DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - PRESSEERKLÄRUNG  

Bonn, 3. Dezember 2002

Ein Jahr nach PISA:

"Schulpolitik führt nach wie vor Scheindebatten"

"Wichtige Daten sind immer noch nicht verfügbar"

Vor exakt einem Jahr wurden die Ergebnisse der Schulleistungsstudie PISA veröffentlicht. Josef Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL), stellt dazu fest:

„Ein Jahr nach PISA ist außer hyperaktiver Rhetorik wenig übrig geblieben. Besonders ärgerlich ist, dass ein großer Teil der PISA-Ergebnisse erst im März 2003 das Licht der Welt erblicken soll. Dass die Ergebnisse der Realschulen, Hauptschulen und Gesamtschulen erst eineinviertel Jahre nach der Veröffentlichung der internationalen PISA-Studie und neun Monate nach Veröffentlichung der Gymnasialergebnisse verfügbar sein sollen, ist kaum zu glauben. Vielmehr drängt sich der Verdacht auf, dass diese Veröffentlichungspraxis wahlkampftaktisch motiviert ist. Die umgehende Veröffentlichung aller Ergebnisse ist aber dringend geboten, damit endlich auch die Legendenbildung ein Ende hat, die Gesamtschule sei das richtige Schulmodell.

Völlig neben dem bildungspolitisch Notwendigen liegen die bildungspolitischen Beiträge der Bundesregierung. Das großspurig angekündigte Programm zur Ganztagsbetreuung mag zwar familienpolitisch interessant sein, an den PISA-Ergebnissen wird es nichts ändern, zumal die in Aussicht gestellten Gelder offenbar unter Finanzierungsvorbehalt stehen und nicht einmal ausreichen, um in den Schulen die für einen Ganztagsbetrieb notwendigen Kantinen einzurichten, geschweige denn die Personalkosten zu decken. Auch die von der Bundesregierung projektierte drastische Erhöhung der Studierquote ist Augenwischerei. Mit planwirtschaftlichem Quotendenken verbessert man keine Qualität. Im Übrigen sind viele deutsche Berufsabschlüsse mindestens auf dem Niveau, das in anderen Staaten als Hochschulniveau ausgegeben wird.

Entscheidend für den Bildungsstandort Deutschland wird in den kommenden zehn Jahren sein, ob es den sechzehn Ländern gelingt, den notwendigen Lehrernachwuchs anzuwerben. Von den derzeit 750.000 aktiven Lehrern in Deutschland gehen in den kommenden zehn Jahren über 300.000 in den Ruhestand. Nach dem jetzigen Stand werden diese 300.000 nicht durch Nachwuchskräfte ersetzt werden können, weil der Lehrerberuf in Deutschland ideell und materiell nicht mehr interessant ist. Die Politik hat dieses Problem des bevorstehenden Lehrermangels bislang restlos verschlafen.

Verschlafen hat die Politik auch eine solide Finanzausstattung der Schulen . Dass Deutschland im Vergleich mit vielen PISA-Spitzenreitern erheblich weniger Geld für Bildung aufbringt, zeigt, dass das Reden um den Rohstoff Geist über Sonntagsreden nicht hinaus geht. Gleichermaßen hilflos sind die Vorstöße der Länder Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen, die zugunsten von Bildung nunmehr eine Vermögenssteuer einführen wollen. Das ist Augenwischerei, weil mit diesen Steuern nur Löcher gestopft werden, die die Politik selbst aufgerissen hat. Es sind zudem dieselben Länder, die die Schulpolitik in den vergangenen Jahren als haushaltspolitischen Steinbruch benutzt haben.“
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Für den Inhalt verantwortlich: Waltraud Fuchs (DL)

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