DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - PRESSEERKLÄRUNG  

Bonn,  6. August 2004            

Lehrerverbandspräsident Kraus zur Rückkehr der Häuser "Springer" und "Spiegel" zur herkömmlichen Rechtschreibung

"Den Schulen droht das orthographische Abseits"


Zur angekündigten Rückkehr der Axel Springer AG und des Spiegelverlags zur herkömmlichen Rechtschreibung sagte Josef Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL), in einer ersten Stellungnahme:

„Offenbar haben es weder die Politik noch die Sprachkommissionen in den vergangenen 17 Jahren seit Beginn des Reformprozesses verstanden, eine in breiten Schichten der Bevölkerung akzeptierte Rechtschreibreform zu konzipieren. Insofern war es zu erwarten, daß die Frage der Rechtschreibreform über kurz oder lang an der Schule vorbei vom Medienmarkt entschieden wird.

Für die Schule bedeutet das, daß diese bei einem Festhalten der Politik an der Rechtschreibreform mehr und mehr ins orthographische Abseits gerät. Es kann aber nicht Sinn von Schule sein, etwas zu lehren, was außerhalb der Schule kaum noch oder gar nicht mehr gilt. Schließlich lernen die Schüler nicht für die Schule, sondern für das Leben.

Auch wenn Teile der Reform schulisch umsetzbar waren, ist die Rechtschreibung in den Jahren seit Einführung der Reform kaum leichter geworden; vielmehr hat sich in der Schreibung eine gewisse Beliebigkeit eingeschlichen, und es sind neue Fehler hinzugekommen. Solide Studien, die die Erleichterungsthese gestützt hätten, gab es nicht. Die Zahl der Rechtschreibfehler in Aufsätzen und Diktaten hat sich nach Einschätzung von Deutschlehrern nicht verringert; die Lesbarkeit der Schriftstücke von Schülern hat wegen der liberalisierten Kommasetzung gelitten.“

Zur Zukunft der Rechtschreibung in den Schulen fügte Kraus an:

„Die Schüler dürfen aus dem Hin und Her um die Reform keinen Nachteil haben.  Deshalb müssen die Ministerpräsidenten die Rechtschreibreform, wie von mehreren CDU/CSU-Ministerpräsidenten vorgesehen, nun zur Chefsache machen. Es wird ihnen vermutlich kaum etwas anderes übrig bleiben, als ein Moratorium einzuschieben und die herkömmliche Rechtschreibung wieder für verbindlich zu erklären. Andernfalls gerät der schulische Rechtschreibunterricht in eine Glaubwürdigkeitskrise. Vor allem für Schüler höherer Jahrgangsstufen muß die Übergangsfrist über den 1. August 2005 hinaus um rund fünf Jahre verlängert werden. Bis etwa zum Jahr 2010 sollten dann sowohl die herkömmliche wie auch die seit 1998 verbindlich gelehrte reformierte Rechtschreibung als richtig gelten. Bis zu diesem Zeitpunkt ist es auch möglich, vor allem die hinsichtlich Orthographie besonders relevanten Lese- und Sprachbücher im Zuge der Ersatzbeschaffung erneut mit herkömmlicher Rechtschreibung in den Schulen einzuführen. Länger als fünf bis sechs Jahre halten Bücher in den Kernfächern ohnehin nicht, weil sie dann rein vom Buchmaterial her verbraucht sind.“

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Für den Inhalt verantwortlich: Waltraud Fuchs (DL)



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