DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL
       

Aus "Die Tagespost" vom 10. Dezember 2010


PISA-Hysterie - die siebte

Typisch deutsche Selbstbezichtigung und gouvernantenhafte Patentrezepte - Dagegen ist nicht einmal das Kraut der Fakten gewachsen.


Von Josef   K r a u s
 Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL)

Die Zahl der quasi-amtlichen „PISA“-Bände nähert sich mittlerweile den zwei Dutzend. Sonderberichte einmal vernachlässigt, gab beziehungsweise gibt es nunmehr sieben PISA-Studien: jeweils eine internationale und eine innerdeutsche für die Testungen 2000 (Schwerpunkt: Leseverständnis), 2003 (Mathematik) und 2006 (Naturwissenschaften). Jetzt kamen exakt zehn Jahre nach der Durchführung des ersten PISA-Tests die Ergebnisse der 2009er Testung, erneut mit Schwerpunkt Leseverständnis, in die Öffentlichkeit. Und siehe da: Es gab wieder eine – wenngleich gegenüber früher – leicht abgeschwächte veröffentlichte beziehungsweise öffentliche Hysterie. Bereits Tage vor dem 7. Dezember 2010, dem Termin der offiziellen Bekanntgabe der Ergebnisse, brachten sich Medien, Politiker und andere „Experten“ in Stellung. Während die einen noch recht realistisch annahmen, dass sich Deutschland leicht verbessert hätte, glaubten andere bereits zu wissen, dass Deutschland noch meilenweit von der PISA-Spitze entfernt sei. So prasselten denn schon vor dem 7. Dezember und vermehrt danach larmoyant-aggressive Diagnosen typisch deutscher Selbstbezichtigung und gouvernantenhafte Patentrezepte wie ein saurer PISA-Regen über das Land hernieder. Ein „grüner“ Bundesvorsitzender etwa tönte, die aktuellen PISA-Ergebnisse seien eine Ohrfeige für das gegliederte Schulwesen. Links-Gewerkschaften hatten reflexhaft sofort den ach so rückständigen, freilich in der Vergangenheit regelmäßig bestätigten innerdeutschen PISA-Sieger Bayern im Visier. Der DGB-Vorsitzende war sich drei Tage vor dem 7. Dezember bereits sicher, dass PISA beweise, wie überaus unrecht Deutschland sei.

Das Thema Migranten ist in Deutschland eigen gelagert

Gegen all diese klassenkämpferischen Parolen scheint nicht einmal das Kraut der Fakten gewachsen. Denn bei Ideologen triumphiert allemal die Gesinnung über die Urteilskraft. Lassen wir dennoch Fakten sprechen. Deutschland war bei PISA 2000 knapp im Mittelbereich gelandet. Bei PISA 2003 und 2006 machte Deutschland einen guten Schritt nach vorne; es landete im oberen Mittelfeld und teilweise sogar im vorderen Viertel. Selbst hochgerühmte Bildungsländer wie Schweden konnte Deutschland damals bereits hinter sich lassen. Mit PISA 2009 nun setzte sich dieser Trend fort. In der Mathematik und den Naturwissenschaften landeten die Schüler in Deutschland jetzt im vorderen Viertel, im Test Leseverständnis etwas schwächer, nämlich exakt in der Mitte.

Apropos „deutsche Schüler“ versus „Schüler in Deutschland“: Es wird im Kontext mit PISA üblicherweise vom Ergebnis der deutschen Schüler gesprochen. Das ist nicht ganz korrekt. Richtig wäre es zu sagen: „Schüler in Deutschland“ haben so oder so abgeschnitten. Warum? Weil von den getesteten Schüler gut 20 Prozent einen Migrationshintergrund und oft keine deutsche Staatsangehörigkeit haben. Wie auch immer, das ist jedenfalls maßgeblich der Grund dafür, warum Deutschland nun aktuell beim Leseverständnis ein nur mittleres Ergebnis und in den weniger sprachgebundenen Testbereichen der Mathematik beziehungsweise der Naturwissenschaften ein recht gutes Ergebnis erzielte.

Alles in allem sind dies Ergebnisse, die weder zu kollektiver Depression noch zu stolzem Klopfen auf die eigenen Schultern Anlass geben. Vielmehr wären im Kontext mit PISA erneut – wie schon früher – Gelassenheit und Rationalität angesagt. Letztere Haltungen sind dringend geboten, wie so manche Ursachenanalyse und so mancher Therapievorschlag der letzten Tage anzeigt. Sechs Schwerpunkte seien gesetzt. Erneut befleißigten sich manche Interpreten der hartnäckigen Hinweise auf die sogenannten Siegerländer im fernen Asien, auf Kanada und auf Finnland. Das hilft nicht weiter, weil hier etwas zum Vergleich herangezogen wird, was nicht vergleichbar ist oder was man in Deutschland kaum haben möchte. Die „Sieger“ Südkorea, Japan, Singapur und Hongkong etwa praktizieren eine Schule, die viel mit Drill, aber wenig mit modernen europäischen Vorstellungen von Erziehung zu tun hat. Kanada hat Migranten, die mit den Bildungsergebnissen der einheimischen Bevölkerung problemlos mithalten können, weil es sich dabei um Familien handelt, die zu zwei Dritteln aus der Business Class zugewandert sind. Finnland schließlich hat überhaupt nur knapp zwei Prozent Migranten und zudem unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen eine Arbeitslosenquote von mehr als 20 Prozent. Insofern gibt es gerade in diesen Ländern Umstände, die man in Deutschland nicht hat oder aus gutem Grund nicht haben will. Das heißt nicht, dass das deutsche Bildungswesen sich mit seinen erschwerten Umständen abfinden sollte. Allerdings muss klar sein, dass Schule restlos überfordert ist, allein als Schule eine in Teilen nicht unproblematische Zuwanderungsklientel gesellschaftlich zu integrieren.

