DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - PRESSEERKLÄRUNG 

Bonn, 14.02.2000
Zur Entscheidung der PDS/SPD-Koalition in Sachen Orientierungsstufe erklärte der
Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL, Josef    K r a u s:

"Orientierungsstufe - überflüssig wie ein Kropf"

„Es gibt überhaupt keinen stichhaltigen Grund dafür, die Entscheidung von Eltern über die weiterführende Schullaufbahn ihres Kindes um zwei Jahre nach hinten, also von der 4. Grundschulklasse auf die 6. Klasse einer Orientierungsstufe zu verlagern. Sechsjährige Grundschule und Orientierungsstufe haben sich nicht bewährt. So einfach ist das. Eine um zwei Jahre in die 5. und 6. Klasse hinein verlängerte gemeinsame Beschulung der Kinder provoziert bei einem erheblichen Teil der Schüler Überforderung, bei einem anderen erheblichen Teil Unterforderung. Denn ein auf das mittlere Lernvermögen der Fünft- und Sechstklässler ausgerichtetes Lerntempo vernachlässigt die Schnelleren und die Langsameren. Die damit einhergehenden Frustrationen können die Lernbereitschaft auf Jahre hinaus belasten.

Ein Legende ist die Behauptung, die Eignung eines Kindes für die nachfolgende Schullaufbahn sei nach der 6. Klasse zuverlässiger diagnostizierbar als nach der 4. Klasse. Mitnichten! Bei rund achtzig Prozent der Zehnjährigen ist recht eindeutig prognostizierbar, welche Schulform für sie nachfolgend die am besten geeignete ist. Dass es bei zwanzig Prozent noch nicht der Fall ist, kann freilich kein Grund sein, die achtzig Prozent warten zu lassen. Im Übrigen bietet ein vertikal und horizontal durchlässig gegliedertes Schulwesen hinreichend Möglichkeiten, auch als „Spätstarter“ zu den formal höchsten Abschlüssen zu kommen.

Renommierte Institute, wie das Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, das Max-Planck-Institut für psychologische Forschung und das Institut für Pädagogische Psychologie und Empirische Pädagogik der Universität München liefern weitere gewichtige Gründe gegen eine gemeinsame Beschulung nach der 4. Grundschulklasse: Erstens wird die Treffsicherheit einer Schullaufbahnempfehlung nach der sechsten Klasse gegenüber einer solchen Entscheidung nach der vierten Klasse eher noch ungenauer; schließlich befinden sich Dreizehnjährige bereits in den Verwerfungen der Vorpubertät. Zweitens hat sich in Sachen Intelligenzentwicklung bereits im zehnten Lebensjahr ein so großer Schereneffekt gebildet, dass jede weitere einheitliche Unterrichtung den Einzelschülern nicht mehr gerecht würde. Anders ausgedrückt: Es gibt keinerlei wissenschaftliche Belege, die für eine pädagogische Überlegenheit einer Orientierungsstufe sprächen.

Zudem zeigen Untersuchungen in den Fächern Mathematik, Englisch und Deutsch erhebliche Leistungsrückstände bei Kindern, die in Berlin bzw. Bremen eine sechsjährige Grundschule bzw. eine Orientierungsstufe besucht haben. Deren Rückstand – es geht um einen Rückstand von einem Lernjahr und mehr – hat sich im Vergleich zu Kindern, die in die weiterführende Schule nach der 4. Grundschulklasse starten, selbst bis Ende der 7. Klasse nicht ausgeglichen.

Das heißt, die schulischen Leistungen von Schülern einer sechsjährigen Grundschule bzw. einer integrierten, also einheitlichen Orientierungsstufe sind und bleiben durchweg schwächer als die Leistungen der Schüler, wenn diese nach der 4. Klasse in differenzierte Schulformen und damit in leistungshomogenere Lerngruppen einmündeten. Ansonsten sollte man schlicht und einfach das professionelle Urteil der Lehrer der vierten Grundschulklasse zur Kenntnis nehmen: Schüler, die dort die Note zwei in den Fächern Deutsch und Rechnen erzielten, machen mit rund neunzigprozentiger Wahrscheinlichkeit das Abitur, Schüler mit einer Drei in Deutsch und Rechnen mit nur zehnprozentiger Wahrscheinlichkeit.

Wenn dennoch – wie jetzt in Mecklenburg-Vorpommern – eine weitaus spätere Entscheidung über den weiterführenden Bildungsweg der Kinder etabliert wird, dann ist das Realitätsverweigerung, wenn nicht gar ignorantes, ideologisch geprägtes Wunschdenken. Jedenfalls ist die Orientierungsstufe überflüssig wie ein Kropf.“
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Für den Inhalt verantwortlich: Josef Kraus,  DL-Präsident


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