DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL)
                                                                                                  

  Berlin, 04.05.2012    


aus dem Handelsblatt, 04.05.2012

Münchner Institut bereitet kommentierte Schulausgabe von Passagen von Hitlers "Mein Kampf " vor  - Zu einer verantwortungsvollen historischen Bildung gehört die kritische Auseinandersetzung mit Originalpassagen


Lehrerverband will „Mein Kampf“ bundesweit einsetzen

Bayerns Schüler sollen von 2015 Adolf Hitlers Propagandaschrift „Mein Kampf“ im Unterricht lesen. Die Lehrer finden das gut, wollen aber, dass auch Schüler in anderen Bundesländern mit dem Werk konfrontiert werden.               

Berlin Der Deutsche Lehrerverband hat die vom Freistaat Bayern geplante kommentierte Fassung von Adolf Hitlers Hetzschrift „Mein Kampf“ begrüßt und erwartet, dass das Buch auch bundesweit in Schulen zum Einsatz kommt. „Zu einer verantwortungsvollen historischen Bildung gehört zumindest in der gymnasialen Oberstufe die kritische Auseinandersetzung mit Originalpassagen von Hitlers „Mein Kampf““, sagte Verbandspräsident Josef Kraus. Insofern sei die geplante wissenschaftlich kommentierte Gesamtausgabe sowie eine speziell für Schulen konzipierte Aufarbeitung von Hitlers Schrift der richtige Weg. „Andernfalls könnte jedermann ab 2016 nach Auslaufen des Urheberrechts Hitlers Propagandaschrift unkommentiert nachdrucken und in Umlauf bringen.“

Wie Kraus sagte, ist es Aufgabe von Bildung und Erziehung, „Hitlers Hetze offenzulegen und zu entlarven“. Das gelinge am besten unter Verwendung von Originalpassagen. „Einer ideologischen Ansteckung junger Menschen kann gerade dadurch vorgebeugt werden, nicht aber durch eine Tabuisierung“, sagte Kraus. „Letztere böte gerade rechtsradikalen Rattenfängern die Chance, von der Unwissenheit junger Menschen und vom Reiz des Verbotenen zu profitieren.“

Kraus hält auch die Sorge für unbegründet, dass eine seriöse Behandlung von Hitlers „Mein Kampf“ im Unterricht nicht möglich wäre. „Die Geschichts-, Politik-, Religions-, Ethik- und Deutschlehrer an deutschen Schulen wissen um ihre Verantwortung, junge Menschen im Geiste von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit zu mündigen Bürgern zu erziehen“, sagte der Lehrerverbands-Präsident.

Bayern will mit seinen Plänen, eine wissenschaftlich kommentierte Ausgabe von „Mein Kampf“ herauszugeben, einen Missbrauch und das kommerzielle Geschäft mit der Hetzschrift verhindern. Das Werk soll 2015 auf den Markt kommen. Dann laufen die Urheberrechte des Freistaats Bayern an der Propagandaschrift aus und eine Veröffentlichung durch Dritte kann nicht mehr verhindert werden.

Die wissenschaftlichen Arbeiten für die kommentierte Ausgabe seien bereits weit fortgeschritten, erläuterte unlängst das bayerische Finanzministerium. Ziel eines solchen Standardwerks sei die Entmystifizierung von „Mein Kampf“, sagte Finanzminister Markus Söder (CSU). Neben KZ-Überlebenden und ihren Angehörigen fürchten auch Vertreter der jüdischen Gemeinden einen Missbrauch des Hass-Pamphlets etwa durch Neonazis.

Hitler hatte das Machwerk 1924 während seiner Festungshaft im bayerischen Landsberg am Lech geschrieben. Es gilt als ideologisches Grundwerk des Nazi-Terrors und wurde zu Hitlers Lebzeiten millionenfach gedruckt. Bisher hatte der Freistaat Bayern stets mit Hinweis auf sein Urheberrecht die Veröffentlichung unkommentierter „Mein Kampf“-Ausgaben gestoppt und sein Nein in Zweifelfällen auf dem Gerichtsweg durchgesetzt.

Erst vor kurzem scheiterte der britische Verleger Peter McGee vor dem Landgericht München mit seinem Vorhaben, kommentierte Auszüge aus „Mein Kampf“ in seiner historischen Wochenzeitung „Zeitungszeugen“ am Zeitungskiosk zu veröffentlichen. Er hat allerdings angekündigt, in die nächste Instanz zu gehen.

Söder räumte ein, dass vom Jahr 2016 an jedem die Veröffentlichung einer unkommentierten Ausgabe von „Mein Kampf“ erlaubt sei - „vorausgesetzt, das geschieht nicht in volksverhetzender Weise“. Es werde eine gewisse Medienaufmerksamkeit geben, die für verlegerisches Interesse an „Mein Kampf“ sorgen könnte, sagte Söder. Er hoffe, mit einer kommentierten Ausgabe solche Projekte für Verlage kommerziell unattraktiv zu machen.

Neben dem wissenschaftlich bearbeiteten Standardwerk soll das Münchner Institut für Zeitgeschichte noch mit der Herausgabe einer Schulausgabe beauftragt werden. Sie solle junge Menschen zur kritischen Auseinandersetzung mit dem Propaganda-Pamphlet anregen. „Wir wollen in allen Veröffentlichungen deutlich machen, welch großer Unsinn darin steht - allerdings mit fatalen Folgen“, sagte Söder.




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