohl die „Koop“ das Prestigeobjekt der damaligen SPD/FDP-Landesregierung unter Ministerpräsidenten Heinz Kühn (SPD) gewesen war. Mit dieser Schulform sollten jedenfalls Hauptschule, Realschule und Gymnasium unter gemeinsamer Leitung organisatorisch zusammengefasst und in den Klassen 5 und 6 eine schulformübergreifende Orientierungsstufe mit dem dezidierten Ziel etabliert werden, über kurz oder lang aus allen Jahrgängen der Sekundarstufe I (fünfte bis zehnte Klasse) eine integrierte Gesamtschule zu machen. Maßgeblicher Akteur seitens der SPD war übrigens nicht Heinz Kühn, der ein halbes Jahr nach diesem Desaster sein Amt an Johannes Rau abgab, gewesen; besonders hervor getan hatten sich Schulminister Jürgen Girgensohn, Landesvorsitzender und Wissenschaftsminister Rau sowie FDP-Innenminister Burkhart Hirsch. Rau hatte sogar versucht, das „Stopp-Koop“-Begehren als Aktion „reicher Leute“ abzutun. Ihm und seiner Gefolgschaft war dann ein bürgerliches Bündnis entgegengetreten, das vor allem aus rund 15 Organisationen der Eltern- und Lehrerschaft bestand.
 
Das ebenfalls in höchstem Maße Erstaunliche an all den aktuellen rot-grünen Absichten des Jahres 2010 ist, dass es sich hier um Struktureingriffe handelt, die durch keine wissenschaftliche Studie untermauert werden können.
 
Faktum Nummer 1 ist: Gesamtschule in Deutschland hat Jahrzehnte durchschlagender Erfolglosigkeit hinter sich. Die Tatsache, dass bei PISA mit Finnland ein Gesamtschulland gut abgeschnitten hat, sagt wenig aus. Immerhin sind es auch Gesamtschulländer, die am Ende der PISA-Rangreihe stehen: Brasilien und Mexiko. Zudem sind die Süddeutschen inkl. Sachsen eben ohne Gesamtschulen die  einzigen deutschen Länder, die bei PISA ganz nahe an Finnland herankommen. Bei innerdeutschen Studien hat sich außerdem immer wieder herausgestellt, dass Gesamtschüler – trotz vergleichbarer sozialer Provenienz – am Ende der 10. Klasse bis zu zwei Jahre Lernrückstand hinter Realschülern haben.
 
Faktum Nummer 2: Was den Zeitpunkt der Differenzierung der Schüler nach der Grundschulklasse betrifft, so sagen alle namhaften Studien eindeutig aus: Sechsjährige Grundschule bringt nichts. Deutsche Länder mit einer längeren gemeinsamen Schulzeit wie Berlin und Brandenburg mit einer sechsjährigen Grundschule gehören zu den PISA-Verlierern. Der Lernrückstand von Grundschülern in Berlin nach der 6. Klasse gegenüber Schülern, die grundständige weiterführende Schulen besuchen konnten, beträgt bis zu einem Lernjahr.  Selbst der vormalige „PISA-Papst“ Jürgen Baumert hielt zuletzt in mehreren Interviews fest: Es gibt keine belastbare Studie, die bestätigen könne, dass ein längeres gemeinsames Lernen sinnvoll sei.
 
Faktum Nummer 3: Eine Langzeitstudie von Prof. Dr. Helmut Fend (Universitäten Zürich und Konstanz) hat 2008 nachgewiesen: Der Besuch einer Gesamtschule schafft keineswegs verbesserte soziale Aufstiegsmöglichkeiten. Zentrales Ergebnis der sog. LiFE-Studie von Fend ist: Die soziale Selektivität bei den verschiedenen Stufen des Bildungs- und Berufsweges wird weder durch Förderstufen (eine Art verlängerte Grundschule) noch durch Gesamtschulen reduziert, wiewohl diese Schulformen diesen Anspruch seit Jahrzehnten erheben.
 
Warum rot-grüne Schulreformer all dies nicht zu Kenntnis nehmen wollen, kann man wohl nur mit deren sozialpopulistischer und ersatzreligiöser Attitüde erklären. So ist der Mensch nun einmal, auch als Politiker: Was der Bauch nicht will, lässt der Kopf eben nicht rein. 


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