DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL
       

Aus "SPIEGEL Online" vom 29. Dezember 2010

Pro Schulnoten

Muss es in der Schule Noten geben?



Noten gehören zur Schule wie der TÜV zum Auto - muss das so sein? Ja, meint Josef Kraus, Präsident des Lehrerverbandes. Ohne Noten sei Leistung nicht messbar.

Schulen ohne Noten, vor allem weiterführende Schulen ohne Noten – das ist naive Romantik, das ist biedere Gefälligkeitspädagogik.

Festzuhalten ist: Das Gros der Schüler und Eltern hat keinerlei Probleme mit Schulnoten. Und selbst Schüler mit schwächeren Leistungen zeigen ihre Noten oft genug wie Trophäen herum. Auch sehen die allermeisten Eltern in Noten ganz nüchtern nichts anderes als eine transparente Bilanz dessen, was der eigene Sprössling gerade geleistet oder eben nicht geleistet hat.

Vor allem sollte man nicht vergessen: Jede einzelne Schulnote ist nicht nur blanke Ziffer, sondern dahinter stecken oft genug endlos viele Korrekturzeichen und viele Verbesserungsvorschläge, so dass daran der individuelle Förder- und Nachholbedarf erkennbar wird. Nur werden aus solchen Orientierungshilfen seitens der Schüler und deren Eltern nicht immer Konsequenzen gezogen. Denn eigentlich dürfte es keinen Vater und keine Mutter überraschen, was im Jahreszeugnis der Töchter und Söhne steht. Man müsste nur ehrlich sein, sich kontinuierlich um die Schullaufbahn des eigenen Nachwuchses kümmern und an seiner Leistungsentwicklung Anteil nehmen. Schließlich gilt: Es gibt keine Bildungsoffensive ohne Erziehungsoffensive.

Noten entfalten eine motivierende Wirkung

Ansonsten entfalten Noten in aller Regel eine motivierende Wirkung: Erfolgreiches Arbeiten wird damit im Sinne eines "Weiter so!" bestärkt. Schwächere Schulnoten sind demgegenüber eine mehr oder weniger massive, oft auch notwendige Aufforderung an alle Beteiligten, über die zukünftig richtige Schullaufbahn und über zukünftiges Lern- und Arbeitsverhalten nachzudenken. Hinter schlechten Noten steckt nämlich neben Unaufmerksamkeit im Unterricht zumeist ein gewachsenes Wissensdefizit, das sich bei Fortsetzung des bisherigen Arbeitsverhaltens oder des bisherigen Bildungsweges weiter zu vergrößern droht.

Zum Popanz werden Noten und in der Folge Zeugnisse nur, wenn Eltern, Schüler oder Lehrer etwas, zum Beispiel ein Persönlichkeitsurteil, hineinprojizieren, was Noten und Zeugnisse nicht beinhalten. Zum Popanz werden Noten und Zeugnisse sodann, wenn Eltern Zuwendung von Noten abhängig machen und wenn bereits für die knapp befriedigende Einzelnote reichlich materielle Belohnung bis hin zum 50-Euro-Schein "rüberwächst".

Die vielfach proklamierten Alternativen zu Ziffernnoten sind keine echten Alternativen, denn entweder sind es geschönte Verbalgutachten, oder sie sind in einer Sprache gehalten, die Eltern und Schüler postwendend zur Frage an die Lehrer veranlassen: Welche Note wäre das denn jetzt? Ansonsten haben Jahrzehnte pädagogischer Forschung Zeugnisse und Noten nicht überflüssig gemacht. Es gibt dazu zwar international mehr als tausend Abhandlungen, vielerlei Modellversuche und eine unüberschaubare Zahl an Pilotprojekten. Aber die in schier undurchdringbarem Fachchinesisch geführte Diskussion um "Rasterzeugnisse", "Bausteinzeugnisse", "Berichtszeugnisse", "Briefzeugnisse", "zuwachsorientierte Leistungstests", "relative Notengebung" und dergleichen mehr - diese Diskussion konnte nicht verbergen, dass all dies oft nur Notenattrappen sind.

Ingesamt gilt: Schule kann keine Schule ohne eindeutige Leistungsbilanzen sein, sonst befände sich Schule in einem Elfenbeinturm - und das inmitten einer Leistungsgesellschaft.


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