DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL
       

"Frankfurter Neue Presse" vom 9. Dezember 2010

"Schluss mit Kuschelpädagogik"

Nach der Kritik an deutschen Lehrern wegen des Pisa-Resultats bezieht Lehrer-Präsident Josef Kraus im FNP-Interview Stellung


Haben die deutschen Lehrer nichts drauf?


JOSEF KRAUS: Das ist Stammtischgerede. Am Bildungserfolg sind viele beteiligt, und wenn es nicht klappt, sind viele schuld. Das gilt für das Elternhaus. Wir bekommen keine Bildungsoffensive ohne Erziehungsoffensive. Das gilt auch für die Anstrengungsbereitschaft und die Eigenverantwortung der Schüler. Das gilt für die Bildungspolitik. Und das gilt selbstverständlich auch für die Lehrer. Aber eine einseitige Schuldzuweisung an die Lehrer, wie wir sie aus der Ecke der OECD (die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung führt die Pisa-Studie durch, Anm. d. Red.) wieder hören, ist unseriös.

Was halten Sie denn von der Kritik aus Reihen der Politiker? Der sächsische Kultusminister Roland Wöller (CDU) sagte beispielsweise, dass nicht nur genügend Lehrer, sondern auch richtige Lehrer gebraucht würden?

KRAUS: 800 000 Lehrer in Deutschland können nicht alle Helden und Heilige sein. Das ist in jedem Berufsstand so. Mein Problem ist zunächst mal, dass es uns an der Zahl an Lehrern in bestimmten Fachbereichen fehlt. Das wirkt sich natürlich auch in der Schule aus. Sie fehlen uns in Mathematik, den Naturwissenschaften, in beruflichen Schulen in Elektro- und Informationstechnik, in kaufmännischen Fächern. Das ist zunächst ein Zahlenproblem. Wenn ich nicht genügend Bewerber habe, dann kann ich auch keine Bestenauslese mehr betreiben. Der Lehrerberuf muss ideell als auch materiell wieder attraktiver werden. Das heißt, der Beruf muss in Deutschland auch mal in ein positives Licht gerückt werden, mehr Ansehen genießen, wie in anderen Ländern. Und es muss mal Schluss sein mit den Diskriminierungen von Lehrern, wie wir es aus dem Munde von Gerhard Schröder und anderen Spitzenpolitikern gehört haben. Wir müssen den Lehrerberuf auch materiell so ausstatten, dass 28-jährige Leute sagen: Ich gehe in die Schule und nicht in die Wirtschaft. Viele unserer jungen Lehrer müssen sich als Referendare mit 900 oder 950 Euro durchschlagen, die als Mathe- oder Physiklehrer in der Wirtschaft ein Einstiegsjahresgehalt von 40 000 oder 42 000 Euro geboten bekommen. Die sind für die Schule verloren.

Wir müssen außerdem eine gezielte Personalplanung bekommen. Da haben unsere Bundesländer faktisch versagt. Es muss klipp- und klar gesagt werden, wo Lehrer gebraucht werden und wo nicht. Wir müssen überdies eine konkrete Werbung bei unseren Abiturienten machen. Das ist die Aufgabe von Schulleitern. Ich mache das als Leiter eines Gymnasiums. Aber da kriege ich manchmal die Antwort: «Ich schlage mich nicht so lange mit einem Volk herum, wie wir es waren.»

Liegt nicht im Hochschulsystem der Hund begraben? Ist das Lehramtstudium nicht die letzte Rettung für alle, die nach der Schule nicht wissen, wo ihre berufliche Zukunft liegt?

KRAUS: Ich würde mir wünschen, dass für einen Lehramtsstudenten vor Beginn des Studiums oder spätestens nach dem zweiten Semester eine Eignungsberatung gemacht wird. Ich kann mir als diplomierter Psychologe zwar schlecht einen Eignungstest vorstellen. Da ist der Lehrerberuf viel zu komplex. Aber ich würde mir eine Pflichtberatung mit Schulpraktika wünschen – so, dass der Student reflektiert bekommt, ob er geeignet ist oder nicht. Das wäre schon mal ein großer Fortschritt. Die Praktika müssen intensiviert werden, dass Leute nicht für 35 Jahre in den falschen Beruf stolpern.

Natürlich ist die Hochschule als erste Phase der Ausbildung eher wissenschaftlich und theoretisch orientiert. Dafür haben wir auch für die praktische Ausbildung das Referendariat. Aber ich wünsche mir an den Hochschulen Dozenten in den Bildungswissenschaften, die ein bisschen mehr Ahnung von Schulpraxis haben, als das im Moment der Fall ist. Dazu erhebe ich die Forderung, dass in der Ausbildung mehr der Praktiker als Dozent mit eingebunden sein muss.

