DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL
       

Aus "Landshuter Zeitung/Straubinger Tagblatt" vom 9. Dezember 2010

REPORTAGE UND HINTERGRUND

Bildung ist mehr als das, was messbar ist

Der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Josef Kraus, mahnt angesichts des PISA-Hypes zu mehr Gelassenheit -
Schuldrill wie in Hongkong nicht wünschenswert



Von Georg Soller



Am Tag eins nach der Veröffentlichung der PISA-Studie stand gestern bei Josef Kraus das Telefon kaum still: Die ZDF-Heute-Redaktion, stern-TV, verschiedene Radio-Sender und Zeitungsredaktionen wollten seine Meinung zur vierten Auflage des internationalen Schultests hören. Der wortgewaltige Direktor des MontgelasGymnasiums in Vilsbiburg, der zugleich Präsident des Deutschen Lehrerverbandes ist, hat schon vor fünf Jahren mit seinem Buch "Der PISA-Schwindel - Unsere Kinder sind besser als ihr Ruf" kund getan, dass er den politischen Hype um die Studie für übertrieben hält.

"Man sollte PISA gelassen als das sehen, was es ist: ein Test, der einen kleinen Ausschnitt aus dem schulischen Lerngeschehen misst", sagte er. Eben das, was messbar ist. Unberücksichtigt bleiben zentrale Lerninhalte wie die historische, geographische, ethische oder ästhetische Grundbildung. "Für mich sind die PISA-Tests näher am Intelligenztest. Als Schulleistungstest oder Bildungstest sind sie weniger geeignet", sagte er, weshalb die Rankings auch wenig Aussagekraft hätten. Die Persönlichkeit und die Allgemeinbildung seien nicht so einfach messbar.

Und trotzdem beherrscht das Thema seit Dienstag den Nachrichtenmarkt. "Die Kultusminister sind ein bisschen von den Rankingplätzen und Quoten besoffen, obwohl uns das nicht weiterbringt", sagte Kraus. Eher im Gegenteil: Als Folge des sogenannten PISA-Schocks aus dem Jahr 2001 - das Land der Dichter und Denker lag damals im internationalen Vergleich auf Rang 21 von 32 - wurden viele Prüfungsmethoden "PISA-konform" umgestellt, was bis heute zu einem mehr oder weniger verarmten Bildungsverständnis führte, wie Kraus meint. Er bezeichnet dies als "Kollateralschaden durch die PISA-Debatte" und macht dies am Fach Deutsch beispielhaft fest. Früher mussten die Schüler die Sprache selbst anwenden, Aufsätze, Textanalysen oder Zusammenfassungen schreiben. Durch PISA und das dort angewandte Literacy-Konzept genüge es, wenn die Kinder "Lückentexte zustöpseln können". Das sei deshalb so, weil die aktive Nutzung der Sprache wissenschaftlich schwer messbar sei.

Kraus räumte ein, dass die Lesefähigkeit auch bei Realschülern und Gymnasiasten im Durchschnitt tatsächlich mittelmäßig sei, "das wüsste ich aber auch ohne PISA". Dass dies so ist, führt er auf einige "schulpolitische Sünden" zurück wie etwa den Umstand, dass der Grundwortschatz an den Grundschulen auf 700 Wörter reduziert wurde (1285 Wörter sind erforderlich, um zwischen 85 und 90 Prozent der normalen Texte lesen zu können), und dass auf viele Pflichtlektüren verzichtet wurde und statt dessen im Unterricht nur noch mit fotokopierten Textauszügen gearbeitet werde. Er sehe ein, dass eine moderne Schule mit Computern ausgestattet werden müsse, sagte er, "aber ich würde mir wünschen, dass mit dem gleichen Elan die Schulbibliotheken ausgestattet würden". Das Montgelas-Gymnasium zum Beispiel stehe mit der von ihm betreuten Stadt- und Kreisbibliothek auf dem Schulgelände sehr gut da, und er sei stolz auf das, was hausintern für die Leseförderung gemacht werde: "In manchen anderen Schulen stehen ein paar Hundert Bücher in einem fensterlosen Raum." Doch wenn Bundesbildungsministerin Annette Schavan jetzt 26 Millionen Euro für Schulbibliotheken in Aussicht stellt, dann bleiben, so klagt Kraus, für jede Schule wieder nur ein paar Tausend Euro. Dabei sei die Lesefähigkeit nachgewiesenermaßen entscheidend für den Schulerfolg. "Kinder, die viel lesen, sind in der Schule erfolgreicher. Kinder, die viel glotzen, sind weniger erfolgreich." Die Grundlagen dafür würden bereits im Vorschulalter gelegt, wenn den Kindern durch Vorlesen die Lust an den Geschichten und damit der Sprache geweckt wird. "Da würde ich die Eltern gerne in die Pflicht nehmen."

