DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - PRESSEERKLÄRUNG  

Bonn, 5. Dezember 2001
Lehrerverband zur Schulleistungsstudie PISA

„Den Schülern mehr zutrauen und mehr zumuten!"

Zur anhaltenden Diskussion um die Ergebnisse der PISA-Studie stellt Josef Kraus, der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL), fest:
  1. Die Ergebnisse der PISA-Studie kommen nicht unerwartet. Vielmehr spielt sich seit einigen Jahren in den Schulen genau das ab, was PISA jetzt bestätigt: Die Schüler können in zunehmendem Maße nur stockend vorlesen, sich nicht konzentrieren, und sie sind immer weniger zu häuslichen Anstrengungen für die Schule bereit. Man hat diese Beobachtungen zu lange als Larmoyanz der Lehrerschaft abgetan und von den Lehrern alleine Abhilfe erwartet.

  2. Im Zuge einer immer stärkeren Ausrichtung der Schulen auf das Verwertbare wurde über Jahre hinweg übersehen, dass das Lesen die Schlüsselqualifikation schlechthin ist. Wer aber nicht gut lesen kann, der tut sich auch schwer, komplexere mathematische oder naturwissenschaftliche Sachverhalte zu verstehen und zu erklären. Das Fach Deutsch muss also gestärkt werden, zumal kaum ein anderes Land der Welt so wenig Unterrichtsstunden im Schulfach der Muttersprache hat wie Deutschland. Zudem müssen alle Fächer strikt Wert legen auf ein sinnentnehmendes Lesen und auf sprachliches Ausdrucksvermögen.

  3. Die PISA-Ergebnisse sind kein Attest für die Schulen, sondern ein Attest für die ganze Nation und deren Bildungsgesellschaft. Alle an schulischer Bildung Beteiligten haben Grund, selbstkritisch nachzufragen, wo ihr Anteil an den Leistungsdefiziten ist. Dementsprechend kann es keine einseitigen Maßnahmen oder gar Patentrezepte geben. Vielmehr sind Paketlösungen zu entwickeln, die gleichermaßen Gesellschaft, Politik, Medien, Eltern, Lehrer und Schüler in die Verantwortung nehmen. 

  4. Die Schulpolitik muss sich die kritische Frage stellen, ob sie mit hyperaktiver Innovationsrhetorik und mit fortschreitenden Liberalisierungen im Schulbereich nicht den falschen Weg eingeschlagen hat. Die Liberalisierungen einer Freigabe der Fächer, der Inhalte und der Notengebung scheinen jedenfalls der falsche Weg zu sein. Vielmehr ist es notwendig, in den Lehrplänen die wichtigen Kerninhalte festzulegen und über die Schuljahre hinweg miteinander zu verschränken.

  5. Die Schulen und die Lehrer sollten die Konsequenz ziehen, den Schülern mehr zuzutrauen und ihnen mehr abzuverlangen . Natürlich ist es für die Erzieher in der Schule - ebenso wie im Elternhaus - bequemer, Kindern nachzugeben und Spaß zu bereiten. Aber schulische Bildung geht nicht ohne Anstrengung. Heranwachsende müssen und wollen in Anspruch genommen werden
  1. Es kann keine Bildungsoffensive ohne Erziehungsoffensive geben. Die Eltern müssen mehr Anteil nehmen am Lern- und Arbeitsverhalten ihrer Kinder. Die Schulen kommen nicht voran, wenn die Eltern in Sachen Hausaufgaben, Medienkonsum, Zubettgehzeiten und Ernährung die Zügel schleifen lassen und Versuchen der Schule, auf Leistung und Disziplin zu bestehen, zunehmend mit Misstrauen begegnen. Unter den Eltern von Migrantenkindern muss eine Bildungswerbung stattfinden, dass sie ihre Kinder in weiterführende Schulen schicken.
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Für den Inhalt verantwortlich: Waltraud Fuchs (DL)

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