DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL)- AKTUELL

Aus der FAZ und FAZ-Sonntagszeitung vom 12./13. Juni 2010

Lehrermangel gefährdet den Wirtschaftsstandort

Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften - in den sogenannten Mangelfächern fehlt es an Lehrern.
Das ist gefährlich. Insbesondere für ein Land, das sich als Industrie- und Exportnation versteht.

Von Josef   K r a u s

 Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL)


Das Verhältnis zwischen Bildung und Wirtschaft ist ein schwieriges, aber gleichwohl unauflösliches. Bildung und Wirtschaft sind aneinander gekettet wie ein Ehepaar, das nicht voneinander lassen kann, wiewohl es sich immer wieder auseinanderlebt. Das hat zu tun mit bisweilen unterschiedlichen gegenseitigen Erwartungen. Die Wirtschaft betrachtet Bildung als Standortfaktor und fordert von ihr Zulieferdienste, das heißt ausbildungsreife und berufsfähige junge Leute. Die Bildungseinrichtungen sind sich der Legitimität dieser Forderung durchaus bewusst, zugleich wehren sie sich gegen eine um sich greifende Indienstnahme für ökonomische Zwecke.
 
Ob man will oder nicht: Bei aller notwendigen Übernützlichkeit ist Bildung doch ein volks- und betriebwirtschaftlich relevanter Standortfaktor. „Bildung ist der einzige Rohstoff, den Deutschland hat.“ Dieser Sentenz mag man noch so überdrüssig sein. Sie bleibt dennoch richtig. Vor allem handelt es sich hier um einen Rohstoff, der unerschöpflich ist und endlos nachwachsen kann.
 
Damit dieser Rohstoff gepflegt und gemehrt werden kann, müssen - außer förderlichen häuslichen Umständen - die schulischen Rahmenbedingungen ideell, materiell und personell stimmen. „Ideell“ meint Bildungs- und Lernziele, Schulgesetze, Lehrpläne, Schulbücher, Niveaustandards. Zu den materiellen Vorgaben zählen: die Ausstattung der Schulen, die Schulbusnetze. Die wichtigste Bedingung für das Gelingen schulischer Bildung ist aber wohl das Personal, das Bildung vermittelt: die Lehrerschaft.
 
Auf deren Quantität und Qualität kommt es an. Für die Qualität der Lehrerbildung stehen in Deutschland eine zweiphasige Ausbildung mit einem universitären Studium und einem Referendariat sowie die Verpflichtung zur permanenten Fortbildung. Eine noch schwierigere Herausforderung freilich ist das Management der Quantität, also der Zahl der Lehrerstellen und Lehrer. Dabei ist die Zahl der Lehrerstellen zunächst eine politische Größe. Wie viele Stellen ein Bundesland unterhält, ist eine politische Setzung, die viel über die Finanzkraft eines Landes und die dort dem Bildungssektor zugewiesene Wertigkeit aussagt.
 
Die andere wichtige Größe ist die Zahl der Nachwuchslehrer. Hier haben wir seit mehreren Jahren ein erkennbares, aber zugleich verdrängtes Problem. Von den derzeit rund 800.000 aktiven Lehrern in Deutschland gehen nämlich bis 2020 über 300.000 in den Ruhestand. Wollte man selbst angesichts eines bevorstehenden Rückgangs der Schülerzahlen die schulischen Rahmenbedingungen auch nur geringfügig verbessern, müssten diese gut 300.000 Lehrer komplett durch junge ersetzt werden.
 
Dies wird in wichtigen Fachbereichen schulischer Bildung nicht möglich sein. Bereits seit Jahren leiden Deutschlands allgemeinbildende Schulen an einem Mangel an Lehrern der Mathematik, der Informatik und der naturwissenschaftlichen Fächer. An den Gymnasien fehlt es zudem an Nachwuchs für das Fach Latein und an den beruflichen Schulen an jungen Lehrern der Fächer Elektrotechnik, Metalltechnik, Informationstechnik sowie der wirtschaftspädagogischen Fächer. Es steht zu befürchten, dass sich diese Lücken nicht werden schließen lassen. Denn dieser Nachwuchsmangel hat zu tun mit der mangelnden materiellen und ideellen Attraktivität des Lehrerberufes sowie mit den attraktiven Beschäftigungsmöglichkeiten der meisten dieser potentiellen Junglehrer in der Wirtschaft.
 
Selbst wenn man in grenzenlosem Optimismus annähme, die Politik wollte ihre schulpolitischen Hausaufgaben mustergültig erledigen sowie für kleinere Klassen und für mehr Förderstunden für schwache und für Spitzenschüler sorgen, bliebe immer noch die Frage: Gibt es dafür genügend Lehrer? Nein, aller Voraussicht wird es sie vor allem in den genannten Mangelfächern nicht geben. Die Folgen werden unabwendbar sein – für die Schüler selbst und für das Gemeinwesen. Es wird zu Stundenkürzungen sowie zu größeren Klassen kommen, es wird wieder keine Vertretungsreserve geben. Wenn damit auch nur zehn Prozent an Unterricht gekürzt werden oder ersatzlos ausfallen müssen, dann summiert sich das über eine individuelle Schullaufbahn hinweg leicht auf ein komplettes Schuljahr an Defiziten. Wenn sich zudem, was zu erwarten ist, diese Defizite vor allem in den Naturwissenschaften und in der Mathematik konzentrieren, dann werden damit die Fundamente der Innovation-, Industrie- und Exportnation Deutschland sehr brüchig werden.


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