In einem Punkt wirft Kraus den PISA-Verantwortlichen vor, unsauber zu arbeiten. Er hält es für eine unzulässige Interpretation, aus den Test-Ergebnissen von 15-Jährigen einen Zusammenhang von Abstammung und Bildungserfolg herzustellen: 15-Jährige stecken in Deutschland mitten in ihrer Bildungslaufbahn. Die PISA-Forscher hätten seit Jahren "eine eklatante Ignoranz gegenüber der erfolgreichen vertikalen Durchlässigkeit des deutschen Bildungswesens" an den Tag gelegt. Denn immerhin 43 Prozent der Studienberechtigten in Deutschland hätten nie ein Gymnasium besucht, sondern über M-Zug oder Berufsausbildung und Fachoberschule ihre Hochschulreife erlangt. Gerade diese Möglichkeiten würden Kinder mir Migrationshintergrund oder sogenannte Spätstarter häufig nutzen: "Aber durch PISA wird das Gymnasium zum Maß aller Dinge gemacht."

Dies alles erinnere ihn fatal an die bis 1999 überwiegend ideologisch geführte Debatte um Schulgerechtigkeit, meinte Kraus. Damals hätten die Wortführer der linken Schulideologien auch zu verhindern versucht, dass Vergleichstests wie PISA durchgeführt wurden: "Die wollten die Wahrheit nicht wissen", sagte er. Diese sei durch den mit PISA-E möglichen Bundesländervergleich im Jahr 2002 nachweisbar geworden: "Es gab in Deutschland ein Süd-Nord-Gefälle in Sachen Bildung mit einem Wissensunterschied von bis zu zwei Jahrgangsstufen." Und der Umstand, dass der nach Leistungsfähigkeit der Schüler differenzierte Unterricht den Kindern in ihrer Individualität auch helfen könne, werde durch den Vorwurf mangelnder Bildungsgerechtigkeit diffamiert. "Eine moderne bayerische Hauptschule ist in sich ein viergliedriges Schulsystem zwischen M-Zug und Praxisklasse."

Die Hauptschulen hätten natürlich das sozial schwierigste Schülerklientel, sagte Kraus, aber sie seien derzeit am besten mit Lehrerstunden und Sozialpädagogen ausgestattet. Dass die von der Schröder-Regierung für die Einrichtung von Ganztagsklassen an Hauptschulen zur Verfügung gestellten 600 Millionen Euro in Bayern vor allem zum Bau der Mensen für das G8 verwendet wurde, hält Kraus deshalb für einen Fehler: "Gesellschaftspolitisch hätten das die Hauptschulen nötiger gehabt."

Auf den internationalen Vergleich angesprochen sagte Kraus, dass man sich bei der Bewertung die unterschiedlichen Rahmenbedingungen ansehen müsse. Mit Norwegen, Schweden und Dänemark könnten die deutschen Ergebnisse mithalten. Den Drill, wie er an den Schulen der topplatzierten Länder Schanghai, Südkorea oder Hongkong herrsche, würde er sich für Deutschland nicht wünschen: "Da würden unsere Pädagogen aber aufschreien." Auch die Umstände der oft als vorbildlich bezeichneten Finnen seien nur schwer mit deutschen Verhältnissen zu vergleichen - Klassenstärken mit 18 Schülern und 1,2 Prozent Ausländeranteil, damit falle der Unterricht schon leichter. Überraschenderweise beklagen die Finnen eine Jugendarbeitslosigkeit von 22 Prozent und Probleme mit Jugendalkoholismus: "So toll kann das nicht sein".



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