DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - PRESSEERKLÄRUNG  

Bonn, 4. März 2003

Lehrerverband zur aktuellen PISA-Auswertung:

"Die interessantesten Daten sind nach wie vor nicht veröffentlicht"

Zu der am Montag bekannt gewordenen, 80-seitigen Zusammenfassung der dritten PISA-Auswertung stellt der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL), Josef Kraus, fest:
1.
Die interessantesten Ergebnisse sind in dieser Zusammenfassung erneut nicht enthalten, nämlich die Leistungsdaten der Hauptschulen, Realschulen und Gesamtschulen im innerdeutschen Vergleich. Nachdem im Frühsommer 2002 die Ergebnisse der Gymnasien im Vergleich der Bundesländer vorgelegt worden waren, wäre es nun an der Zeit und möglich gewesen, auch die Daten der nichtgymnasialen Schulformen zu veröffentlichen. Man kann nur hoffen, dass dies in der angekündigten 400 Seiten umfassenden Gesamtstudie erfolgt. Andernfalls drängt sich der Eindruck auf, es könnten Daten aus politischen Opportunitätsgründen zurückgehalten werden.
2.
Interessant ist, dass das Max-Planck-Institut für Bildungsforschung hier erstmals Referenzdaten aus Schulstudien von 1968/69 heranzieht. Demnach sind im Bereich Gymnasien vor allem die beiden Stadtstaaten Hamburg und Bremen dramatisch zurückgefallen, während sich Bayern in der Spitzenposition behauptete.
3.
Völlig unzulässig ist die Behauptung einiger erster Interpreten, die Notengebung in den Schulen sei willkürlich. Wenn Schüler mit ein und derselben PISA-Testleistung in den Schulzeugnissen in Mathematik unterschiedliche Noten haben, so ist dies zunächst völlig erwartungsgemäß, denn in PISA wurden nicht konkrete Schulleistungen gemessen, sondern Basisqualifikationen. Im Grunde entspricht das der Tatsache, dass Schüler mit vergleichbarem Intelligenzquotienten sehr unterschiedliche Noten haben können. Näher zu analysieren ist vielmehr die Frage, inwieweit die Notengebung von Bundesland zu Bundesland differiert. Aus der TIMS-Studie und aus der Erfahrung mit Schülern, die während ihrer Schullaufbahn das Bundesland wechseln, weiß man hinreichend, dass dies der Fall ist. Zudem ist die Variabilität in der Notengebung vor allem in Bundesländern mit relativ unverbindlichen Lehrplänen und ohne zentrale Abschlussprüfung besonders ausgeprägt. Es ist also dringend notwendig, die Erarbeitung von bundesweit akzeptierten Standards zu forcieren und neben Jahrgangsstufentests landeseinheitliche zentrale Abschlussprüfungen zu etablieren.   
4.
Spätestens jetzt müsste klar sein, dass es den Bundesländern in unterschiedlichem Maße gelingt, Migrantenkinder schulisch zu integrieren. Wenn Migranten schulisch vor allem in den süddeutschen Ländern erfolgreicher sind, dann ist das eindrucksvoller Beweis gegen die immer wieder aufgetischte Behauptung, Bayern und Baden-Württemberg mit ihren gegliederten Schulsystemen würden sozial selektieren.
5.
Besorgniserregend ist der Befund, dass die Schüler der neuen Länder signifikant seltener bereit sind, gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen. Dies muss ein nachhaltiger Impuls für alle Erzieher in den ostdeutschen Elternhäusern und Schulen sein.
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Für den Inhalt verantwortlich: Waltraud Fuchs (DL)

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