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Interview mit Josef Kraus aus dem "Südkurier" vom 8. Dezember 2010

"Nur ein kleiner Ausschnitt"

Josef Kraus ist Präsident des 160 000 Mitglieder umfassenden Deutschen Lehrerverbandes. Von Beginn an hat der heute 61-jährige Oberstudiendirektor eines Gymnasiums in Vilsbiburg/Bayern die Pisa-Studien kritisiert. Er bleibt bei seiner Haltung.

Herr Kraus, Sie sind immer ein Kritiker der OECD-Pisastudien gewesen. Sind Sie jetzt versöhnt, nachdem die Zahlen für Deutschland besser geworden sind?

Nein, denn die OECD hat nach wie vor wenig Ahnung vom deutschen Schulwesen. Sie vernachlässigt die vielen Möglichkeiten, die es bei uns gibt. Etwa in der Berufsausbildung oder beim zweiten Bildungsweg. Die OECD verbreitet ein einseitiges Bildungsverständnis und unterliegt einem Quotenfetischismus.

Die Zahlen zeigen immerhin eine positive Tendenz für Deutschland. Können Sie die im Schulalltag beobachten?

Die Pisastudie misst nur einen kleinen Ausschnitt der Wirklichkeit und des Wissens an den deutschen Schulen. Sie erfasst nicht die Allgemeinbildung, die ethische und ästhetische Grundbildung oder Fächer wie Geographie. Ich sehe in den Schulen eher gewisse Kollateralschäden der Pisa-Messerei, indem nämlich die Schüler sehr auf solche Tests hingetrimmt werden.

Seit Jahren stellt die Pisastudie bei den deutschen Kindern eine besondere Schwäche beim Leseverständnis fest. Was muss da geschehen?

Dass wir beim Leseverständnis schlechter abschneiden als in Mathematik oder den Naturwissenschaften hat eine einfache Erklärung: Diese Fächer sind nicht so sehr sprachgebunden. Wir haben in Deutschland aber wegen der sprachlichen Parallelgesellschaften eine besonders schwierige Situation. Von den 20 Prozent Schülern, die nur das unterste Pisa-Niveau erreichen, sind überproportional viele Migrantenkinder. Das ist die Folge einer verfehlten Integrationspolitik. Wenn ich das viel gelobte Finnland betrachte: Dort hat man diese Herausforderung nicht, weil es viel weniger Migranten gibt. Da kann man dann natürlich besser abschneiden als Deutschland.

Also ist eigentlich alles in Butter im deutschen Schulsystem?

Nein. Aber die tatsächlichen Probleme des deutschen Schulwesens werden durch Pisa nicht erfasst. Zum Beispiel nicht, dass wir nach wie vor viel zu viele Klassen mit über 30 Schülern haben. Oder dass es ein gravierendes Problem beim Lehrernachwuchs in den allgemeinbildenden Schulen in den naturwissenschaftlichen Fächern gibt und an den berufsbildenden Schulen in den technologischen und kaufmännischen Fächern. Das sind weit wichtigere Fragen als eine Verbesserung um zwei oder drei Plätze in der Pisa-Tabelle. Die Kultusminister müssen endlich ein Konzept für die Nachwuchswerbung bei den Lehrern auf den Tisch legen.

Fragen: Werner Kolhoff, Berlin



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