Abseits dieser Migrationsprobleme bleibt zu kritisieren, dass deutsche Schulpolitik und Schulpädagogik in den vergangenen Jahrzehnten hinsichtlich Sprachschulung gravierende Sünden begangen hat. Der für die Grundschule vorgegebene Grundwortschatz wurde in der Mehrzahl der deutschen Länder minimalistisch auf nur noch 700 Wörter heruntergefahren. An die Stelle der Aufgabe, Gedanken schriftlich zu formulieren, traten mehr und mehr das Ankreuzen von Multiple-Choice-Tests und das Zustöpseln von Lückentexten. Und überhaupt wurden die Deutschstunden noch und noch abgebaut. In der Folge haben wir etwa im Bereich der Mittelstufen weiterführender Schulen oft nur noch drei Stunden Deutschunterricht pro Woche.

Es fehlt nicht an Qualität, sondern an Lehrern

Dem Leseverständnis und dem sprachlichen Ausdrucksvermögen ist damit natürlich nicht gedient. Im Gegenteil! Diese beiden Seiten sprachlicher Fertigkeiten können auch nicht allein von der Schule vermittelt werden. Mehr noch, diese beiden Fertigkeiten erfahren ihre – positive oder defizitäre – Grundlegung im Vorschulbereich, nämlich in der Familie und/oder im Kindergarten. Nehmen wir den Kindergarten: Hier müssten wir wegkommen von der Vorstellung, der Kindergarten habe eher Betreuungs-, als Bildungs- und Lernaufgaben. Und wir müssen die Eltern in die Pflicht nehmen. Schließlich gilt: Das Vorlesen und das Erzählen zu Hause, das elterliche Vorbild – das sind bereits im Vorschulalter die Mütter und Tanten der Leserziehung. Dass Bundesbildungsministerin Schavan aktuell 26 Millionen für die schulische Leseförderung angekündigt hat, setzt diese Notwendigkeit nicht außer Kraft, zumal bei 42 000 Schulen in Deutschland dann gerade eben durchschnittlich 600 Euro, also zum Beispiel rund 30 Bücher, ankämen.

Völlig daneben ist die Instrumentalisierung von PISA für eine klassenkämpferische Debatte um Bildungs-Ungerechtigkeiten. PISA testet schließlich Fünfzehnjährige und stellt für dieses Alter einen Zusammenhang zwischen Schulbesuch und sozialer Herkunft fest. Das ist aber methodologisch völlig unsauber. Eine Bildungslaufbahn ist nämlich mit 15 Jahren nicht abgeschlossen. Aufgrund der hochdifferenzierten vertikalen Durchlässigkeit (Kein Bildungsabschluss ohne Bildungsanschluss!) gibt es in Deutschland rund 50 Wege zu einer Studierberechtigung. Und es sind je nach Bundesland zwischen 42 und 50 Prozent der Studierberechtigten, die nie ein Gymnasium besucht haben. Darin wiederum finden sich Kinder aus bildungsfernen Schichten sehr stark repräsentiert. PISA gibt all dies nicht wieder.

Eher auf Stammtischebene bewegen sich die Attacken aus der Ecke OECD und mancher Kultusminister, die die – aus ihrer Sicht – schwachen Schulergebnisse Deutschlands in den deutschen Lehrern begründet sehen. Am Bildungserfolg aber sind viele beteiligt. Das gilt für das Elternhaus. Das heißt, wir bekommen keine Bildungsoffensive ohne Erziehungsoffensive. Das gilt für die Anstrengungsbereitschaft der Schüler. Das gilt für die Bildungspolitik. Und das gilt selbstverständlich auch für die Lehrer. Klar: 800 000 Lehrer in Deutschland können nicht alle Helden und Heilige sein. Das Problem aber ist, dass es uns an der Zahl an Lehrern in bestimmten Fachbereichen fehlt. Gewiss auch kann die Ausbildung der Lehrer verbessert werden. Zu denken etwa ist an mehr Praxiserfahrung der im Lehramtsstudium tätigen Professoren und Dozenten.

Wegkommen müssen wir schließlich von der Vorstellung, Bildung sei das, was PISA misst. Wir sollten uns von dem grassierenden Fetischismus der PISA-Rangplätze verabschieden können. Bildung ist viel mehr als das, was PISA misst. PISA erfasst nämlich nur einen kleinen Teil des schulischen Lerngeschehens, keineswegs aber Allgemein- und Persönlichkeitsbildung. Unsere Schüler in Deutschland werden aber in vielen Bereichen geschult, die mit PISA nicht erfasst werden, zum Beispiel in den Fremdsprachen, in geografischer, historischer, ästhetischer, religionstheoretischer Grundbildung. Außerdem sollten unsere Kinder nicht nur die „Literacy“-Kompetenz der Informationsentnahme besitzen, sondern auch über konkretes Wissen und Können verfügen.

Alles in allem: Weitergebracht hat uns PISA bislang kaum, außer dass unsere Schüler nun besser als vor zehn Jahren wissen, wie man einen PISA-Test ausfüllt. Die wahren Probleme des deutschen Schulwesens aber, nämlich die immer noch vielen Klassen mit mehr als 30 Schülern, der Unterrichtsausfall und der Personalmangel in so manchen Fachbereichen werden mit PISA nicht erfasst. Sie harren nach wie vor der Lösung. Mehr noch, diese Probleme werden von PISA eher zugedeckt.




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