GEMEINSAME PRESSEERKLÄRUNG 
Deutscher Lehrerverband (DL)
Deutscher Philologenverband (DPhV)



3. Dezember 2007
 

Ergebnisse der aktuellen Forsa-Umfrage von DL und DPhV:

 
Bevölkerung eindeutig gegen Einheitsschule
 
Deutsche setzen auf Reformen im System und lehnen Strukturdebatte ab
 


Als sehr beeindruckendes und in dieser Deutlichkeit nicht erwartetes Votum gegen eine Einheitsschule und gegen die Abschaffung der Schularten des gegliederten Schulwesens haben der Präsident  des Deutschen Lehrerverbandes (DL), Josef Kraus, und der Vorsitzende des Deutschen Philologenverbandes (DPhV), Heinz-Peter Meidinger, die Ergebnisse der im Auftrag ihrer Verbände und in Zusammenarbeit mit dem Elternforum Bildung durchgeführten Forsa-Umfrage  gewertet.

 
Nach der Umfrage, in die vom 20. bis 22. November repräsentativ 1013 Bürger über 18 Jahren in ganz Deutschland einbezogen waren, haben sich nur 33 Prozent der Deutschen für die Einführung einer Einheits- oder Gemeinschaftsschule ausgesprochen, 60 Prozent lehnen eine Schule für alle ab. Besonders niedrig ist die Zustimmung zur Gemeinschaftsschule in Nord- und Westdeutschland; dort sinkt der Anteil der Befürworter einer Einheitsschule auf 24 bzw. 26 Prozent.
63 Prozent der Befragten glauben überdies, dass ein einheitlicher Unterricht für alle Schüler bis zur 10. Klasse deshalb falsch sei, weil er dabei die langsamen Schüler über- und die leistungsstarken unterfordere. Nur in Ostdeutschland halten sich Befürworter und Gegner einer Einheitsschule die Waage.
 
 
Große Mehrheit gegen Verlängerung der Grundschulzeit
 
Besonders überraschend ist die klare Absage der Befragten an eine Verlängerung der Grundschulzeit, wie sie derzeit von einigen Bildungspolitikern und Erziehungswissenschaftlern gefordert wird. Nur 28 Prozent der Deutschen halten eine Verlängerung der Grundschulzeit und eine entsprechend kürzere Schulzeit bei den weiterführenden Schularten für richtig. Auch eine Mehrheit der Ostdeutschen lehnt ein längeres gemeinsames Lernen ab. Insgesamt wenden sich 63 Prozent der Befragten gegen eine Ausweitung der Grundschule. Es fällt weiter auf, dass die Parteiführungen von SPD und Grünen, die diese Forderung vertreten, dabei nicht einmal die Mehrheit ihrer eigenen Anhänger hinter sich haben. Ganz offensichtlich herrscht eine breite Grundüberzeugung in der deutschen Bevölkerung, dass der Übertrittszeitpunkt für eine begabungsgerechte Förderung nach der 4. Jahrgangsstufe der richtige ist.
 
Beseitigung des Lehrermangels und Verkleinerung der Klassen als vorrangige Ziele
 
Bei der Frage nach sinnvollen und für notwendig erachteten Bildungsreformen geben die Befragten mit jeweils über 80 Prozent Zustimmung folgende Maßnahmen an: Beseitigung des Lehrermangels (85 %), Verbesserung der Unterrichtsqualität (82 %) und Verkleinerung der Klassen (82%). An letzter Stelle rangiert die Forderung nach Einführung eines integrativen Schulsystems (29 %).  Dabei unterscheiden sich die Befragungsergebnisse hinsichtlich Schulabschluss der Befragten und der politischen Einstellung nur in Nuancen.
 
Mehrheit der Bundesbürger gegen Abschaffung der Hauptschule
 
Eine Abschaffung der Hauptschule befürwortet nur eine Minderheit der Umfrageteilnehmer. Nur 16 Prozent der Befragten meinen, die Hauptschule solle aufgelöst werden, weil sie einen schlechten Ruf habe. 68 Prozent sind der Auffassung, damit würden die Probleme der Schüler, die heute die Hauptschule besuchen, nicht gelöst. 71 Prozent sind der Überzeugung, dass die Politik die Hauptschule mehr unterstützen müsse. Auch bei Anhängern von SPD, Grünen und sogar der Linken sind die Unterstützer der Hauptschule in der deutlichen Mehrheit.
 
Erhalt der Gymnasien: ein herausragendes Anliegen der Deutschen
 
Eine überwältigende Mehrheit von 89 Prozent aller Bundesbürger ist für den Erhalt der Gymnasien in Deutschland. Nur eine verschwindende Minderheit von 7 Prozent der Befragten sieht dies gegenteilig. Selbst in Ostdeutschland und bei den Anhängern der Grünen und der Linken gibt es eine satte 80-Prozent-Mehrheit für den Erhalt der Gymnasien. DPhV-Vorsitzender Heinz-Peter Meidinger wertete dies als deutliches Signal auch nach Hamburg, wo die Parteien von Grünen und Linke ein Volksbegehren zur Abschaffung der Gymnasien in der Hansestadt gestartet haben.
 
Heftige Kritik an OECD und GEW
 
DL-Präsident Josef Kraus zieht ein positives Resümee der Befragungsergebnisse: „Die breite Bevölkerung hat in Sachen Schuldebatte ein erfreulich differenziertes und rationales Urteil. Man hat sich nicht anstecken lassen von verfehlten schulpolitischen Patentrezepten. Auch mit Rücksicht auf die Eltern und Schüler brauchen wir jetzt in Sachen Schule wieder einen Primat der Politik und nicht der OECD. Im Grundgesetz steht: Das gesamte Schulwesen steht unter der Aufsicht des Staates - und nicht der OECD!“ Auch DPhV-Vorsitzender Heinz-Peter Meidinger begrüßt die Umfrageergebnisse: „Offensichtlich wissen die Bürger in diesem Land sehr genau die Stärken unseres differenzierten, begabungsgerechten Schulwesens einzuschätzen. Sie erkennen genau, dass vorhandene Defizite besser im System anstatt mittels eines Systemwechsels zu beseitigen sind. Es ist  nicht hinzunehmen, dass der zuständige OECD-Koordinator, Andreas Schleicher, die Vorabmeldung von PISA-Ergebnissen in skandalöser Weise für die Propagierung seiner eigenen bildungspolitischen Überzeugungen missbraucht.“
 
 
Mit Nachdruck weisen Kraus und Meidinger zudem die PISA-Auslegung der Lehrergewerkschaft GEW zurück. Beide übereinstimmend: „Wer noch ein halbes Jahr vor PISA 2000 diese Studie in Deutschland verhindern wollte, hat jede Glaubwürdigkeit verspielt, wenn er jetzt versucht, PISA für eigene ideologische Ladenhüter zu instrumentalisieren. Zudem ist es für eine Pädagogenorganisation schäbig, die Leistungen der deutschen Schüler permanent schlechtrechnen und deren Leistungsfortschritte wegdiskutieren zu wollen.“
 
Ergebnisse der Forsa-Umfrage
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