DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL
       

 Gespräch mit Josef Kraus aus der "Stuttgarter Zeitung" vom 7. Dezember 2010

"PISA macht unsere Kultusminister doch besoffen"

Heute wird die Studie zum internationalen Schulvergleich vorgestellt.
Josef Kraus vom Lehrerverband übt vorab schon Kritik. 



Der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Josef Kraus, meint, Politiker sollten nicht auf die Ranglisten von Pisa starren. Sie sollten sich lieber um überfüllte Klassen kümmern.

Herr Kraus, wem verdanken wir die leichten Erfolge bei der Lesekompetenz?

Dass wir bei Pisa Fortschritte machen, überrascht nicht. In früheren Studien haben wir uns bei Mathematik und den Naturwissenschaften verbessert, da liegen wir vor Schweden. Beim Lesen haben wir immer noch vergleichsweise schwache Ergebnisse, das liegt auch an unserem hohen Anteil an Migranten mit schwachen Deutschkenntnissen. Andere Einwanderungsländer wie Kanada, USA, Frankreich und Neuseeland haben es da leichter.

Hat die Leseförderung etwas gebracht? Waren es die Bildungsreformen?

Die Verbesserungen kann man nicht auf eine Maßnahme zurückführen. Schule ist ein komplexes System, dreht man eine Stellschraube, ändert sich nicht viel. Sicher spielt die Leseförderung eine Rolle. Vor Pisa 2000 hatten wir vor allem die Textanalysen, Zusammenfassungen und Nacherzählungen. Heute haben wir eine neue Aufgabenkultur, das Literacy-Konzept. Dabei geht es um die Informationsentnahme aus Texten, Statistiken und Grafiken.

Ist das nicht ein schöner Erfolg von Pisa und der Bildungsforschung?

Der Hauptgewinn der Pisa-Studien liegt sicher darin, dass die Bildungsdebatte intensiver geführt wird. Aber die Testerei hat negative Begleiterscheinungen. Sie führt oft zu einer hysterischen Debatte, es wird viel gequatscht, falsche Vergleiche werden gezogen. Nehmen Sie das angeblich vorbildliche Finnland. Das lässt sich mit uns überhaupt nicht vergleichen. Da haben Sie 18-köpfige Klassen und einen Migrantenanteil von 1,2 Prozent. Bei uns liegt er um das 15-Fache höher. Finnland scheint das gelobte Land zu sein. Aber dort hat man eine hohe Arbeitslosigkeit unter Jugendlichen sowie hohe Alkoholiker- und Suizidraten.

Sind unsere Politiker fixiert auf Pisa?

Die Gefahr der Pisa-Debatte liegt darin, dass wir zu einem einseitigen Verständnis von Bildung kommen. Bildung ist nur noch das, was Pisa misst. Es gibt Anzeichen dafür, dass unsere Kinder auf Tests getrimmt werden. Alles, was sich in denen nicht widerspiegelt - die ästhetische, historische, politische und ethische Grundbildung - wird beiseitegeschoben. Die Kultusminister sind ein bisschen von Rankingplätzen und Quoten besoffen, obwohl uns das nicht weiterbringt. Erstens schwankt die Zahl der an Pisa teilnehmenden Nationen, es waren mal 29, jetzt sind es 60. Die Rankingplätze sagen wenig, aber die Politik hat"s gerne einfach nach dem Motto: "Jetzt sind wir wieder drei Plätze vorgerückt." Zweitens sind die wahren Probleme andere: die Größe der Klassen mit 29 bis 30 Kindern an Gymnasien und Realschulen, der Unterrichtsausfall und der Lehrermangel.

Migrantenkinder hinken beim Schulerfolg hinterher? Wie kann man es ändern?

Der Staat hat eine Bringschuld, aber die Migranten haben eine Holschuld. Oft mangelt es an der Bereitschaft, Bildung anzunehmen. Man müsste die Bildungsberatung für die Eltern schon vor der Einschulung zur Pflicht machen. Der Deutscherwerb sollte stärker obligatorischen Charakter erhalten. Vor der Einschulung sollte es Sprachstandtests gebe. Wir haben aber auch zu wenig Angebote für Deutsch als Fremdsprache an unseren Schulen. Es gibt ja tolle Beispiele der Integration. An meinem Landgymnasium in Niederbayern haben wir seit einigen Wochen eine Schülersprecherin türkischer Herkunft.


Das Gespräch führte Christoph Link.
 


© 2010 Deutscher Lehrerverband (DL) - Burbacher Straße 8 - 53129 Bonn - Tel. (02 28) 21 12 12 - FAX 21 12 24  DL-Home Seitenanfang