DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - PRESSEERKLÄRUNG 

Bonn, 11.07.2001


DL-Denkschrift zur Ganztagsschule und schulischen Ganztagsbetreuung

"Schulischen Ganztagsbetrieb mit skeptischem Realismus angehen!"

Für einen realistischen und zugleich skeptischen Umgang mit „Ganztagsschule“ und schulischer „Ganztagsbetreuung“ hat sich der Deutsche Lehrerverband (DL) ausgesprochen. Weder Ganztagsbetreuung noch Ganztagsschule seien in der Lage, erzieherische Defizite aufzufangen und das erzieherische Bewusstsein der Eltern zu fördern; eher förderten sie die Bereitschaft der Eltern, immer mehr originäre erzieherische Aufgaben an den Staat zu delegieren, so der DL in seiner aktuellen Denkschrift dazu.

Der Lehrerverband empfiehlt Befürwortern und Gegnern der Ganztagsbetreuung und der Ganztagsschule, dieses Thema realistisch anzugehen. Zu einem solchen Realismus gehöre der Grundsatz, dass die Vereinbarkeit von Familie und Beruf nicht nur eine Frage der Schule, sondern einer jeden einzelnen Familie sowie der gesamten Gesellschaft, der Wirtschaft und der Nachbarschaftshilfe sei. Der Verband betont darüber hinaus, Ganztagsbetreuung und Ganztagsschule seien gegenüber der familiären Betreuung der Kinder am Nachmittag und gegenüber außerschulischen Erfahrungsfeldern nur die zweitbeste Lösung. Schule könne kein Ersatz-Elternhaus sein.

Skeptisch äußert sich der Lehrerverband, weil in schulischem Ganztagsbetrieb das Außerschulische nahezu ausgeschlossen sei. Der Verband setzt dagegen: „Es gibt auch ein Leben außerhalb der Schule.“ Dieses Leben in seiner gesamten Bandbreite dürfe in der Entwicklung Heranwachsender nicht zu kurz kommen. Schule habe auch den Reichtum der unverplant gestalteten Freizeit zu achten.

Der DL votiert für ein auf ausschließlich freiwilliger Basis stehendes, bedarfsorientiertes schulisches Betreuungsangebot mit Betreuung in Kernzeiten zwischen dem frühen Morgen und dem frühen Nachmittag. Vorrang müssten dabei wegen des oft schwierigeren sozialen Hintergrundes ihrer Schüler Schulen in sozialen Brennpunktgegenden haben. Bei der Berechnung der notwendigen Kapazitäten sollten vor allem Schüler mittlerer Jahrgangsstufen sowie Schüler mit familiären Belastungen und mit Leistungsproblemen im Vordergrund stehen.

Der häufig bemühte Vergleich mit den Ganztagsschulstrukturen des Auslandes könne nur bedingt in die bundesdeutsche Diskussion einbezogen werden; zumindest sei hier zu berücksichtigen, dass die in Deutschland seit hundert Jahren übliche Halbtagsschule außerschulisch einhergeht mit einem Spektrum an Vereins- und Jugendarbeit, wie es in anderen Staaten in dieser Breite nicht existiert. Als gänzlich ungeeignet wird die Überlegung bewertet, mittels Ganztagsschule könnten die Bildungszeiten gekürzt werden. Zudem besteht der DL darauf, dass jede Schulform die gleiche Chance zur Einrichtung einer Ganztagsbetreuung haben müsse; letztere dürfe zukünftig kein alleiniges Privileg der Gesamtschule mehr sein.
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Für den Inhalt verantwortlich: Waltraud Fuchs (DL)


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