DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL)
                                                                                                  

     

Die Tagespost, 5. Januar 2012

Wieder Leistung im Unterricht
Josef Kraus gibt der Bildungspolitik Impulse    

VON ALEXANDER RIEBEL
  

Wenn in diesen Tagen gefragt wird, was das neue Jahr denn bringen könnte, dann auf jeden Fall dies: neue Erkenntnisse in der Schulpolitik. Der Präsident der Deutschen Lehrerverbands, Josef Kraus, hat jetzt mit 33 Kernthesen Klarheit in das Bildungsgewirr gebracht. Denn die Grundfrage seit Jahrzehnten ist ja, ob die permanenten Schulreformen etwas verbessert haben. Bekommen die Schüler eine größere Allgemeinbildung, konnten sie im internationalen Vergleich besser mithalten? Kraus sieht sich von Universitäten, mittelständischen Unternehmern und Institutionen darin bestätigt, dass es nicht der Fall ist. Nicht nur sprachliche Mängel sind zu beklagen, auch Schwächen in den Naturwissenschaften und Mathematik. Und kann die Spaßschule, wie sie vor Jahrzehnten propagiert wurde, überhaupt noch zum Erfolg führen? Für Kraus ist die gegenwärtige Bildungspolitik eine Ersatzreligion. Denn in der Schulpädagogik erlebten wir „permanent einen Triumph der Ideologie über das Urteilsvermögen“. Die „Bildungspolitik erscheint damit als Ersatzreligion, als Sozial- und Zivilreligion mit keinem geringeren Anspruch als dem der totalen Gerechtigkeit“. Worauf es Kraus aber ankommt, ist die Unterschiedlichkeit der Menschen zu akzeptieren, das wäre eine Bereicherung für die gesamte Schulsituation. Denn mit Bildungsbiographien darf nicht experimentiert werden. Darum wäre das Aussetzen von Reformen auch eine Reform.

Punkt eins auf dem Weg zur Bildungsnation Deutschland lautet also: „Bildung ohne Anstrengung geht nicht.“ Denn Bildung und Lernen geht nie ohne Anstrengung, auch wenn die Wohlfühlpädagogik das anders sehe. Nicht nur weil die Fähigkeiten der Schüler unterschiedlich sind, ist Anstrengung nötig, sondern die Unterhöhlung des Leistungsprinzips setze auch „eines der revolutionärsten demokratischen Prinzipien außer Kraft“. Nur in unfreien Gesellschaften werde Gleichheit gefördert, in höhere Positionen gelangt man durch gleiche Gesinnung, Geburtsadel und Geldbeutel. Freie Gesellschaften dagegen kennen Leistung, Erfolg und Aufstieg. Die Schule kann also kein Ort der Herstellung von Gleichheit sein. Sondern ihre Aufgabe ist die Förderung von Freiheit und Verschiedenheit. Und da schreibt Kraus ganz eindeutig: „Es ist nun einmal das unüberwindliche Dilemma des pädagogischen Egalitarismus: Egalitäre Schulpolitik erzielt vermeintliche Gleichheit allenfalls durch Absenkung des Anspruchsniveaus.“ Die die Senkung des Niveaus würden aber gerade Schüler aus schwierigen Milieus in ihren „restringierten Codes“ festgelegt. Es geht also um Förderung durch Differenzierung, nicht etwa durch Auslese oder Selektion, wie häufig im Vorwurf ideologisierender Bildungspolitik zu hören ist. Dass Begabung und Intelligenz in Misskredit gerieten, führt Kraus auf die britischen tabula-rasa-Theorien zurück, die in Anlehnung an John Locke in der modernen Verhaltenslehre eines Skinner oder Watson das Bewusstsein des Kindes für ein unbeschriebenes Blatt halten, in das sich die äußeren Einflüsse einschreiben. Menschen kommen aber unterschiedlich auf die Welt und müssen nach Kraus dementsprechend gefördert werden, wozu auch Zeugnisse und Noten gehören. Die angeblichen Alternativen zu den Ziffernnoten hält der Autor nicht für zureichend, weil sie entweder geschönte Verbalgutachten seien oder wegen ihrer Formulierung die Eltern zu Fragen an die Lehrer veranlassten. Der Stress durch Noten und Anstrengung sei sogar bis zu einem gewissen Grad lernfördernd und lebensverlängernd. Hierzu gibt der Buchautor interessante Hinweise. Aus den bisherigen Argumenten folgt, dass die Einheitsschule in Deutschland scheitern musste. Darum gibt es auch keinen Grund, sie unter dem anderen Namen der Gemeinschaftsschule oder Stadtteilschule wieder aufleben zu lassen.

Das Überzeugende an dem Büchlein ist, dass Josef Kraus nichts auslässt. Kein Punkt, der in der Bildungspolitik eine Rolle spielt oder von der öffentlichen Diskussion besetzt wird, kommt zu kurz. Dazu gehört auch die vierjährige Grundschulzeit, das sei genug. Sechs Jahre Grundschule sei nur eine Lernbremse, der Wissensrückstand beträgt nach sechs Jahren immerhin schon eineinhalb Jahre. Die leistungsstarken Schüler haben das Nachsehen. Kraus schätzt den Blick der Grundschullehrer auf die Leistungen der Schüler hoch ein und kommt zu dem Ergebnis, dass Grundschüler mit wenigen guten Noten in Deutsch und Mathematik als befriedigend auch kaum den Weg zum Abitur schaffen. Und eine Abschaffung verbindlicher Übertrittsempfehlungen zum Gymnasium verstärkt nach verschiedenen Studien sogar die sozialen Unterschiede, wobei die Integration von Migrantenkindern ausdrücklich als Bildungsaufgabe bezeichnet wird. Auch der „Abiturwahn“ wird zum Thema. Besonders skurril sind die Auswüchse mit einem Blick auf Großbritannien, wo sogar Friseure einen Bachelor-Abschluss brauchen. Interessant ist auch die Meinung des Autors, die Ganztagsschule sei der Halbtagsschule an schulischer Leistung keineswegs überlegen. Grundsätzlich ist das Elternhaus die idealere Lösung, wo in der Familie mit Natur und Kultur die unmittelbarste Berührung geschieht. Die Bildungspolitiker sind aufgerufen, all diesen Erkenntnissen gerecht zu werden und die Reformpädagogik zu entzaubern. Bildungs- und Erziehungsoffensive müssen dabei Hand in Hand gehen. Man darf gespannt sein, ob dieses Jahr eine Besserung der Lage bringt.

Josef Kraus: Bildung geht nur durch Anstrengung. Wie wir wieder eine Bildungsnation werden können. Classicus Verlag 2011, 100 Seiten, ISBN 978-3-942848-27-5, EUR 9,90

 

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