Fehlt es nicht ohnehin an Praxiserfahrung für die Studenten?

KRAUS: Das hat damit zu tun, dass ein angehender Gymnasial- oder Berufsschullehrer erst einmal ein ganz solides fachwissenschaftliches Studium braucht. Wir haben die zweiphasige Ausbildung mit dem anschließenden Referendariat über zwei Jahre. Das sind vernünftige Strukturen, die stimmen, auch wenn man natürlich immer noch etwas verbessern kann.

Was halten Sie davon, dass Dieter Lenzen, Präsident der Universität in Hamburg, den deutschen Bildungsföderalismus als «unglaubliche Leistungsbremse» bezeichnet?

KRAUS: Das ist keine Leistungsbremse. Ich bin überzeugter Föderalist. Auch deshalb, weil der Föderalismus wenigstens ein Minimum an Wettbewerb zwischen den 16 Bundesländern garantiert. Mal anders ausgedrückt: Hätten wir Bildungszentralismus, dann hätten wir bei Pisa überall Ergebnisse wie in Bremen, Hamburg und Berlin. So hat immerhin der Bildungsföderalismus erreicht, dass wir in Deutschland in einer stattlichen Anzahl an Bundesländern wie Baden-Württemberg, Bayern oder Sachsen wenigstens noch wissen, wo es langgehen muss.

Sie haben in einem Interview von «hausgemachten Sünden der Schulpädagogik gesprochen». Was meinen Sie genau damit?

KRAUS: Damit meine ich insbesondere den Sprachunterricht in Deutsch. Wir haben, was die Sprachschulung betrifft, das Anspruchsniveau heruntergefahren. Wir begnügen uns am Ende der Grundschule, dass wir nur 700 Wörter an Grundwortschatz haben. Wir begnügen uns an weiterführenden Schulen mit zum Teil nur drei Stunden Deutschunterricht pro Woche. Wir begnügen uns damit, dass unsere Schüler bei Sprachtests zum Teil nur Lückenteste ausfüllen müssen oder Multiple-Choice-Antworten ankreuzen müssen. Das ist mir im Sinne einer soliden muttersprachlichen Bildung einfach zu mickrig.

Was muss in politischer Hinsicht passieren, dass die deutschen Schüler im internationalen Vergleich noch besser werden?

KRAUS: Ich wünsche mir, dass man zu einem umfassenden Bildungsverständnis kommt. Bildung ist gleich Pisa – das ist mir ein zu ärmliches Bildungsverständnis. Pisa erfasst nur einen kleinen Teil von Allgemein- und Persönlichkeitsbildung. Unsere Schüler werden in vielen Bereichen geschult, die mit Pisa nicht erfasst werden. In Fremdsprachen, in geografischer, historischer, ästhetischer, religionstheoretischer Grundbildung. Nach dem Bildungsverständnis müssen die Schüler auch ein gewisses Können haben und nicht nur über vage Kompetenzen verfügen.

Als Zweites wünsche ich mir, dass man eine gezielte, differenzierte Personalplanung hat und Werbung dafür macht, so dass wir in allen Fachbereichen genügend Lehrer haben.

Und das Dritte ist, dass man den Schulen mehr als 100 Prozent, am besten 110 Prozent an Lehrerversorgung gibt. Dann könnten die Schulen Unterrichtsausfall in Zeiten von Klassenfahrten oder Krankheiten reduzieren und zusätzliche Förderkurse für schwächere Schüler einrichten, aber auch für Spitzenschüler, die auch ein Anrecht auf entsprechende Förderung haben.

Mit dem grauen Pisa-Mittelmaß der deutschen Schüler als Maßstab: Wer ist denn eher der Sündenbock? Die Pädagogen oder die Politiker? <

KRAUS: Ich will da keine eindeutigen Sündenbock-Zuweisungen vornehmen. Es müssen alle an einem Strang ziehen. Die Schulpolitik, wie ich es schon gesagt habe. Die Eltern müssen wieder mehr in die Pflicht genommen werden. Es gibt keine Bildungsoffensive ohne häusliche Erziehungsoffensive. Die Lehrer müssen aus einer hoffentlich gestärkten Autorität heraus sagen: Kuschelschule, Erleichterungspädagogik bringt nichts. Es ist den Kindern nicht geholfen, wenn man nur künstlich Quote erhöht. Wenn man ihnen nur Noten hinterherschmeißt. Schule darf auch anstrengend sein. Da müssen die Lehrer den Rückhalt in der ganzen Gesellschaft haben. Denn mit Kuschelpädagogik kommen wir nicht voran.



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